Zweimal Wiederaufbau

In Hamburg und in Berlin sollen zwei Synagogen rekons­truiert werden

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Ein erster Entwurf für den Wiederaufbau der Synagoge am Fraenkelufer in Berlin entstand bereits.
Abb.: Kilian Enders, D/FORM

Ein erster Entwurf für den Wiederaufbau der Synagoge am Fraenkelufer in Berlin entstand bereits.

Abb.: Kilian Enders, D/FORM


Zweimal Wiederaufbau

In Hamburg und in Berlin sollen zwei Synagogen rekons­truiert werden

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Die Synagoge in Mainz ist in Deutschland die letzte der bisher 16 Synagogen, die am historischen Standort gebaut wurde. Vor elf Jahren realisierte sie Manuel Herz als zeitgenössischen Neubau. Auch in Herford wurde 2010 eine kleine Synagoge an ihrer ursprünglichen Stelle wiederaufgebaut, sie ist die erste, die sich formal an ihrem Vorgängerbau orientiert. In Berlin und Hamburg sind derzeit zwei jüdische Gotteshäuser in Planung. Der komplette Wiederaufbau der durch die Nationalsozialisten zerstörten Gebäude wäre in beiden Städten ein Novum. Für viele jüdische Gemeinden war eine Rekonstruktion lange Zeit nicht denkbar: Ihre Geschichte, ihre Zerstörung, der Bruch, sollten sichtbar bleiben.
Im November 2020 gab der Haushaltsausschuss des Bundestags 65 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Bornplatz-Synagoge im Hamburger Grindelviertel frei. Als größtes jüdisches Gotteshaus in Norddeutschland war sie 1906 eingeweiht worden, bevor sie im Novemberpo­grom 1938 zerstört und 1939 abgerissen wurde. Auf dem Joseph-Carlebach-Platz erinnert ein Bodenmosaik in Form des Grundrisses an die Synagoge. Die Jüdische Gemeinde in Hamburg wünscht sich eine Rekonstruktion. Sie würde zeigen, dass Juden wieder sichtbar sein wollen, dass sie nicht neu angekommen, sondern zurückgekehrt sind, erklärt Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Eine Machbarkeitsstudie soll nun prüfen, in welcher Gestalt der Bau möglich ist.
2000 Beter und Beterinnen fanden einst in der Synagoge am Fraenkelufer in Berlin-Kreuzberg Platz. Sie war das zweitgrößte jüdische Gotteshaus in Berlin. Auch sie wurde 1938 stark beschädigt, ihre Ruinen 1959 schließlich abgetragen. Seitdem wird die Jugendsynagoge im erhaltenen Seitenflügel für Gebete und Feste genutzt. Bestand die Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg noch aus Überlebenden und Rückkehrern, kamen in den 1980er und 1990ern Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion dazu. In den letzten zehn Jahren wuchs die Gemeinde durch den Zuzug junger Israelis, Amerikaner und Europäer stetig, sodass die Gemeinde inzwischen Platzprobleme hat. Die Idee für einen Wiederaufbau der neoklassizistischen Synagoge kam 2017 auf. 2019 konstituierte sich ein Kuratorium für den Wiederaufbau, zu dem auch der Initiator des Projekts, der SPD-Politiker Raed Saleh gehört.
Schon vor zwei Jahren war der Zeitplan straff angesetzt: Die Grundsteinlegung soll 2023 stattfinden, 85 Jahre nach der Zerstörung in der Pogromnacht, 2026 soll der Wiederaufbau abgeschlossen sein, zum 110-jährigen Jubiläum der Synagoge, die 1916 nach Plänen von Alexander Beer fertiggestellt wurde.
Eine komplette Rekonstruktion ist laut Kilian Enders von D/Form nicht geplant. Das Architekturbüro hatte vor zwei Jahren ein erstes Bild der wiederaufgebauten Synagoge produziert. Das Haus müsse viel eher in die heutige Zeit über­tra­gen werden und dennoch einen klaren Bezug zum Vorgängerbau aufnehmen: „Die Form wieder aufzugreifen ist man Alexander Beer schuldig“.
Fakten
Architekten D/FORM, Berlin
aus Bauwelt 2.2021
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