Bauwelt

La Tour Montparnasse Infernale

Der Umbau des markanten Hochhauses im Pariser Quartier Montparnasse hat begonnen.

Text: Costadura, Leonardo, Rom

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Vorher, ...
    Foto: Neue Langeweile

    • Social Media Items Social Media Items
    Vorher, ...

    Foto: Neue Langeweile

  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    ... nachher.
    Abb.: RPBW, rendering by Aesthetica Studio

    • Social Media Items Social Media Items
    ... nachher.

    Abb.: RPBW, rendering by Aesthetica Studio

La Tour Montparnasse Infernale

Der Umbau des markanten Hochhauses im Pariser Quartier Montparnasse hat begonnen.

Text: Costadura, Leonardo, Rom

„Alt-Paris ist hin! Die Form der Stadt / Ach, wandelt sich wie kein Menschenherz so schnell!“, dichtete Charles Baudelaire mit Blick auf den Haussmannschen Stadtumbau – eine Aussage, die auf ebenso radikale Art und Weise auf das 20. wie auf das 19. Jahrhundert zutreffen sollte. Seit mindestens 50 Jahren hat sich zumindest der Diskurs auf dem europäischen Kontinent gewandelt. Während die Metropolen Chinas und der Arabischen Halbinsel erst in den letzten Jahren aus dem Boden schossen, waren die meisten europäischen Großstädte nach dem frenetischen Bauboom nach dem Krieg um 1970 „ausgewachsen“. Sanierung, Wiederverwendung und Umgestaltung waren erst nur Versprechen, immer häufiger auch Praxis.
Drum ist es erst einmal begrüßenswert, dass der Pariser Tour Montparnasse und sein Sockel nicht abgerissen, sondern umgestaltet werden. Am 30. März wurden die Türen geschlossen, in vier Jahren sollen sie erneut zu einem völlig verwandelten Gebäudekomplex öffnen. Der Turm, der von Roger Saubot zwischen 1969 und 1973 errichtet wurde, hatte noch nie besonders gute Presse. Aber er fand auch vielfach Eingang in die Populärkultur, wie zum Beispiel mit der Stirb-Langsam-Parodie „La Tour Montparnasse Infernale“ von 2001. Zusammen mit dem 400 Meter nach Südwesten verlegten Bahnhof und den darüberliegenden Wohn- und Büroeinheiten in einem gigantomanischen Projekt konzipiert und errichtet, ist er außerdem zumindest der räumlich höchste und chronologisch letzte Ausdruck des Fortschrittsversprechens und des Zukunftsoptimismus der Trente Glorieuses. Als der – Ironie der Geschichte! – erdölfarbene Turm eingeweiht wurde, kam die erste Ölkrise, und es war bald vorbei mit dem Optimismus. Vielleicht war der Turm auch deshalb so unbeliebt, weil er unmittelbar zum weithin sichtbaren Denkmal eines abgeschlossenen Kapitels wurde, das in der nationalen Erzählung als glorreich verklärt wurde.
In den vergangenen Jahren verwaiste das Einkaufszentrum im Sockelgebäude des Turms, sodass die Anlage immer mehr aus der Zeit gefallen schien. Deshalb überzeugt die Idee, den allzu undurchlässigen Block für diejenigen zu öffnen, die aus der Rue de Rennes kommend zum Bahnhof gelangen wollen. Die vorgesehene Mischnutzung und die innenliegende Grünanlage könnten den gestrandeten Wal wiederbeleben.
Die Umgestaltung soll über 700 Millionen Euro kosten. Während Renzo Piano für den Sockel verantwortlich ist, stammt das Projekt für den Turm vom Kollektiv Nouvelle AOM, das sich eigens für diese Ausschreibung aus drei Pariser Büros zusammengeschlossen hat. Die charak-teristische dunkelbraune Fassade werden die Pariser Architekten durch eine neue, hellere ersetzen und mit Pflanzen bestücken. In mehreren Medien ist die Rede von einer „hellen, freundlichen Glasfassade“ – was ein Oxymoron ist. Die Fassade wird voraussichtlich, auch wenn das auf den Renderings natürlich ganz anders aussieht, wie alle anderen auch im Alltag stark spiegelnd, also undurchsichtig sein, hell vielleicht, aber eher kalt als freundlich. Das warme Dunkelbraun der Industriemoderne passte doch viel besser zum Pariser Sandstein als das blitzende Blau der digitalen Spätmoderne.
Kaye Geipel verwies in seinem Artikel über den Wettbewerb für das Projekt (Bauwelt 24.2017) auf den Architekturkritiker Frédéric Edelmann, der das Greenwashing großer Bauprojekte analysiert und mit einem schönen Begriff auf den Punkt bringt: „In den wachsenden Großstädten der Welt werde immer weiter verdichtet, und, um die Bewohner der Städte von der Harmlosigkeit dieser Interventionen zu überzeugen, kriegen die hereingepressten Neubauten einen Kranz von Grünzeug um die Schultern oder eine Salathaube auf das Dach gelegt – der Saladisme als neuer, ziemlich opportunistischer Architektur-Stil.“ Genau so soll es kommen. Der Tour Montparnasse kriegt ein Gewächshaus aufgesetzt. Ob dort dereinst die Salate für die umliegenden Bistrots gezogen werden?
Aus dem Tour Montparnasse ein an den Zeitgeist angepasstes, austauschbares Hochhaus machen, ein bisschen Boeri, ein bisschen Foster, ihm die starke Persönlichkeit nehmen, die er hatte, das ist ziemlich gemein. Denn Paris ist nicht Dubai: Die Stadt an der Seine kann ein eigenwil-liges Hochhaus aus den Siebzigern sehr gut verkraften, weil es eben Paris ist, und nicht irgendeine Einheitsbrei-Hochhausmetropole des 21. Jahrhunderts. Wo war die Pariser Denkmalbehörde, als der Deal beschlossen wurde? Großinvestoren bedrohen mit ihrem profitgetriebenen Agieren die Identität der Städte, ihr Gesicht, ihre Erinnerung. Ein Menschenherz aber lebt von ebensolchen Erinnerungen, die in räumlichen Referenzen verankert sind. Ändert man sie am laufenden Band, ist man der Absicht verdächtig, denMenschen ihre räumliche, zeitliche, soziale Orientierung (also ihre Geschichte, deren aufgeschlagenes Buch eine Stadt ist) rauben zu wollen. Dann wären sie „kurz angebunden“, wie Nietzsche es formuliert, „an den Pflock des Augenblickes und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig“.
Ob die Kritik am alten Tour Montparnasse gerechtfertigt war oder nicht, er stand über 50 Jahre lang da, mit seinem starken Charakter – und er war das Symbol einer Epoche. Nach der Renovierung wird sich die öffentliche Meinung wohl noch nicht einmal mehr zu Kritik aufraffen können, stattdessen werden sich bei seinem Anblick Gleichgültigkeit und Langeweile breitmachen.

0 Kommentare


loading
x
loading

12.2026

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine. Immer freitags – kostenlos und jederzeit wieder kündbar.