Tauchgang ins Ungewisse: Julian Charrière im Kunstmuseum Wolfsburg
Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig
Tauchgang ins Ungewisse: Julian Charrière im Kunstmuseum Wolfsburg
Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig
Nicht kleckern, sondern klotzen! Das scheint seit der Eröffnung im Mai 1994 die Devise für jede neue Hauptausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg zu sein. Sicherlich spielt die Architektur der großen Ausstellungshalle eine Rolle: Sie misst 40x40x16 Meter, kleinteilige Exponate haben es hier schwer. Außerdem muss die Institution in der knapp 130.000 Einwohner zählenden Stadt ihr Publikum überregional akquirieren. Mit der neuen spektakulären Ausstellung „Midnight Zone“ des in Berlin lebenden, 1987 geborenen Franco-Schweizers Julian Charrière gelingt das wieder einmal problemlos. Unübersehbar aus der Schule des ebenfalls in Berlin ansässigen und lehrenden Ólafur Elíasson kommend, arbeitet auch Charrière mit sich überlagernden Phänomenen aus Natur, Technik und Wissenschaft, denen er beeindruckende Fotografien, Videos und Grafiken entlockt oder die er in großmaßstäbliche Installationen übersetzt. In den letzten Jahren interessierte ihn nichts weniger als der Urstoff allen Lebens: das Wasser, insbesondere sein fragiles Aufkommen in weiten Teilen der Ozeane. Um dies zu ergründen, scheint er keinen noch so großen zeitlichen, materiellen wie physischen Aufwand zu scheuen. In geringe Tiefen taucht er selber, technikgestützte Tauchgänge mittels Unterwasserdrohnen lassen ihn und sein Team in Regionen von über tausend Metern unter dem Meeresspiegel blicken. In diese Sphären dringt kein Sonnenlicht mehr vor, hier herrscht normalerweise totale Dunkelheit – aber quicklebendiges Treiben. Mit einer umfunktionierten Fresnellinse, wie sie ursprünglich Leuchttürmen diente, schickt Charrière gebündelte Lichtstrahlen in diese Unterwelten, sodass große, teils bioluminiszente Fischschwärme oder riesige Haie sichtbar werden, aber auch submarine Bodenformationen, die begehrte Rohstoffvorkommen, etwa Manganknollen, aufweisen können. Die Ozeane sind also nicht nur durch globale Verschmutzungen oder Artensterben infol-ge von Erwärmung und Überfischung gefährdet, Tiefseebergbau wird in Zukunft eine große Bedrohung dieser Biotope darstellen. Das titelgebende Großformat-Video etwa entstand 2024 in der Clarion-Clipperton-Zone im Zentralpazifik – zwischen Hawaii und der Westküste Mexikos gelegen, ist sie Donald Trumps Interessen ausgeliefert.
In dem meist dunklen, labyrinthischen Parcoursmit 48 Werken erwarten das Publikumnicht nur optische Erlebnisse. Charrière widerlegt auch das Diktum der französischen Meeresforschungslegende Jacques-Yves Cousteau aus dem 1956 entstandenen Film „Le Monde du Silence“: Unter Wasser ist es nämlich durchaus nicht still! Drei Arten akustischer Emissionen registriert Charrière: die Geophonie durch Meeresrauschen oder aus der geologischen Substanz, die Biophonie durch Meereslebewesen und die Anthropophonie aller menschengemachten Geräusche. Daraus verdichtete er gemeinsam mit einem Toningenieur eine situative Soundkulisse, die in unterschiedlicher Intensität den Rundgang begleitet.
In dieser multisensuellen Überwältigungskulisse sind leicht kleinere Arbeiten zu übersehen, wie etwa lichte Fotolithografien von Korallenriffen, deren Pigment der aus der organischen Masse dieser koloniebildenden Nesseltiere, so die zoologische Bezeichnung, gewonnen hat. Zum entspannten Liegen lädt am Ende des Rundgangs eine Kissenlandschaft auf der Empore ein, der Blick geht nach oben in eine Projektion. Das Video „Albedo“ aus dem Jahr 2025 widmet sich den schmelzenden Eisbergen der Arktis, wahrzunehmen aus nächtlicher Unterwasserperspektive. Längst sind sie Menetekel unseres Lifestyles, da deutlich mehr für den Schutz der Biosphäre nötig ist als Minimalkompromisse in Kabinetten oder auf Weltklimakonferenzen.






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