Bauwelt

Heinz Hilmer (1936–2026)

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

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Heinz Hilmer in der Gemäldegalerie Berlin, 2007
Foto: Stefan Müller

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Heinz Hilmer in der Gemäldegalerie Berlin, 2007

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Heinz Hilmer (1936–2026)

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

„Langeweile ist – nimmt man das Wort wörtlich – für die Architektur immer sehr wohltuend, ganz im Gegensatz zum Aufgeregten“, hat Heinz Hilmer einmal gesagt, in seiner Dankesrede zur Verleihung des Münchner Architekturpreises im Jahr 2003. Das war wunderbar ironisch, weil es den in der Architektur der Moderne wohl so ziemlich schlimmsten Vorwurf, nämlich langweilig zu bauen, umdreht und zu einer Tugend erklärt, zum Gegensatz des „Aufgeregten“. Und so hat er, ohne dass er die Moderne hätte angreifen oder überhaupt nur beim Namen nennen müssen, eine Fundamentalkritik an der Moderne geäußert, bei der jeder Zuhörer verstand, was gemeint war – und vor allem, wie berechtigt sie ist.
Heinz Hilmer, 1936 im westfälischen Münster geboren, hat nach dem Studium an der Technischen Hochschule München, wo er 1963 seinen Abschluss machte, zunächst ein Jahrzehnt lang in der Bauabteilung der Neuen Heimat gearbeitet, jenem gewerkschaftseigenen Konzern, den man Heutigen erklären muss, so weit weg ist er historisch gerückt. Aber damals, in den 1960er Jahren, war die Neue Heimat der mächtigste Baukonzern und so etwas wie die Verwirklichung des Versprechens, jedem Bundesdeutschen eine anständige Wohnung zu verschaffen. Aus dieser abhängigen Position heraus hat er mit seinem gleichfalls bei der Neuen Heimat angestellten Studienkollegen Christoph Sattler an einem städtebaulichen Wettbewerb für Karlsruhe teilgenommen – und gewonnen. Das war die Initialzündung zur Gründung eines eigenen Büros im Jahr 1974.
Die über viele Jahre sich erstreckende Abkehr von der Funktionalismus-Moderne der 60er Jahre und den Übergang zur Postmoderne der 80er haben die Architekten genau in derjenigen Zeit miterlebt, in der sie ihre eigene Handschrift ausbildeten. Mit Wohn- und Geschäftsbauten vorwiegend in ihrer Heimatstadt München wurden sie bald selbst der postmodernen Strömung zugerechnet, wie jeder, der nur Sockel oder Gesims zeichnen konnte. Doch Heinz Hilmer hat sich dagegen verwahrt. 1990 führte Hilmer in einem Interview Grundsätzliches aus: „Die Frage nach unserem Verhältnis zur Postmoderne ist sicher berechtigt. Vor dem Hintergrund einiger aktuellerer Planungen(...) mussten wir sehr anfällig gewesen sein für die oberflächlichen Verlockungen der Postmoderne. Aber was wir uns nicht geleistet haben, ist dieser maßlose Griff in die Requisitenkiste der Geschichte. Die unreflektierte Jagd auf Zitate war für uns nicht das Ziel (...).“
Auf die Frage nach einem „bewussten Bruch mit dem Funktionalismus“ antwortete Hilmer, dass es „eine so deutlich fixierte Gegenposition“ nicht gegeben habe, „obwohl uns die Architektur der 60er Jahre sehr zu schaffen gemacht hatte. Diese Kritik führte zu einem Prozess der Distanzierung. (...) Unsere Suche nach dem Besseren, auch in der äußeren Erscheinung, führte uns nach Wien.“ Mit dem Verweis auf Otto Wagner oder Adolf Loos, dazu das Haus Wittgenstein zu nennen, aber auch die Wohnanlagen, die „Höfe“ des Wiener Gemeindebaus ist eine „andere“ Moderne als die des Funktionalismus angesprochen, dem Hilmer im eingangs zitierten Wort bloße Aufgeregtheit attestiert.
Die „äußere Erscheinung“ mochte aus dem Inneren eines Hauses entwickelt sein, wie es das Credo der Moderne besagt, aber, so Hilmer, „das muss nicht sein. Es passiert uns durchaus, dass wir die enge Bindung zwischen Inhalt und Form zugunsten einer formalen Aussage vernachlässigen.“ Und so war der Weg frei zu einer Architektur, die sich einfügt in den größeren Zusammenhang der Stadt. Dem Städtischen galt immer die Aufmerksamkeit des Büros, am sichtbarsten im Masterplan, den sie 1991 für das vollständig neu zu bebauende Areal rings um den Potsdamer Platz in Berlin entwarfen und der dann als Siegerentwurf tatsächlich die Grundlage des folgenden Baubooms bildete, ohne dass das in der Öffentlichkeit recht zur Kenntnis genommen wurde.
Berlin wurde neben München zum zweiten Standort des Büros, hier kamen etwa mit der 1998 eröffneten Gemäldegalerie wichtige Bauten hinzu, dann aber mit dem Schloss, bei dem sie dem Siegerentwurf von Franco Stella zur Realisierung verhalfen, ein gleichermaßen stadtbildprägender Bau. An einer theoretischen Fundierung, gar an Pamphleten und Manifesten hatte zumal der persönlich eher zurückhaltende Heinz Hilmer kein Interesse, auch nicht am Lehrbetrieb der Universitäten. Das Interesse am Bauen selbst, an den Materialien, an der Ausführung stand immer im Vordergrund. Die Qualität der Bauten von Hilmer und Sattler bezeugt das eindrücklich. In der Architektur wie in allen Künsten kommt es nicht auf die Etikettierung an. Da, hat Hilmer gesagt, gebe es nur die Unterscheidung von „schlecht und gut“. In diesem Sinne hat er gute Architektur geschaffen, langweilig so wenig wie aufgeregt. Aus der Leitung des Büros zog er sich 2014 zurück; jetzt ist Heinz Hilmer 90-jährig in München verstorben.


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