Places to Enjoy, Teil II

... in Leipzig, Frankfurt, Köln, Madrid.

Text: Schulz, Ansgar, Schulz, Benedikt, Leipzig: Elser, Oliver, Frankfurt; Heuchel, Christian, Köln; Gutiérrez, Natalie, Madrid; de la Fuente, Julio, Madrid

    Wie beim ersten Mal. Ansgar und Benedikt Schulz, Schulz & Schulz Architekten, Leipzig
    Foto: Joachim Brohm

    Wie beim ersten Mal. Ansgar und Benedikt Schulz, Schulz & Schulz Architekten, Leipzig

    Foto: Joachim Brohm

    Knautschzone
    Foto: Oliver Elser DAM, Frankfurt

    Knautschzone

    Foto: Oliver Elser DAM, Frankfurt

    Warten auf dem Sonnendeck. Christian Heuchel, O&O Baukunst, Köln
    Foto: Tim Löbbert

    Warten auf dem Sonnendeck. Christian Heuchel, O&O Baukunst, Köln

    Foto: Tim Löbbert

    Zombie Tunnel. Natalie Gutiérrez und Julio de la Fuente
    Foto: Christina Infante

    Zombie Tunnel. Natalie Gutiérrez und Julio de la Fuente

    Foto: Christina Infante

Places to Enjoy, Teil II

... in Leipzig, Frankfurt, Köln, Madrid.

Text: Schulz, Ansgar, Schulz, Benedikt, Leipzig: Elser, Oliver, Frankfurt; Heuchel, Christian, Köln; Gutiérrez, Natalie, Madrid; de la Fuente, Julio, Madrid

Wie beim ersten Mal
Ansgar und Benedikt Schulz, Schulz & Schulz Architekten, Leipzig
1994 sind wir aus dem Ruhrgebiet nach Leipzig gekommen. Auslöser war der Wettbewerb zur Umgestaltung des Hauptbahnhofs. Für das Teilnehmerkolloquium betraten wir in der riesigen Halle des größten Kopfbahnhofs Europas erstmals „Leipziger Boden“. Der Raumeindruck war atemberaubend – und lieferte eine Vorahnung des Größenwahns dieser Stadt. Damals war der Bahnhof noch kein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss, sondern ein Verkehrsbauwerk aus alten Zeiten, monumental und leer. Viele Male sind wir seitdem dort angekommen auf dem Weg zurück zu unserem neuen Zuhause, und immer war der Bahnhof das Spiegelbild des Zustands von Leipzig. Eine gigantische Baustelle, ein Konsumtempel, leer in schlechten und voll in Boom-Zeiten.
Immer war und ist es ein emotionaler Moment, dort abzufahren, anzukommen oder jemanden willkommen zu heißen. Mal ist es das Raumerlebnis, das begeistert, mal ist es der Trubel der An- und Abreisenden. Als im Frühjahr diesen Jahres plötzlich niemand mehr verreiste und kaum noch jemand mit dem Zug zur Arbeit fuhr, waren auch der Bahnhof und seine Geschäfte wieder leer. Der Fotograf Joachim Brohm machte Bilder eines Bahnhofs, der plötzlich wieder aussah wie zu den Zeiten, in denen wir ihn das erste Mal sahen. Grandios überdimensionierte Räume, deren Leere auf einmal wieder kontemplativ wirkt. Der Bahnhof ist Leipzig, ob leer oder voll. Er ist einer der schönsten Orte der Stadt, egal, welche Krise kommt.

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Knautschzone
Oliver Elser DAM, Frankfurt am Main
Ist ein Balkon ein urbaner Ort? In unserem Fall weist er auf einen sehr schönen, weil üppig-grünen, Hinterhof hinaus. Vorn zur Straße, die so um 1900 entstanden sein mag, gibt es keine Balkone. Irgendwelche Stadtbildschutzprinzipien sind dafür verantwortlich, die dringend mal geändert werden müssten. Außerdem braucht die Straße mehr Bäume, also weg mit den Parkplätzen! Wir haben kein Auto, fahren alle mit dem Rad undwohnen zu viert auf 79 Quadratmetern. Vater, Mutter, zwei Teenager, die jeweils ein eigenes Zimmer haben. Frankfurt ist teuer. Statt umzuziehen sind wir Eltern enger zusammengerückt, ins kombinierte Wohn-, Schlaf-, und Arbeitszimmer, als die Kinder größer wurden. Dank des Balkons haben wir den Lockdown gut überstanden. In die Innenstadt mussten wir nur, um beim Türkischen Supermarkt im Bahnhofsviertel Toilettenpapier zu kaufen. Oder Linsen beim Händler aus Pakistan. Dort in der Bahnhofsgegend war es das einzige Mal richtig unheimlich auf der Straße, weil das gewohnt muntere Treiben verflogen war.
Andere Orte sind voller als sonst, nicht nur die Parks und das Mainufer. Die steilste Corona-Karriere hat der Opernplatz hinter sich. Circa ab Woche vier des Lockdown begann er sich stets abends zu füllen. Statt in Restaurants, Bars oder nach Hause zu gehen, standen die Bankangestellten am Feierabend, so dicht es eben erlaubt war, in Grüppchen um die Alte Oper herum. Viel Müll blieb zurück, die Lokalpresse berichtet von Scherbenhaufen aus Champagnerflaschen. Mit den ersten Lockerungen der Kontakbeschränkungen bildete sich die Schlange vor Louis Vuitton, jeden Morgen ab zehn Uhr, länger ist sie nur vor dem Zalando-Outlet bei uns in der Gegend.
Seit die Restaurants wieder öffnen dürfen, haben sie ihre Tische – mit Genehmigung der Behörden – draußen auch auf den umliegenden Parkplätzen aufgebaut. Die Leute sitzen in der Abendsonne, wo sonst ein Auto parkt und trinken endlich wieder ein gezapftes Bier.
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Warten auf dem Sonnendeck
Christian Heuchel O&O Baukunst, Köln
Das Gerling-Quartier im Herzen Kölns ist eines der größten Baudenkmäler der Nachkriegs­zeit. Es ist ein wunderbares Beispiel für die Wirtschaftswunderarchitektur der 1960-Jahre. Das denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude wurde durch eine moderne Hotelnutzung aus dem Dornröschenschlaf geküsst. Das großzügige Foyer des Hotel The Circle ist Ausgangspunkt für Streifzüge durch die Stadt. Hier hat sich ein neuer Lieblingsort der lebendigen Alltagskultur im Zentrum des Stadtviertels entwickelt.
Während der Pandemie wurde dieser Melting Pot allerdings zur reinen Schlafstätte degradiert. Am Ende des Lockdown erwartet uns nun wieder die hoteleigene Dachterrasse, wo sich auf dem Sonnendeck in zwanzig Meter Höhe Menschen aus aller Welt begegnen. Halbseidenes aus der Nachbarschaft, reisende Stars der Medienlandschaft, Künstler des Veedels und urbane Nomaden tummeln sich auf einem schmalen steinernen Streifen, obwohl dieser eigentlich zu klein, zu eng, zu voll und unbenutzbar ist. In lauen Nächten wirkt die Terrasse wie eine leben­dige Fleischwurst aus Menschen, Gemurmel, Rauchschwaden, klingenden Gläsern und leichten Beats.
Hier verweilt man abgehoben vom Alltag, den leuchtenden Kölner Dom immer im Blick. In der Dämmerung und mit zugekniffenen Augen zieht sich die Stadt zu einer spannenden Erzählung zusammen. Aus Lichtern, Schatten und gedämpften Geräuschen entsteht der Traum ihrer großen Zukunft. So sieht Köln am besten aus. Befeuert durch architektonische Details und soziele Netzwerke hat sich hier ein Lieblingsort
in unseren Gedanken eingenistet – nicht zuletzt durch den meist fotografierten Aufzug Europas, gefüllt mit Schauspielern, Musikern und Influencern in futuristischer Fahrt nach oben.

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Zombie Tunnel
Natalie Gutiérrez und Julio de la Fuente, Madrid
Neue Bedingungen der Mobilität verändern den öffentlichen Raum. Und so auch die Einschränkungen, die wir während des Lockdown erdulden mussten. Ausschließlich im Radius von einem Kilometer durften wir uns um unser Zuhause bewegen, dabei zeigte uns eine App die Grenzen unseres überschaubaren Outdoor-Universums. Es war eine Möglichkeit, die Werte unseres nahen Umfelds neu zu entdecken.
Einige Zeitschriften veröffentlichten wie die Instagram-tauglichen Straßen von Madrid von Fußgängern kolonisiert wurden. Unsere Geschichte hingegen geht um den Covid-19 Alltag in den Vororten der Stadt, wobei wir den größten unter ihnen, den Bezirk Fuencarral-El Pard, als Beispiel betrachten. Fuencarral wird durch Madrids zweiten Ring, dem Highway M40, geteilt. Auf der einen Seite befinden sich Wohngebiete mit 238.000 Einwohnern und auf der anderen Seite erstreckt sich ein riesiges naturbelassenes Areal. Hier befinden sich zwischen all dem Niemandsland ein geschütztes Biotop und mehrere kleine Farmen – unbekannt und unerreichbar. Diese Landschaft wird meist aus der Distanz betrachtet, und verbirgt dabei ihr großes Potenzial als öffentlicher Raum.
Einige „Zombie-Tunnel“, wie wir sie gerne nennen, führen unter dem Highway hindurch und verbinden den Bezirk mit der Natur auf der gegenüberliegenden Seite. Vor Covid-19 wurden diese unattraktiven Verbindungen ausschließlich von Bauern und Radfahrern genutzt. Während des Lockdown veränderten sich die „Zombie-Tunnel“ und wurden zu „lebendigen Passagen“. Unabhängig ihrer rohen Gestalt, führen die Durchlässe nun als belebte Tore in das nahe gelegene Paradies. Die Tunnel wurden wiederentdeckt als bedeutende urbane Verbindungen und aufgenommen in das Netzwerk der öffentlichen Ankerpunkte, die den Menschen als gemeinschaftliche, überdachte Orte dienen und einladen den neugewonnenen Raum zu genießen.
Die Pandemie hat die mentale Karte unseres Wohnumfeldes verändert, die unterschiedlichen Maßstäbe auf lokaler Ebene verknüpft und die Macht der unerwarteten Zusammenhänge preisgegeben. Aufgrund der neuen Gegebenheiten haben sich Aktivitäten in unerforschten Räumen angesiedelt. Dabei intensivieren sie den Nutzen vernachlässigter Orte und ermöglichen neue Szenarien für Jane Jacobs berühmten Satz: „Die Lebendigkeit einer Nachbarschaft beruht auf der Überschneidung und Durchflechtung verschiedener Tätigkeiten.“

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