Bauwelt

Ein Heldenepos

Die neue Dauerausstellung des Dänischen Architekturzentrums in Kopenhagen zur nationalen Architekturgeschichte ist ernüchternd einseitig geraten

Text: Bernau, Nikolaus, Berlin

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    Von Hütten (Modelle in der Ausstellung) ...
    Foto: Rasmus Hjortshoj

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    ... zu neuen Rundburgen (Studentenwohnheim von Lundgaard und Tranberg in Ørestad Nord): So Danish!
    Foto: Jens Markus Lindhe

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    ... zu neuen Rundburgen (Studentenwohnheim von Lundgaard und Tranberg in Ørestad Nord): So Danish!

    Foto: Jens Markus Lindhe

Ein Heldenepos

Die neue Dauerausstellung des Dänischen Architekturzentrums in Kopenhagen zur nationalen Architekturgeschichte ist ernüchternd einseitig geraten

Text: Bernau, Nikolaus, Berlin

Als Auftakt zur dreijährigen Periode Kopenhagens als UNESCO-Welthauptstadt der Architektur hat das Dänische Architekturzentrum seine neue Dauerausstellung unter dem Titel „So Danish“ eröffnet. Angepriesen wird sie als die erste Schau, die dänische Architektur und Gestaltungskultur von den Anfängen bis heute darstellt – Direktor Kent Martinussen sprach gar von einer „Nationalgalerie“. Es geht von den Rundburgen der Wikinger über mittelalterliche Kathe­dralen und Fachwerkhäuser, Renaissance und Barock sowie das Biedermeier zum eigentlichen Kern der Botschaft: Die Architektur und das Design der Jahrzehnte zwischen 1900 und 1970, als der umfassend fürsorgende Wohlfahrtsstaat aufgebaut wurde.
Die bis heute vorbildlichen kommunalen und genossenschaftlichen Siedlungen der 1910er bis 1940er Jahre oder die Universität von Aarhus mit ihrer Suche nach einer nationalen Moderne – Ziegelstein als Leitmaterial – sind zu sehen. Die auch moralisch überhöhte Schlichtheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre wird gefeiert, herrlich karge Innenräume in klaren Proportionen, darin die eleganten Möbel, die auch damals schon teuer waren. Aber man war, das ist jedenfalls das bürgerlich geprägte dänische Selbstbild, bereit, für Qualität zu zahlen. Warum konnte dann der relative Billiganbieter Ikea die meisten dänischen Klassiker-Firmen regelrecht vom Markt fegen?
Die Einflüsse aus Deutschland, Schweden, Großbritannien oder den USA auf den Kleinhaus- und Siedlungsbau seit den 1870ern sind evident – selbst Arne Jacobsens hier mit einer eigenen Wand geehrtes SAS-Hotel in Kopenhagen ist letztlich eine Tochter des New Yorker Lever Buildings von SOM. Aber all dies spielt allenfalls eine winzige Randrolle. Es wird stattdessen offenkundig – und wie die ersten Tage zeigten durchaus publikumswirksam – eine von den Wikingern bis heute reichende Erfolgsgeschichte konstruiert. Das entspricht einem nachgerade traditionell gewordenen dänischen Selbstbild, aber auch einem Vermarktungserfolg: Die Ausstellung ist wesentlich das Resultat einer Umfrage in den USA und Kanada, was dänische Architektur und Design bedeuten. Das erklärt bis zu einem gewissen Grad auch ihre letztlich herkömmliche Perspektive. Im liberalen Nordamerika nämlich wurde Dänemark als Musterbeispiel für eine Moderne idealisiert, die Effizienz, gesellschaftliche Bindung und Freundlichkeit vermittelte. Auch das ist Teil des Welterfolgs der Mid-Century-Möbelserien.
Kaum erstaunlich also, dass die heftige innerdänische Kritik etwa am Massenwohnungsbau in kalten Hochhausvierteln fehlt, die Kritik an den Folgen der rabiaten Gentrifizierung von Kopenhagen, an den sozialen Problemen von Siedlungen wie Albertslund mit seinen eigentlich so vorbildlich-intimen Hofhäusern. Leider fiel aber diesem Hang zum widerspruchsfreien Selbstbild auch die Darstellung des wohl größten Erfolgs der dänischen Nachkriegs-Planungskultur zum Opfer: Die Rettung der Altstädte und der Vororte des 19. Jahrhunderts vor der Zerstörungswut der Moderne. Schon Ende der 1960er Jahre begann in Kopenhagen die auch sozialpolitisch lange vorbildliche Sanierung der Innenstadt und der historistischen Viertel. Auch die Kritik am aktuellen Baugeschehen wie den atemberaubend klotzig von Cobe entworfenen Giganto-Wohnpyramiden gegenüber vom Nyhavn-Kanal, die die bestehende Stadt zur Stadtansicht für Superreiche degradieren, bleibt aus.
Nun kann man auf knapp 300 Quadratmetern nur Ausschnitte zeigen – obwohl die Ausstellung mit etwa 900 Fotos, Planreproduktionen, Modellen wie dem von Jorn Utzons Kingo-Winkelhäusern und klug ausgewählten Möbeln und Designobjekten sehr dicht bestückt ist. Trotzdem, diese Selbstidealisierung ist schon bemerkenswert. Andererseits: Wer etwa zum UIA-Kongress im Juli einen ersten Überblick sucht über das, was von Dänemarks Architekturelite derzeit als dänisch verstanden wird – der und die ist hier genau richtig.

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