Distanziert und dominierend

Chiharu Shiotas poetische Installation in der König Galerie

Text: Drewes, Frank F., Bielefeld

    Selten dringt die Kunst in Form von Farbe auch in den Außenraum.
    Foto: Frank F. Drewes

    Selten dringt die Kunst in Form von Farbe auch in den Außenraum.

    Foto: Frank F. Drewes

    Die Installation erinnert an Shiotas Arbeit „The Key in the Hand“, die im Japanischen Pavillon auf der 56. Biennale 2015 in Venedig zu sehen war.
    Foto: Frank F. Drewes

    Die Installation erinnert an Shiotas Arbeit „The Key in the Hand“, die im Japanischen Pavillon auf der 56. Biennale 2015 in Venedig zu sehen war.

    Foto: Frank F. Drewes

Distanziert und dominierend

Chiharu Shiotas poetische Installation in der König Galerie

Text: Drewes, Frank F., Bielefeld

„Nur die Kirchen sind uns als Räume geblieben“ wurde die Geigerin Anne-Sophie Mutter kürzlich in einem Gespräch über die Folgen der Pandemie in einer Tageszeitung zitiert. Während sich Museen und Galerien im Lockdown befinden, dürfen Kirchen weiterhin ihre Türen offen halten und erlauben als letzte Realorte Kontakte mit Jahrhunderten von Kunstgeschichte, denn weit über ein Jahrtausend war, neben dem Adel, der Klerus der alles beherrschende Auftraggeber für Künstler und Kunsthandwerker. Heutzutage sind Museen die Kathedralen der Kunst − Kunst als Religion der Gegenwart. Genau an dieser Schnittstelle befindet sich die König Galerie, die seit 2015 in Berlin die profanierte Kirche St. Agnes als Umschlagplatz und Showroom für Gegenwartskunst betreibt. Der brutalistisch markante Baukörper aus Sichtbeton und einem Spritzbetonbewurf wurde 1967 nach den Plänen von Architekt und Senatsbaudirektor Werner Düttmann fertig gestellt und darf nun als Berliner Galerie mit der größten internationalen Ausstrahlung gelten.
Die momentane Ausstellung der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota trägt den Titel „I Hope...“ und kann während des Lockdowns jeweils Samstags um 17 Uhr zu einem Konzert online besucht werden. Die poetischen Arbeiten Shiotas sind voller Metaphern und transportieren eine individuelle Mythologie, Transzendenz und Reisen ins Kosmische. Für die großformatige Arbeit verteilte die Künstlerin 10.000 rote A4-Bögen, die mit den Worten I hope... begannen und individuell zu ergänzen waren. Kirchen gelten schon immer als Orte von Glauben und Hoffnung, aber das Timing dieser Installation hätte nicht besser geplant werden können, als es sich nun durch Pandemie und Lockdown ergibt.
Das Zentrum des großen Kirchenschiffs, die Nave, ist gefüllt mit Tausenden von der Decke hängenden handgewebten Wollfäden, an denen wiederum die Botschaften auf den roten Blättern befestigt sind. In Richtung des ehemaligen Altars, der nicht wie üblich nach Osten, sondern nach Westen ausgerichtet war, verkürzen sich die Fäden und deuten eine Richtung „himmelaufwärts“ an. Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man auch die fünf Boote, die als Metallrahmenskelette ebenfalls vom Eingang aus an Höhe gewinnen und durch diese aufsteigende Geste Hoffnung per se suggerieren.
Jenseits aller spirituellen Aufladung nimmt diese Installation eine Sonderstellung im Kanon der fortwährend wechselnden Ausstellungen in St. Agnes ein, denn wie niemand zuvor bespielt Shiota den Raum gänzlich ohne ihn wirklich zu berühren. Ein Raum dieser Größe und Ausdruckskraft ist für jeden Künstler eine Herausforderung. Shiota schafft es, den ehemaligen Kirchenraum gleichermaßen distanziert und dominierend zu füllen und auratisch aufzuladen. I Hope... ist so präsent und gewaltig wie ephemer und weckt Erinnerungen an die Installation von Daniel Turner, der 2016 eine komplette Cafeteria pulve­risierte und den farbig changierenden Staub auf dem Boden der König Galerie verteilte, wodurch die Cafeteria nur noch den Gedankenraum besiedeln konnte, die Nave von St.Agnes aber unverstellt ließ. Beide Installationen führen vor, dass starke Räume am wirkungsvollsten auch mit starker Kunst bespielt werden. Ganz bei­läufig deutet sich „I Hope...“ bei Dunkelheit auch im Außenraum an, wohin die Installation durch das farblose Fensterband zwischen Glockenturm und Kirchenschiff in sattem rotem Licht ausstrahlt und, analog zu Turner, einen Gedanken- bzw. Erinnerungsraum schafft.

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