Am Parkrand

Die Entwicklung des Parks am Gleisdreieck und seiner Ränder zeichnet ein kompliziertes Geflecht von Interessenkonflikten mit räumlicher Konsequenz. Ein Rundgang

Text: Thein, Florian, Berlin

Das Geld in euren Augen
Foto: Florian Thein

Das Geld in euren Augen

Foto: Florian Thein


Hinterm Baumarktparkplatz links
Foto: Florian Thein

Hinterm Baumarktparkplatz links

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Die letzten ihrer Art
Foto: Florian Thein

Die letzten ihrer Art

Foto: Florian Thein


Wohnen an der Bahn
Foto: Florian Thein

Wohnen an der Bahn

Foto: Florian Thein


Geschlossene Gesellschaft
Fotos: Florian Thein

Geschlossene Gesellschaft

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Halber Piano
Foto: Florian Thein

Halber Piano

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Adieu, Ponte Rosa
Foto: Florian Thein

Adieu, Ponte Rosa

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Am Parkrand

Die Entwicklung des Parks am Gleisdreieck und seiner Ränder zeichnet ein kompliziertes Geflecht von Interessenkonflikten mit räumlicher Konsequenz. Ein Rundgang

Text: Thein, Florian, Berlin

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Das Geld in euren Augen Lange Zeit war die zwischen S-Bahngleisen und Bautzener Straße ge­legene Bahnbrache als Bauland heftig umstritten, hätte sie doch als Verbindungsstück zwischen Nord-Süd-Grünzug, Flaschenhalspark und Gleisdreieck dienen können. Zudem liegt der Schallpegel auf dem Grundstück im Hinblick auf eine Wohnnutzung wegen der S-Bahn eigentlich oberhalb der Zumutbarkeitsschwelle. Nun aber ist das aus acht Gebäuden bestehende und 296 Wohnungen, davon 45 gefördert, umfassende Quartier „Neu Schöneberg“ unter der Ägide von Investor Reinhold Semer und Collignon Architektur nahezu fertiggestellt. Ergänzt wird das Wohnen durch diverse Gewerbeeinheiten. Die größ­-te davon – ein mit 1600m² Verkaufsfläche und 50 Tiefgaragenplätzen üppig dimensionierter Supermarkt mit Vollsortiment sowie ein 4250 m² umfassendes Fitnessstudio, das an der Yorckstra­-ße das denkmalgeschützte Backsteingebäude „Zum Umsteiger“ (Bauwelt 9.2018) umarmt. Kri­tikern, die dem Sporttempel Ähnlichkeiten mit einem Lagerhaus an der Autobahn unterstellen, entgegnet der Architekt, dass „die Gestaltung bei Personen mit konventionellem Architekturgeschmack durchaus Verwunderung hervorrufen könne“. Der Willkommensgruß aus dem Kiez erfolgte in Form eines Graffito auf eben jener von außen kaum einsehbaren Fassade aus fein perforiertem Aluminiumblech: „I only see the money in your eyes“.
Hinterm Baumarktparkplatz links Bevor Reinhold Semer die Bebauung in der Bautzener Straße realisierte, errichtete der Baumarktketteninhaber auf der gegenüberliegenden, an den Park grenzenden Fläche eine Filiale seines Unternehmens. Im Ergebnis sehen die politischen Entscheider „eine gute Kompromisslösung“, da das Baurecht an dieser Stelle „weitaus Schlimmeres, wie zum Beispiel ein Hochhaus“ ermöglicht hätte. Zudem sei die für das Grundstück von einigen Seiten geforderte Wohnbebauung aufgrund des Bahnlärms nicht vorstellbar gewesen. Der derzeitige Zugang zum Park am Gleisdreieck über den Baumarktparkplatz wird künftig noch aufgewertet, der Investor trägt die Kosten der geplanten Wegeführung auf seinem Grundstück. Diese sieht eine Fortführung des bestehenden Rad- und Fußgängerweges von der Bebauung Bautzener Straße über die denkmalgeschützte Yorckbrücke Nr.5 vor. Von hier wird der Weg über das Dach des ebenfalls auf Semers Grundstück befindlichen Biomarktes führen, gefolgt von einer circa 50 Meter langen Rampe runter zum Parkplatz und einer weiteren Rampe wieder hoch zum Park.
Die letzten ihrer Art Zu Beginn der 1980er Jahre umfasste die Vegetation auf der damaligen Bahnbrache Gleisdreieck 413 teils seltene und gefährdete Pflanzenarten. In Verlängerung des Baumarktes, am westlichen Rand der domestizierten Parklandschaft aus Rasen, Tartan und Asphalt, hat ein win­ziger Teil dieses jahrzehntelangen Wildwuchses überlebt. Gesichert durch die darin eingebettete, seit 1948 existierende Kleingartenkolonie Potsdamer Güterbahnhof POG. Deren zeitweise ebenfalls gefährdeter Fortbestand konnte durch die Verlegung der in der Planung an diesem Ort vorgesehenen Sportflächen auf das Dach des Baumarktes sichergestellt werden. Im Zuge des daraufhin entwickelten Konzepts „Gärten im Garten“ zur Einbindung der Anlage in den Park fand eine verstärkte Öffnung von Teilbereichen für den Publikumsverkehr sowie die Ausweisung von Gemeinschaftsgärten statt. Zentraler Begegnungspunkt ist das von einer Pächterin betriebene Café mit angeschlossenem Marktplatz.
Wohnen an der Bahn Aufgrund zweier Bahnunfälle in den Jahren 1908 und 1911 erfolgte zur Entschärfung der Situation der Umbau der Station Gleisdreieck zum Kreuzbahnhof. Die hieraus resultierende Ausgleichsstrecke Richtung Nollendorfplatz bedingte eine Rampe von der Hochanlage in den Untergrund, die über mehrere bebaute Grundstücke führte, welche die Berliner Verkehrsbetriebe daraufhin erwarben. Den Auftakt bildet das rote Haus Dennewitzstraße 2, bei dem man erstaunlicherweise einer Durchbohrung mit Zugführung in einer doppelwandigen Röhre gegenüber dem Totalabriss den Vorzug gab. Direkt vor dieser Berliner Landmarke realisieren derzeit die Bauherren Ziegert und Klarbau GmbH mit Arin Burda Architekten unter dem Verkaufsnahmen „Wohnpanorama“ ein Hotel und drei Wohngebäude mit knapp 170 Wohnungen, davon 10 Prozent Sozialwohnungen. Auf bis zu fünf Meter sollen sich die Neubauten an die bestehende, denkmalgeschützte U-Bahnbrücke schmiegen. Bei über 440 Zügen pro Tag in einer Taktung von weniger als dreieinhalb Minuten ein Paradies für Trainspotter.
Geschlossene Gesellschaft Ursprünglich war das Gebiet östlich der Flottwellstraße als Ausgleichsfläche für die Bebauung am Potsdamer- und Leipziger Platz vorgesehen und im Flächennutzungsplan als Grünfläche festgelegt. Im Zuge der Verhandlungen um das gesamte Gelände des heutigen Parks wurde es jedoch in einem städtebaulichen Vertrag zwischen der für ehemalige Bahnliegenschaften zuständigen Vivico GmbH, der Stadt und dem Bezirk als Bauland festgeschrieben. Die Reaktionen zur Fertigstellung der 122 Miet- und 148 Eigentumswohnungen umfassenden „Flottwell Living“- Mehrfamilienvillen der Groth Gruppe (siehe Seite 20) waren 2015 eher verhalten. Das von den Architekten Fuchshuber, Neumann, Lorenzen, Kohl und Tchoban Voss in einer repräsentativ-klassizistischen Gestaltung ausgeführte, mäandrierende Band wirkte in der Plangrafik deutlich durchlässiger. Städtisches Leben sucht man vier Jahre später vergebens, was neben der harten Kante zum Park auch an der anti-urbanen Ausprägung der Erdgeschosszone zur Flottwellstraße liegen mag.
Halber Piano 800 Meter historisches Bahnviadukt wichen 1998 einem von Bürgerprotesten begleiteten Parkhausneubau, der die als nicht hinreichend empfundenen Parkierungsmöglichkeiten am Potsdamer Platz ergänzen sollte. Als Architekt wurde Renzo Piano verpflichtet. Die Auslastung der Hoch­garage mit prominenter Urheberschaft blieb mit durchschnittlich 10 Prozent Belegung deutlich unter den Erwartungen, so dass dem inzwischen durchgeführten Teilabriss nichts entgegenstand. Das Konzept von KSP Jürgen Engel Architekten für die Bauunternehmer- und Entwicklungsgesellschaft Bauwens der Konrad Adenauer Enkel Paul Bauwens-Adenauer und Patrick Adenauer sieht eine Längsteilung des Parkriegels mit Entfernung der dem Park zugewandten Seite vor. Als Schallschutz zur Bahn bleibt der hintere Teil der Garage inklusive der beiden Rampen an den Stirnseiten bestehen. Ihm wird über Innenhöfe ein Wohnriegel vorangestellt. Der Vertrieb der 178 Eigentums- und Mietwohnungen im hochpreisigen Segment erfolgt unter dem vergleichsweise einfallslosen Namen „Gleis Park“.
Adieu, Ponte Rosa Gegenüber der bekannten, rot leuchtenden Wohnbebauung „Am Lokdepot“, befindet sich ein Restgrundstück mit steiler Böschung, das bis vor kurzem den Kiezbiergarten „Ponte Rosa“ beherbergte. Hatte man hier, zumindest in den Sommermonaten, Probleme einen Sitzplatz zu ergattern und konnte es von Bestellung bis Verzehr der beliebten Steinofenpizza durchaus mal etwas länger dauern, werden die privaten Grundstückseigentümer – 2002 selbst Initiatoren des Biergartens – derzeit nicht müde zu betonen, dass ein wirtschaftlicher Betrieb zu keiner Zeit gegeben war. Nach Abriss des angrenzenden, von den zukünftigen Bauherren bewohnten Backsteingebäudes, soll auf dem inzwischen vom teils sechzigjährigen Baumbestand befreiten Gelände zum Höhenausgleich ein knapp 100 Meter langer, zweigeschossiger Sockel errichtet werden, der eine viergeschossige Wohnbebauung aus drei Baukörpern trägt. Sozialwohnungen sind auf der möglicherweise letzten bebaubaren, an den Park grenzenden Fläche nicht vorgesehen.

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