Bauwelt

Eine Stadt erfindet sich neu

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

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Entlang des Kanals ist in den letzten Jahren viel passiert.
Foto: Oana Bogdan

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Entlang des Kanals ist in den letzten Jahren viel passiert.

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Eine Stadt erfindet sich neu

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

Keine europäische Kapitale“, hieß es 1993 in einer Doppelausgabe der Bauwelt über Brüssel, „ist derart in die Hände von Bauträgern, Spekulanten und dubiosen Planungsbüros geraten.“ Sebastian Redecke, ehemaliger Bauwelt-Redakteur, konstatierte damals weiter: Ganze Stadtteile werden für die EU-Bürokratie abgerissen, offene Wettbewerbe gibt es nicht, die großen Kommerzbüros der Stadt versperren kleinen Architekturbüros und Kollegen von auswärts den Zutritt, und eine undurchschaubare Kompetenzverteilung im zweisprachigen Land macht es der Spekulation besonders leicht. Das ist 30 Jahre her – und auch wenn die Folgen dieses Vorgehens im Stadtbild noch durch abrupten Maßstabssprünge und diverse Baustile und wenig Grün ablesbar sind – ist auch zu erkennen: Die Stadt hat geschafft, sich neu zu erfinden. Ohne einen weiteren Kahlschlag, ohne einen Masterplan, der eine neue Identität über die Stadt zu legen versuchte.
Wir haben uns mit dieser Ausgabe auf die Suche gemacht nach den Auslösern für diesen Wandel. Was musste sich in der städtischen Baupolitik der „Region Brüssel Hauptstadt“ und ihrer 19 Gemeinden ändern, damit dieser eintreten konnte? Was hat dafür gesorgt, dass Brüssel heute für ihre überaus aktive junge Architektenszene bekannt ist? Wo besteht noch Bedarf zu wachsen, und was macht die architektonische Qualität aus?
Wie sehr die Brüsseler Stadtplanung ihre Grundlagen inzwischen überdacht hat wird dort sichtbar, wo sich andere europäische Städte ein völlig neues, international blinkendes Gesicht gegeben haben – am Wasser. In den Nullerjahren wuchs auch in Brüssel die Begehrlichkeit großer internationaler Bauunternehmen auf die brachliegenden Industriegebiete am innerstädtischen Kanal. Abriss, neue grüne Räume und viel luxuriöser Wohnbau zur Finanzierung schienen das Gebot der Stunde. Doch angesichts einer Bewohnerschaft, die häufig unter prekären Verhältnissen lebt, wuchs das Bewusstsein: „A Good City has Industry“. Mit dem Kanalplan, einer Vision für die Entwicklung entlang der Ufer, wurde auf langsame Transformation der alten Industrieareale gesetzt. Entstanden sind hier die unterschiedlichsten Kultur- und Nachbarschaftsorte, angefangen vom großen Maßstab, wie dem noch laufenden Umbau der Citroën-Großgarage am IJzerplein zum KANAL-Centre Pompidou des Nordens bis hin zu kleineren, gemischt genutzten Gemeinschaftshäusern aber auch neuen, innerstädtischen Produktionsstätten im Sinne einer „Produktiven Stadt“.
Wir sprachen mit Kristiaan Borret, dem Bouwmeester Maitre Architecte von Brüssel, dessen zweite Amtszeit in diesem Jahr zu Ende geht, über seine Strategie mittels Pilotprojekten die Stadtentwicklung zu steuern. Daran anschließend erläutert Kaye Geipel die genommenen Hürden für die Stadtplanung und Oana Bogdan erklärt die ambitionierte Neufassung der Brüsseler Bauordnung. Lisa De Visscher, bis vor kurzem Chefredakteurin der belgischen Architekturzeitschrift A+, beschreibt den schwierigen Weg zu neuem bezahlbaren Wohnungsbau. Im Projektteil zeigen wir anhand ausgewählter Bauten, wie die belgische Architektenschaft ihre Pionierposition bei der Wiederverwertung in immer größeren Maßstäben beweist. Das Heft schließt mit einem Beitrag von Sebastian Redecke ab, der sich der Publikation „Brussels Housing“ widmet, einem detaillierten Atlas der historischen und zeitgenössischen Wohnarchitektur Brüssels.
Notiz am Rande: So wie wir in unseren Texten darauf achten, abwechselnd die weibliche und männliche Form zu verwenden, wechseln wir bei Namen und (Orts-)Bezeichnungen in Brüssel zwischen flämischer und französischer Schreibweise ab.

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