Wissensstadtgesellschaft

Der beste Campus ist die Stadt, meint Klaus Brake, der sich an der TU Berlin mit den räumlichen Voraussetzungen und Konsequenzen der Wissens- und Kreativökonomie auseinandersetzt.

Text: Crone, Benedikt, Berlin; Landes, Josepha, Berlin

Wissensstadtgesellschaft

Der beste Campus ist die Stadt, meint Klaus Brake, der sich an der TU Berlin mit den räumlichen Voraussetzungen und Konsequenzen der Wissens- und Kreativökonomie auseinandersetzt.

Text: Crone, Benedikt, Berlin; Landes, Josepha, Berlin

Sie haben sich mit den Zusammenhängen zwischen Kreativwirtschaft und Stadtentwicklung beschäftigt. Sehen Sie vergleichbare Zusammenhänge auch zwischen Wissenschaftsbetrieb und Stadtentwicklung?
Die Gründe, sich in einem urbanen Milieu zu bewegen, sind dieselben für Kreative wie für diejenigen, die Wissenschaft beruflich betreiben. Wir alle verfügen über Wissen. Indem wir in Städten zusammenleben, die für den Austausch dieses Wissens hervorragend geeignet sind, gibt es viele Wechselwirkungen. Genau die sind als Ins­pirationsquelle für die Kreativwirtschaft ebenso wichtig wie für die Wissenschaft. Die unorganisierte Anregungsvielfalt, wie sie in Städten existiert, ist ein kreatives Chaos, das etwa auf einem universitären Campus oft fehlt.
Suchen Naturwissenschaftler diese Inspiration genauso wie Forscher aus den Sozial- und
Kul
turwissenschaften?
Ich kenne keine empirischen Daten, die dagegensprechen. Ich glaube, dass sie aus eher praktischen Gründen gerne auf einem Campus arbeiten. Sie beziehen sich jeweils auf die Logik ihrer Disziplin. Die Austauschmöglichkeiten mit benachbarten Wissenschaften und Forschern werden aber wichtiger. In sich geschlossene Campus kennen wir um 1900 bereits in Dahlem und seit den 1960er Jahren aus den USA. Inzwischen scheinen aber viele, die auf einem solchen Campus arbeiten, sich doch eher in städtischen Lagen und nichtam Rand verorten zu wollen. Das gilt für Sozialwissenschaftler besonders.
Wie wichtig ist die Attraktivität eines Standorts für den Wissenschaftler als Privatperson?
Das private Umfeld hat großen Einfluss darauf, ob man sich an einem Ort wohl und motiviert fühlt. Da spielt auch eine Rolle, welche Angebote eine Stadt für die Familien der Wissenschaftler bietet. Auch kann die Attraktivität einer Stadt dazu beitragen, dass Wissenschaftler offen sind für Neues und dafür, sich einzubringen.
Ist es für die Generierung von neuen Ideen und Gedanken nach wie vor wichtig, räumlich bei­einander zu sein, statt vor Skype oder Facetime zu sitzen?
Durchaus. Für unverhofft Neues nämlich bedarf es eines Milieus der Offenheit, Vielfalt und des Austauschs, um Dinge aufzunehmen, die noch gar nicht im Blick sind. Und diese Offenheit ist vor allem in Situationen möglich, die komplex, relativ unbestimmt und räumlich eher dicht sind. Das sind zum einen städtische Gebiete, es können aber auch entsprechend offen organisierte Meetings sein.
Um diesen Ansatz besser zu verstehen, ist es wichtig, Information und Wissen auseinander zu halten. Wissen wird in dem Moment zu Information, wo bestimmte Erkenntnisse codiert und medial vermittelbar werden. Wissen selbst ist noch offener, verhandelbarer als Information. Offenbar merken Hochschulen seit einiger Zeit, dass die vorhandenen Campusstrukturen für diesen Austausch nicht das Gelbe vom Ei sind. Auch deshalb ist eine Reurbanisierung von Wissen in Gange. In den sechziger und siebziger Jahren gab es mit neuen Hochschulen etwa eine Suburbanisierung. Heute wird es für Städte wieder wichtig, Wissenschaftsstandorte innerhalb der Stadt zu fördern. Bebauungsmöglichkeiten für multifunktionale Nutzungen sind dabei eine Grundvoraussetzung. Es wäre auch sinnvoll, explizite Anlaufpunkte zu schaffen, um Stadtbevölkerung und Wissenschaft zusammenbringen, etwa ein „Haus des Wissens“ als Ort des Austauschs.
Was halten Sie von der Idee mehrerer über die Stadt verteilter Minicampus?
Eine gute Idee. Je größer allerdings ein Campus wird, desto mehr steht er einer Vernetzung von Wissen und Stadt entgegen.
Wie könnte eine Universität sich in Innenstadtlage sichtbar machen?
Standörtliche Imagepflege wird immer wichtiger für den Auftritt von Wissenschaftseinrichtungen. Ihre Gebäude sollten als Orte der Wissensproduktion erkennbar und zugänglich sein, um die Ressource Wissen wirklich zu stärken. Es gehtbei der Stadt des Wissens zwar erstmal um die Bedürfnisse der professionellen Wissenschaftler, aber für deren Impetus ist es noch besser, wenn so eine Stadt insgesamt von einer umfänglichen Wissensneugierde belebt wird. Dafür und für eine Interaktion mit der Bevölkerung müssen die Gebäude der Wissenschaft auch erkennen lassen, was in ihnen Interessantes vor sich geht. Kaum jemandem, der im Auto um den fünfspu­rigen Ernst-Reuter-Platz in Berlin kreist, dürfte klar sein, dass er sich in direkter Nähe einer Technischen Universität befindet. Die Gebäude sehen aus wie beliebige Bürohochhäuser, und auch ein ordentliches Branding fehlt – da ist nichts Animierendes.
Wenn eine Stadt wie Berlin das Interesse verfolgen sollte, Bevölkerung und Institutionen miteinander zu verknüpfen, wie kommt es dann, dass mit Adlershof noch immer Wissensstandorte außerhalb der Innenstadt entstehen?
Adlershof war ein überkommener Standort und ist ein Riesenerfolg für produktorientierte Kooperation von Wissenschaft und Unternehmen geworden. Zu viel Monofunktionalität und zu wenig Urbanität des Quartiers wurden spätestens deutlich, als mit der Humboldt-Universität ein wissenschaftlicher, nicht nur auf Umsetzung ausgerichteter Akteur hinzugekommen ist. Die Studenten und Mitarbeiter haben Erwartungen an die Umgebung mitgebracht, die diese nicht erfüllen konnte. Das liegt an der Grundstruktur des Gebiets. Allein die große Durchgangsstraße Rudower Chaussee in einen städtischen Boulevard zu verwandeln, ist fast unmöglich: Die Straße ist zu breit, und die Gebäude wirken nicht genügend raumbildend.
Von der Großstadt zur Kleinstadt: Glauben Sie, dass man strukturschwachen Regionen durch die Ansiedlung einer Hochschule eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft verschaffen kann? Oft ziehen Studenten nach dem Abschluss doch fort, und Lehrende leben ebenfalls in anderen Städten.
Bei wirklichen Kleinstädten ist das ein ganz anderes Thema, als wenn wir von kleinen Großstädten reden. Oldenburg zum Beispiel hat 1970 eine Universität bekommen, auch am Stadtrand. Was diese Universitätsgründung für die Stadt bewirkt hat, ist grandios. Die ehemalige Residenzstadt war eine Beamtenstadt mit wenig Industrie, eine ziemlich biedere Stadt. Als sich die Universität ein relativ fortschrittliches politisches Programm leistete, da war die Stadt erst einmal empört. Dann aber hat die Universität sehr früh überlegt, wie die Erkenntnisse der universitären Ausbildung und Forschung in Erwerbstätigkeiten außerhalb der Uni, aber vor Ort umgesetzt werden könnten. Ein Beitrag, das Knowhow der Absolventen am Ort zur Wirkung zu bringen, ohne an der Universität zu kleben. Heute nennt man das Start-ups und Innovationszentren. Dadurch ist auch ein ganz neuer Stadtteil mit privatwirtschaftlichen und zum Teil auch universitären Institu­tionen entstanden. Insgesamt ist die Stadt offener geworden, das kulturelle Leben hat sich – wie in anderen solchen Städten – erheblich entwickelt. Oldenburg ist attraktiver geworden und hat sich als „ÜberMorgenStadt“ dann auch erfolgreich als „Stadt der Wissenschaft“ beworben.
Fakten
Architekten Brake, Klaus, Berlin
aus Bauwelt 26.2018
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