Wohnung und Job

Text: Redecke, Sebastian, Berlin, Crone, Benedikt, Berlin

Wohnung und Job

Text: Redecke, Sebastian, Berlin, Crone, Benedikt, Berlin

Hinsichtlich der Brisanz der aktuellen Wohnraumproblematik in Deutschlands Ballungsgebieten lohnt ein Blick ins Nachbarland Frankreich. Türme zum Wohnen wachsen dort in jeder größeren Stadt in die Höhe. Meist stehen sie in einem neuen Quartier und setzen ein deutliches Zeichen im Stadtbild. Warum ist das Verlangen so groß nach dieser Auffälligkeit? Wie erklärt sich ihr spielerisch-experimenteller Charakter? Steht man in großer Konkurrenz zueinander und muss aus diesem Grund Architekten mit prägnanter Handschrift auswählen? Ist alles daher nur eine Vermarktungsstrategie? Oder ist hier eine deutliche Entwicklung mit Innovationen im Wohnungsbau erkennbar?
Josepha Landes hat drei Wohntürme besucht. In Lyon nennt sich der Turm von Anfang an selbstbewusst „Ycone“. Er zeigt sich mit einer subtilen, fast schon fragil wirkenden, zweiten Außenhaut und riesigen Sonnensegeln als oberem Abschluss. Der Turm stammt von Jean Nouvel, der sich hier wohl einer neuen kleinteiligen Entwurfssprache angenähert hat. In Montpellier ist ein „Arbre Blanc“ in die Höhe gewachsen. Suo Fujimoto, Nicolas Laisné und OXO Architectes präsentieren ihren weißen Turm mit riesigen Balkonen, die scheinbar völlig frei und schwerelos aus dem Baukörper herauswachsen. Sonderbar im absoluten Kontrast: Vor 30 Jahren entstanden nebenan die Wohnungen mit pompösen Schlossfassaden von Ricardo Bofill. In Grenoble hat der für eigenwillige Ideen bekannte Architekt Edouard François vorgeschlagen, sämtliche Außenräume der Wohnungen seines Turms als Terrassen im oberen Abschluss zu stapeln. So haben alle Bewohner einen nahezu gleichwertigen Ausblick auf die umgebende Alpenkulisse.
Bedauerlich ist, dass bei allen drei Türmen die Innenräume mit dem Gehäuse bei weitem nicht mithalten können. Im Grundriss und in der Ausstattung bieten sie nur Standard, mit einigen Zwängen.
Über sich hinauswachsen
Der Gang zum Amt, vor allem zum Jobcenter, gehört für viele zu einer weniger erfreulichen Tätigkeit. Ein Glück, wenn wenigstens die Architektur der Amtsstube zu einem angenehmen und funktionierenden Verwaltungsalltag beiträgt. Solche schönen Räume hat das Jobcenter im Berliner Stadtteil Wedding bezogen: im sanierten Bornemann-Hochhaus an der Müllerstraße. Einen bundesweit einzigartigen Weg beschreitet der Jobcenter-Neubau in Oberhausen, entworfen von den Architekten Kuehn Malvezzi und dem Atelier Le Balto. Am Altmarkt der Stadt entstand ein Hybrid­gebäude aus Bürobau und Dachgewächshaus, mit dem der Begriff „Verwaltungsdschungel“ zur wortgetreuen Wirklichkeit werden könnte.

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