Bauwelt

Zivilisierung eines „bösen Ortes“

Der Matthäikirchhof in Leipzig – eine Begehung

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Bislang ein düsterer Riese: Die ehemalige Stasi-Zentrale am Matthäikirchhof soll einem offenen Stadtquartier weichen.
    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items
    Bislang ein düsterer Riese: Die ehemalige Stasi-Zentrale am Matthäikirchhof soll einem offenen Stadtquartier weichen.

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Das Ansinnen und der Entwurf von Riehle Koeth + Levin Monsigny sind in der Stadt umstritten.
    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items
    Das Ansinnen und der Entwurf von Riehle Koeth + Levin Monsigny sind in der Stadt umstritten.

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

    • Social Media Items Social Media Items

    Foto: Iona Dutz

Zivilisierung eines „bösen Ortes“

Der Matthäikirchhof in Leipzig – eine Begehung

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Links die silbrig schimmernde „Blechbüchse“, dann in die Hainstraße, vom Brühl aus direkt zum Markt: Der Richard-Wagner-Platz öffnet das schönste Entree in die Leipziger Innenstadt. Zur Rechten allerdings, von breiter Bürgerhausfas-sade und einigen Baumkronen mühsam abgeschirmt, ragt das düstere Gegenbild zur belieb-ten City empor: Ein grauer Betonriegel markiert zwischen Großer Fleischergasse und Goerdelerring einen der umstrittensten Orte Leipzigs. An der Stelle war im Dezember 1943 die gotische Matthäikirche im Bombenhagel niedergebrannt; die Ruinenreste wurden nach dem Krieg abgeräumt. Verschont blieb nur die Randbebauung am Dittrichring, dort zog 1950 die Polizeidirektion ein, später kam die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit hinzu. Deren stetig wachsender Raumbedarf erforderte ab Ende der 1970er Jahre ausgedehnte Erweiterungsbauten. Trotz Bemühens der Stadtplanung, dem zentrumsnahen Areal all-zu klobige Bauformen zu ersparen, setzte das beauftragte Industriebaukombinat seine Standard-elemente durch. Vier verschieden lange Büroriegel schufen im Karree mit den erhaltenen Gründerzeitbauten einen regelrechten Festungshof. Dass deren eintönige Außenfassaden von zwei namhaften Konstruktivisten mit „Kunst am Bau“ angehübscht wurden, betont die abweisende Fremdheit der hermetischen Anlage eher noch.
Im Dezember 1989 besetzten Demonstrierende die Zentrale des Sicherheitsapparates. Seitdem ist das Terrain des Matthäikirchhofs untrennbar mit den dramatischen Ereignissen der politischen Wende verknüpft. Der nordwestliche Kopfbau der Ringbebauung wurde zur offiziellen Gedenkstätte des Wende-Herbsts – eine verständliche Entscheidung, denn mehr als die spektakulären Massenumzüge in der „Heldenstadt“ waren es im Rückblick wohl die langen Kerzenreihen auf den Eingangsstufen der „Runden Ecke“ (wie das markante Portal der Polizeidirektion im Volksmund heißt), in denen die Gewaltlosigkeit der damaligen Bürgerproteste ihren ikonischen Ausdruck fand.
Aber sollte ein „Stasi-Museum“, als Instanz unverzichtbarer Aufklärung, nicht viel eher in jenen banalen Erweiterungsbauten hausen, wo in endlosen Korridoren und tristen Dienstzimmern das Überwachungs- und Repressionsregime seine grauen Alltage vollzog? Nirgendwo sonst treten Inhalt und Sinn des Gedenkens dermaßen offen zutage: böser Zweck, umgeben von armseliger Form. Eigentlich hat die Firma „Horch und Guck“ sich ihr passendes Denkmal selbst errichtet.
Doch die Chance, den authentischen Ort geschichtspädagogisch zu nutzen, wurde in Leipzig vergeben. Stattdessen betrachtet die Stadt das ihr gehörende Areal als Immobilie unter wachsendem Entwicklungsdruck. Laut einem Beschluss vom Dezember 2025 will der Stadtrat den Matthäikirchhof „zu einem lebendigen, urbanen Quartier entwickeln, das Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.“ Dass man den Schandfleck in so prominenter Citylage bereinigen möchte, liegt nahe. Aber geht das wirklich nur nach traditioneller Investorenlogik? Ein zweiphasiger Wettbewerb (Bauwelt 10.2024) sollte vorrangig bezahlbaren Wohnraum schaffen. Als ortsbezogene Zutat und „zentraler Baustein“ war ein Archiv für die Stasi-Unterlagen angedacht – als „Zeichen der Repression an diesem authentischen Ort und zugleich Ort für zeitgemäße Bildungs- und Forschungsarbeit“.
Dem solitären Neubau stünden indes die zwei östlichen Flügel der Erweiterungsbauten im Weg. In denen gähnt schon lange Leerstand, für ihren Abriss fehlt es an Geld, weshalb man jetzt Teile der durchweg städtischen Flächen verkaufen will. Nur ist Bau und Unterhalt des Stasi-Archivs Sache des Bundes, und für dessen Einstieg „liegt ein konkreter Zeitplan derzeit nicht vor“ (O-Ton Stadtratsbeschluss). Mithin läuft jede Abrissplanung auf ein typisches Investoren-Vabanque hinaus: Wer garantiert, dass auf der voreilig beräumten Fläche am Ende tatsächlich ein Neubau entsteht? Zumal mittlerweile Stimmen laut werden, die solche Anhäufung trister Aktenregale mitten im Herzen der Stadt infrage stellen: Wie lange noch wäre mit genügend Nachfrage zu den Geheimdienstunterlagen zu rechnen? Und gibt es nicht passende leere Immobilien anderweitig zuhauf?
Wer sich umblickt, schaut auf blinde Fensterreihen, sieben Geschosse hoch! Dabei hatte mit ein paar Zwischennutzern, darunter die Arbeitsagentur, das Gesundheitsamt und ein munter frequentierter Tanzschuppen, eine Zivilisierung des verrufenen Geländes schon eingesetzt. Bei gezielter Unterstützung hätten daraus dem einstigen Stasi-Komplex durchaus überraschende Perspektiven erwachsen können. Seit die Agenten einer pragmatischen Aneignung wieder auszogen, nehmen Vandalismus und Einbrüche, sogar Brandanschläge zu: Zuerst wurde im Keller gezündelt, beim dritten Mal drangen die Feuerteufel bis zum einstigen Dienstzimmer des Leip-ziger Stasi-Chefs vor. Das ist jetzt also auch verloren, mitsamt dem sorgsam bewahrten Mobiliar.
Wer mag da an Zufall glauben! Schon 2021 hatten die beiden Dresdner Bauhistorikerinnen Tanja Scheffler und Susann Buttolo in einem Gutachten vor leichtfertiger Aufgabe der authentisch überlieferten Gebäudeteile gewarnt. Doch das Landesdenkmalamt folgte der Empfehlung nicht: Während am Stasi-Museum in der „Runden Ecke“ (Baujahr 1913) selbstverständlich die Denkmalplakette prangt, blieb solcher Schutz dem – nun ja, ziemlich hartkantigen – Relikt der DDR-Geschichte verwehrt. Offenbar gibt es Vorbehalte, die eine intensivere Auseinandersetzung mit dem so erzählstarken Bauerbe verhindern. Geht es um Ästhetik? Um Emotionen? Ja, die Hinterlassenschaften der DDR auf dem Matthäikirchhof wecken bei vielen Leipzigern bittere Erinnerungen, und nicht umsonst respektieren gedenkpolitische Diskurse von Fall zu Fall auch das archaische Ritual des Denkmalsturms: Wer die Veränderung einer Gesellschaft innig ersehnte, will seinen Triumph auch in demons-trativen Gesten auskosten. Doch „weil das Gefühl der Bedrohung durch eine Ideologie mit dem zeitlichen Abstand ihrer Überwindung schwindet und mit ihr die Notwendigkeit und Begründung der Denkmalbeseitigungen, gibt es für solche Maßnahmen nur ein begrenztes Zeitfenster“, wie die Historikerin Kirsten Otto aufgrund ihrer Berliner Erfahrungen weiß.
Auch die Dresdner Gutachterinnen befanden, dass jetzt, drei Jahrzehnte nach der Wende, die „Zeit für einen fachlich-fundierten Umgang mit der Geschichte gekommen“ sei. Also Zeit für eine denkmalkundliche Neubetrachtung der geschichtlichen Lasten? Oder wenigstens Respekt vor den massiven Betonstrukturen zwecks Erhaltung ihrer Grauen Energie? Anstatt in unbedachter Eile Fakten zu schaffen, sollte Leipzigs diskurs- erprobte Stadtgesellschaft alles daransetzen, mit neuerlichen Zwischennutzungen die Karenzzeit für das umstrittene Areal zu verlängern. Gegen das ästhetische Unbehagen vor dem verwitterten Plattenbeton könnte ein Blick nach Neubrandenburg aufmuntern: Dort haben kluge Architekten aus der einst bräsigen SED-Bezirksleitung ein wirklich vorzeigbares Rathaus gemacht.

Adresse Matthäikirchhof Leipzig


aus Bauwelt 12.2026
Artikel als pdf

0 Kommentare


loading
x
loading

12.2026

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine. Immer freitags – kostenlos und jederzeit wieder kündbar.