Zeitlos und gut

Dänisches Design scheint eine neue Selbstvergewisserung und historische Revision zu erfahren, zumindest legt dies eine aktuelle Ausstellung in Bremen nah.

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Der Affe von Kay Bojesen, 1951.
    Foto: Kay Bojesen/Rosendahl Design Group

    Der Affe von Kay Bojesen, 1951.

    Foto: Kay Bojesen/Rosendahl Design Group

    Hans J. Wegners Pfauen­stuhl von 1947.
    Foto: Hans J. Wegner/PP Møbler

    Hans J. Wegners Pfauen­stuhl von 1947.

    Foto: Hans J. Wegner/PP Møbler

    Leuchte Globe von 1970 des Desigerns Verner Panton.
    Foto: Verner Panton Design/Verpan

    Leuchte Globe von 1970 des Desigerns Verner Panton.

    Foto: Verner Panton Design/Verpan

Zeitlos und gut

Dänisches Design scheint eine neue Selbstvergewisserung und historische Revision zu erfahren, zumindest legt dies eine aktuelle Ausstellung in Bremen nah.

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

„Much More Than One Good Chair“ lautete die These im Felleshus der nordischen Botschaften Berlin, die im Sommer 2017 darüber erhellte, weshalb dänisches Design so populär werden und bis in die Gegenwart bleiben konnte. In Zeiten von Arne Jacobsen, Fisker & Møller oder auch des Landschaftsarchitekten C. Th. Sørensen galt Dänemark ja lange als Epizentrum vorbild­licher Baukultur und Gebrauchsform. Im populärkulturellen Bereich hat die dänische Lebensart bereits schon länger ein Revival erfahren: Das auch im Duden erläuterte Wohlgefühl namens „Hygge“ hat auflagenstarke Publikationen zum Einrichten, Dekorieren, Gärtnern oder Kochen losgetreten.
Nun ist die Berliner Ausstellung in erweiterter und auf das Wilhelm Wagenfeld Haus zugeschnittener Form in Bremen zu sehen. Anders als eine große Überblickschau im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, die 2018 mit rund 320 Objekten aus der eigenen Sammlung ganz systematisch den Weg dänischer Formgestaltung, beginnend 1900 mit der nationalen Spielart des Jugendstils, dem Skønvirke, bis in die Gegenwart nachzeichnete, beschränkt man sich in Bremen auf den Zeitraum von 1945 bis heute. Aber auch das sind immerhin sieben Jahrzehnte Designgeschichte, die in drei Phasen gegliedert und mit exemplarischen Produkten belegt werden.
Am Beginn steht die an Ressourcen knappe Nachkriegszeit bis zum Jahr des kulturellen Umbruchs 1968. Das ist, vielleicht gerade aufgrund der materiellen Beschränkungen, die eingangs erwähnte „ikonische“ Zeit dänischen Gestaltens. Die filigranen, an handwerklicher Fertigung orientierten Stühle von Hans J. Wegner entstanden ab den späten 1940er Jahren, während der 1950er Jahre entwarf Arne Jacobsen dann seine le­gendären Sitzmöbel-Klassiker: Ameise, Ei und Schwan. Der vielleicht erfolgreichste Stuhl der gesamten Möbelgeschichte wurde Jacobsens Serie 7, eine Weiterentwicklung der Sitzschale der Ameise aus verleimtem, formgepresstem und gefärbtem Eschen-Furnier. Und nicht zu vergessen: Lego! Die unendlich kombinierbaren Spielsteine mit Steckverbindungen eroberten ab 1949 die Kinderzimmer.
Der Zeit wirtschaftlicher Konsolidierung zwischen 1969 und 1990 entsprangen dann formal reduzierte Produkte in werthaltig modernen Materialien. Die Armaturenserie Vola, etwa, und Tischgefäße aus Edelstahl, beides von Arne Jacobsen, oder die Stelton-Isolierkanne von Erik Magnussen versuchten den Rückgriff auf das Bauhaus sowie den Anschluss an das asketische Vokabular der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Diese Haltung stellte zumindest eine Akzentverschiebung in der dänischen Produktgestaltung dar, die sich nun verstärkt internationalisierte, Beispiel: Bang & Olufsen. Das 1925 gegründete Unternehmen für Unterhaltungselektrik engagierte nicht mehr nur skandinavische Designer, ab 1981 verantwortete der Brite David Lewis die ästhetische Linie.
Die dritte Phase nach dem Ende des Kalten Krieges bis heute scheint verstärkt soziale Aspekte guter Gebrauchsform zu reflektieren: Medizinprodukte und leichte, multifunktionale Möbel, auch umweltbewusst aus Holzabfällen, zeugen von idealistischen Momenten innerhalb eines harten, globalen Wettbewerbs.
Ganz ohne historischen Rückgriff kommt aber auch die Bremer Ausstellung nicht aus. Zu Beginn des Rundgangs wartet eine große, nach Standards des dänischen Königshauses festlich gedeckte Tafel mit einer Ikone nationaler Porzellanproduktion auf, dem blau-weißen Dekor „Musselmalet“. 1775 aufgelegt, erfreut es sich bis heute immer neuer zeitgenössischer Interpretationen. Ganz dezent sind hier dann auch Verweise auf den geistigen Hausherren platziert, nämlich Entwürfe von Wilhelm Wagenfeld: eine Glasserie von 1935 sowie Leuchter und Servierschale aus seiner umfangreichen Arbeit für die Württembergische Metallwarenfabrik ab 1950. Auch für sie gilt: „einfach gut“.

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