Schule in Lappeenranta
Die Schule Sammontalo in Lappeenranta knüpft Vorstadtfragmente zusammen. Mit dem stoisch daherkommenden Gebäude lassen Nervin Architecture Form und Farbe fast zum Ornament werden.
Text: Vartola, Anni, Espoo (Finnland)
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Die Fassaden bestehen aus gebrannten Ziegeln. Metall- und Holzbauteile sind farbig gestrichen, die Dächer mit Tondachziegeln gedeckt.
Foto: Rasmus Norlander
Die Fassaden bestehen aus gebrannten Ziegeln. Metall- und Holzbauteile sind farbig gestrichen, die Dächer mit Tondachziegeln gedeckt.
Foto: Rasmus Norlander
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Nervin gewannen den Wettbewerb mit dem Entwurf „Valkoinen piha“: weißer Hof.
Foto: Rasmus Norlander
Nervin gewannen den Wettbewerb mit dem Entwurf „Valkoinen piha“: weißer Hof.
Foto: Rasmus Norlander
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Der Name bezieht sich auf den hellen Innenhof, der sich im Zentrum des roten Ziegelbaus als Hauptaufenthaltsbereich öffnet.
Foto: Rasmus Norlander
Der Name bezieht sich auf den hellen Innenhof, der sich im Zentrum des roten Ziegelbaus als Hauptaufenthaltsbereich öffnet.
Foto: Rasmus Norlander
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Die öffentlichen Bereiche wie Eingangshalle, Bibliothek ...
Foto: Rasmus Norlander
Die öffentlichen Bereiche wie Eingangshalle, Bibliothek ...
Foto: Rasmus Norlander
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... und Erschließung sind rot akzentuiert.
Foto: Rasmus Norlander
... und Erschließung sind rot akzentuiert.
Foto: Rasmus Norlander
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Eine Sitztreppe und gegenüber davon eine Bühne schaffen einen theaterartigen Raum im Hauptfoyer.
Foto: Rasmus Norlander
Eine Sitztreppe und gegenüber davon eine Bühne schaffen einen theaterartigen Raum im Hauptfoyer.
Foto: Rasmus Norlander
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Die Lernbereiche sind in hellen, vom Naturholz abgeleiteten Beigetönen als ruhige, ...
Foto: Rasmus Norlander
Die Lernbereiche sind in hellen, vom Naturholz abgeleiteten Beigetönen als ruhige, ...
Foto: Rasmus Norlander
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... konzentrationsfördernde Arbeitsumgebungen gehalten.
Foto: Rasmus Norlander
... konzentrationsfördernde Arbeitsumgebungen gehalten.
Foto: Rasmus Norlander
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Größe runterbrechen: Dachform und Fensterband erzeugen einen pavillonartigen Eindruck.
Foto: Rasmus Norlander
Größe runterbrechen: Dachform und Fensterband erzeugen einen pavillonartigen Eindruck.
Foto: Rasmus Norlander
In den vergangenen Jahren hat der anhaltende Erfolg finnischer Schülerinnen und Schüler bei den PISA-Studien international großes Interesse am offenbar so erfolgreichen Bildungssystem des Landes geweckt. Tatsächlich misst Finnland der Bildung seit jeher eine hohe Bedeutung bei, sowohl als Motor sozialer Mobilität als auch gesellschaftlicher Entwicklung, und hat entsprechend konsequent Reformen vorangetrieben. Trotz fortlaufender Anpassungen der Bildungspolitik ist das Ideal gleicher Bildungschancen für alle unverändert geblieben. In einer alternden Gesellschaft mit nur 5,6 Millionen Bürgern und stagnierender Wirtschaft wäre die Vergeudung menschlichen Potenzials fatal.
Die fortschrittliche Bildungspolitik Finnlands ging stets einher mit dem Anspruch, funktiona-le, kosteneffiziente sowie sozial und psychologisch unterstützende Lernumgebungen zu schaffen. Zeitgenössische Pädagogik setzt auf schülerzentrierte Ansätze, flexible und offene Raumstrukturen sowie kontinuierliche Bildungswege. Daraus resultieren zunehmend große, multifunktionale Projekte, die sämtliche Bildungsstufen und begleitende Angebote unter einem Dach vereinen. Zugleich wird die Schule seit Langem als wichtiger Treffpunkt im Quartier und damit integraler Bestandteil sozialer Kohäsion und Inklusion verstanden.
Die im Sommer 2025 fertiggestellte Sammontalo-Schule mit Mehrzweckgebäude im Südosten Finnlands ist ein aktuelles Beispiel dieses Denkens. Sie zeigt zudem eindrücklich, welche Kraft in professioneller Zusammenarbeit liegt, gerade im Umgang mit sich wandelnden Rahmenbedingungen und schwankenden politischen Haltungen gegenüber Architektur. Allzu oft gerät dabei doch in Vergessenheit, dass die Qualität von Lehr- und Lernräumen keine Nebensache ist, sondern eine Investition in die Steuerzahler von morgen, unsere Kinder und Jugendlichen.
Stadt heilen
Wie so oft in der finnischen Architektur ging auch dieses Projekt aus einem offenen, zweistufigen Wettbewerb hervor, den das junge Büro Nervin Architecture, bis 2023 AS LL TK, für sich entschied. Die Stadt Lappeenranta betonte, dass es nicht allein um die Realisierung einer innova-tiven Schule ging, sondern um eine architektonische Lösung, die das fragmentierte städtebau-liche Gefüge heilt und das multikulturelle Zentrum des Stadtteils Sammonlahti, geprägt von sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen, stärkt. Dieses Zentrum besteht aus einem kreisförmigen Einkaufsensemble und einer lutherischen Kirche – beide seltene Beispiele postmoderner Architektur –, ergänzt durch verstreute Wohnbauten mit überwiegend Mietwohnungen. Im Umfeld der Schule dominiert roter Backstein, ebenso wie eine selbstbewusst ausgeprägte Formensprache.
Die erste Phase des 2018 ausgelobten Wettbewerbs verzeichnete 57 Beiträge, von denen vier Entwürfe in die zweite Runde gelangten. Im 2019 veröffentlichten Jurybericht wurde der Siegerentwurf für seine eindrucksvolle Erscheinung, seine sensible und ausgewogene Einbindung in das Stadtbild, seine Flexibilität für eine abschnittsweise Realisierung sowie vor allem für das hohe architektonische Engagement der Entwurfsverfasser gewürdigt. Das Raumprogramm umfasste ursprünglich eine Kindertagesstätte, eine Gesamtschule, eine öffentliche Bibliothek, eine Geburtsklinik, ein Jugendzentrum und eine Sporthalle. Im weiteren Planungsprozess wurden die Bevölkerungsprognosen nach unten korrigiert, während die Baukosten infolge der Covid-Pandemie und des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine stark anstiegen. Die Geburtsklinik entfiel, die Bruttogrundfläche wurde von 16.400 Quadratmetern auf 12.123 Quadratmeter reduziert. Für die Architektin Tuuli Kanerva und ihre Kollegen Antti Soini und Leo Lindroos, alle in ihren Dreißigern, erstreckte sich die Planung über mehr als sechs Jahre. Sie erforderte große Beharrlichkeit angesichts wiederholter Unterbrechungen sowie ständiger Anpassungen von Programm, Maßstab und Budget.
Ohne Extravaganz
Die Ausdauer des Teams unter schwierigen Bedingungen hat sich ausgezahlt. Heute bietet die Schule rund 800 Schülerinnen und Schülern aus 35 Sprachräumen einen Lernort. Insgesamt nutzen täglich mehr als 1300 Menschen den Gebäudekomplex von früh morgens bis in die Abendstunden. Das Gebäude ist groß, ohne dabei streng formalistisch oder monumental zu wirken. Es tritt dem Umfeld freundlich und zugewandt gegenüber, Wege führen Besucherinnen und Besucher fast selbstverständlich durch das Haus. Im Inneren herrscht eine helle, lebendige, zugleich würdige und gefasste Atmosphäre. Der Kindergarten sowie die Klassenstufen 1 bis 2, 3 bis 6 und 7 bis 9 verfügen jeweils über eigene Bereiche mit separaten Zugängen. Neben gut ausgestatteten Werkstätten zählen die zentrale Versammlungshalle mit umlaufenden Galerien sowie die effizient organisierte, zugleich einladende öffentliche Bi-bliothek zu den funktionalen Kronjuwelen – ideal positioniert sowohl für die Schule als auch für die Nachbarschaft. Blickachsen entlang der Flure schaffen visuelle Zusammenhänge. Die räumliche Disposition verzichtet auf Extravaganz. Die Verwendung kostengünstiger Materialien sowie die zurückhaltende Ausstattung und Freiraumgestaltung sind offensichtlich.
Farbe und Kontext
Dennoch zeugt das Gebäude von einer bemerkenswerten architektonischen Sorgfalt. Zu den prägnantesten Qualitäten zählen die konsequente tektonische Klarheit, ein systematisch eingesetztes und zugleich differenziertes Farbkonzept, der rationale und kreative Einsatz von Holz, das Verhältnis zum Kontext sowie die Anwendung klassischer Prinzipien in der räumlichen Gliederung. Angesichts dessen, dass es sich bei Sammontalo um die erste größere Realisierung des Büros handelt, bleibt mit Spannung zu beobachten, inwiefern dieses bemerkenswerte Gebäude neue Maßstäbe für ein vielfältigeres architektonisches Klima setzen kann. In einem solchen Klima wird architektonische Qualität nicht über Neuheit oder Konformität definiert, sondern über originelles Denken und die überzeugende Artikulation räumlicher und struktureller Logik mit universellen architektonischen Mitteln, ohne spektakuläre Gesten.
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