Next: Russlands junge Architekten

Ein staatliches Architekturinstitut fördert den Nachwuchs. Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen sollen neue Positionen in die Öffentlichkeit tragen. Fünf Teilnehmer stellt Irina Korobina vor, Direktorin des Schtschussew Staatsmuseums für Architektur in Moskau

Text: Korobina, Irina, Moskau

    Geschirr für ein Restaurant in Chanty-Mansijsk von Narodny Architektor
    Foto: Narodny Architektor

    Geschirr für ein Restaurant in Chanty-Mansijsk von Narodny Architektor

    Foto: Narodny Architektor

    Modell der Dauerausstellung des Konstantin-Melnikow-Museums von Citizen-Studio
    Foto: Citizen-Studio

    Modell der Dauerausstellung des Konstantin-Melnikow-Museums von Citizen-Studio

    Foto: Citizen-Studio

    Le Corbusiers Generalplan für Chandigarh auf einem Gipsabdruck eines weiblichen Körpers: Objekt von Büro Wall
    Foto: Wall

    Le Corbusiers Generalplan für Chandigarh auf einem Gipsabdruck eines weiblichen Körpers: Objekt von Büro Wall

    Foto: Wall

    Umbau eines Wohnheims zum Gulag-Museum von Büro Kontora
    Foto: Kontora

    Umbau eines Wohnheims zum Gulag-Museum von Büro Kontora

    Foto: Kontora

    Wohnhaus von Arch Slon
    Foto: Arch Slon

    Wohnhaus von Arch Slon

    Foto: Arch Slon

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Ein staatliches Architekturinstitut fördert den Nachwuchs. Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen sollen neue Positionen in die Öffentlichkeit tragen. Fünf Teilnehmer stellt Irina Korobina vor, Direktorin des Schtschussew Staatsmuseums für Architektur in Moskau

Text: Korobina, Irina, Moskau

Das Selbstverständnis junger russischer Architekten heute hat sich gewandelt. Noch vor drei Jahrzehnten galt es für die damals „neue Generation“, ein kolossales Gefälle zu überwinden: In der Abgeschlossenheit der Sowjetunion und unter ihren einzigartigen Bedingungen, also ohne nichtstaatliche Auftraggeber oder privaten Grund- und Immobilienbesitz, entstand eine Architektur für sich. Diese auf Einheitsplattenbau reduzierte sowjetische Architektur musste komplett umgewandelt und modernisiert werden. Die Generation der neunziger Jahre bewältigte diese Aufgabe gut. Sie schuf eine moderne rus­sische Architektur, die in ihren besten Ausprägungen international mithalten kann.
Der berufliche Werdegang der nächsten Generation verläuft unter ganz anderen Voraus­setzungen: Ihr steht die Welt offen, sie haben direkten Zugang zu sämtlichen beruflichen Informationsquellen, sie können die besten Bauten mit eigenen Augen studieren und in ausländischen Büros weltweit arbeiten, neue Baustoffe und Technologien sind in Hülle und Fülle auf dem russischen Markt verfügbar. Wie nutzen sie diese immensen Möglichkeiten? Welche Auf­gaben nehmen sie sich vor? Was treibt sie an?
Um eine Diskussion über den Einfluss der neuen Generation auf die Entwicklung der zeitgenössischen russischen Architektur anzuregen, hat das Staatliche Schtschussew-Architekturmuseum das Projekt NEXT ins Leben gerufen. Die Architekten, die daran teilnehmen, sind um die 30 Jahre alt. Als Berufseinsteiger frisch von der Universität sind sie Feuer und Flamme für ihren Beruf, nehmen an Wettbewerben teil, arbeiten rund um die Uhr, wachsen bei großen Herausforderungen über sich selbst hinaus. Sie werden eingeladen, ihre Konzepte in Ausstellungen zu präsentieren, begleitet von Vorträge und Diskussionen. Die Vorbereitung der Ausstellung selbst ist jedoch der wichtigste Teil, hier lässt sich die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten am besten studieren.

Ein neues Selbstverständnis

Diese Generation löst ihre Aufgaben nicht nur ganz anders; sie hat auch ein völlig anderes Selbstverständnis als Architekt. Ihre Vertreter denken in komplexeren Kategorien, zum Entwurf gehört in der Regel ein Design- und Marketingkonzept. So hat das Büro Narodny Architektor, Dmitri Se­liwochin, Anton Ladygin und Aleksei Kurkow, zusätzlich zur Planung eines Restaurants in Chan­-ty-Mansijsk für den Auftraggeber ein Corporate Design entwickelt, das auf urtümliche Reptilien, die in der Gegend gefunden wurden, basiert. Stilisierte Fossilien wurden an der Decke angebracht, auf dem Geschirr und auf der Kleidung des Personals, auch die Speisekarte in ihrer Winter- und Sommervariante wurde jeweils mit Reptilien in unterschiedlicher Farbe gestaltet. Das Restaurant wurde zu einer Attraktion für Einheimische und Touristen.
Michail Bejlin und Daniil Nikischin vom Büro Citizen-Studio entwickeln ihre Architektur aus Szenarien und Geschichten heraus. Deutlich zeigt sich dies bei der neuen ständigen Ausstellung des Konstantin-Melnikow-Museums, das zum Schtschussew-Architekturmuseum gehört. Sie wird in Zukunft in einem Seitenflügel, dem alten Gärtnerhaus, zu sehen sein. Citizen-Studio zogen an den Innenseiten der Ziegelmauern eine zusätzliche Wand ein. Diese unterteilten sie in verschiedene Abschnitte entsprechend den Schaffensperioden Melnikows. Im Grundriss sind sie jeweils einem typischen Entwurf des Architekten nachempfunden. Der Besucher kann beim Gang durch die Ausstellung Melnikows „Lebenslinie“ nachverfolgen. Für die Ausstellung im Melnikow-Haus selbst durfte das Denkmal in keiner Weise angetastet, weder verändert noch erweitert werden. Die einzige Ausnahme bilden die Museumspantoffeln. Den spielerischen Vorschlag von Citizen-Studio, Pantoffeln, die die Grundform des Hauses aufnehmen, wählte die Jury einstimmig zum Sieger.
Viele junge Architekten experimentieren immer wieder mit künstlerischen Installationen. So zum Beispiel das Büro Wall von Ruben Arakeljan, mit deren Ausstellung das Programm NEXT im Architekturmuseum eröffnet wurde. Seine Masterpläne präsentierte sie auf Gipsabgüssen, die von den Mitarbeitern und natürlich auch den Mitarbeiterinnen des Büros genommen wurden. Anders als bei Le Corbusiers Generalplan für Chandigarh steht die menschliche Anatomie hier nicht in direktem Bezug zur städtebaulichen Planung, zeugt jedoch von der starken Gestaltungskraft des Büros und dem Zusammendenken von Mensch und Raum jenseits des modernistischen Paradigmas.

Jenseits von Blingbling und neureicher Dekadenz

Das Sympathische an den jungen Architekten ist, dass sie Projekte mit niedrigen Budgets, aber ohne Einschnitte bei der gestalterischen Qualität umsetzen können. Hier können wir wirklich von einem neuen Trend sprechen – das Teure und Reiche existiert im ethischen und ästhetischen Code der jungen Generation nicht mehr. Das trifft sogar dann zu, wenn teure Materialien eingesetzt werden. Das Büro Kontora von Dmitri Barjudin hat ein ehemaliges sowjetisches Wohnheim vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Gulag-Museum für die Opfer des Stalinismus umgebaut. Die mit der Zeit verfallenen Innenwände wurden durch einfache Eisengerippe ersetzt. Während die Fassade zur Straßenseite wieder originalgetreu hergestellt wurde, wurde die rückwärtige Fassade komplett mit Kupfer verkleidet. Mit der Zeit wird sie schwarz werden, was der Tragik des Themas entspricht.
Ein Teil der jungen Generation beschäftigt sich auch intensiv mit neuen Lösungen für das städ­tische Umfeld und für soziale Probleme. Alexandr Salow, Tatjana Ossezkaja vom Büro Arch Slon schlagen vor, auf den Flachdächern von Plattenbauten neue Wohneinheiten zu errichten. Plattenbauten nehmen riesige Flächen in unseren Städte ein, manche bestehen komplett aus diesem Gebäudetyp. Die neuen, „parasitären“ Wohneinheiten können ohne große Investitionen an die bestehenden Versorgungssysteme angeschlossen werden. Damit soll einerseits den­jenigen, die kaum über finanzielle Mittel verfügen, die Möglichkeit gegeben werden, eine Woh­nung zu besitzen. Andererseits soll das monotone Stadtbild aufgelockert werden.
Und was, wenn auf der grünen Wiese gebaut werden soll? Arch Slon haben eine ganze Serie von minimalistischen Wohneinheiten entwickelt, bei der sich die Architektur organisch in die umgebende Natur einfügt, ohne sie zu zerstören. Einfache Holzkonstruktionen für Häuser, die schnell auf- und abgebaut werden können und so einen bequemen Wechsel des Wohnortes ermöglichen.

The next Melnikov

Dieser kurze Überblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Mir ist es wichtig, einige Tendenzen und typischen Besonderheiten der neuen Generation aufzuzeigen. Sie hat noch nicht ausreichend Fuß gefasst, ist noch zu wenig bekannt, um finale Schlüsse ziehen zu können. Wenn wir jedoch in die Architekturgeschichte zurückblicken, kommt Hoffnung auf, dass die russische Architektur international künftig wieder mehr Beachtung erfahren wird. In den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entstand eine sowjetische Architektur, deren genialste Bauten damals sehr junge Leute – Diplomanden der Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten „WChUTEMAS“ wie Iwan Leonidow, Georgi Krutikow, der junge Melnikow – schufen. Sie wurden von der ganzen Welt als Avantgarde anerkannt. Ich hoffe sehr, dass die junge russische Architektur in den zwanziger Jahren des neuen Jahrhunderts erneut eine solche Rolle einnehmen wird. Die Voraussetzungen hierfür sind gegeben.
Aus dem Russischen: Helena Lautner/LRS Dolmetschen-Übersetzen

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