Bauwelt

Andreas Reidemeister (1938–2026)

Text: Kasiske, Michael, Berlin; Knapp, Udo, Berlin; Pampe, Jörg, Berlin

Andreas Reidemeister (1938–2026)

Text: Kasiske, Michael, Berlin; Knapp, Udo, Berlin; Pampe, Jörg, Berlin

Der Kollege und Freund
Am 25. Februar 2026 ist Andreas Reidemeister gestorben. Er ist 88 Jahre alt geworden. Reidemeister, der Architekt, war ein Träumer. Unbeirrt hat er sein Bild von der Stadt, von Berlin, mit spektakulären Landmarken im Stadtraum gezeichnet und beschrieben. Zutreffend hieß die ihm gewidmete Bauwelt-Ausgabe „Der unbegrenzte Raum“ (Heft 8.1988). Drei Beispiele: der Elevator am Gleisdreieck, mit dem er die vier Linien der U- und S-Bahn fußläufig verbunden hat; die Filmstadt am ehemaligen Hotel Esplanade am Potsdamer Platz – hochaufragende Glasarchitektur, riesige, einsehbare Hallen für die Studios sollte Berlin zur Europäischen Filmhauptstadt machen; ein Theaterneubau für die Schaubühne, die nicht am Kurfürstendamm, sondern über den aufgelassenen Yorckbrücken ihren Platz finden sollte.
Städtebau war für Reidemeister „von Anfang an Aufriss. Nicht flächendeckende Planung, sondern das Setzen von Punkten, das Ziehen intensiver Linien, vom Punkt zur Linie, zum Raum ...“ Die Stadt war für ihn kein gewachsener Kosmos, sondern das Ergebnis politischer und gestalterischer Absichten und Notwendigkeiten. Reidemeister wollte diesen Steinhaufen Stadt mit Architektur, mit Landmarken zentrieren. Allerdings hat er die ordnende Kraft der monumentalen Architektur der Moderne überschätzt. Die Polis der Antike, die mittelalterliche Stadt, die Handelsstadt der Hanse, die aristokratische Barockstadt und auch die Stadt der industriellen Großkonzerne waren jeweils funktionale und ästhetische Abbilder der jeweiligen Machtverhältnisse. Reidemeisters Streben, mit Entwürfen der Stadt der Demokratie eine Mitte und öffentliche Orte zu schaffen, fandkeinen Widerhall. Das Spannende an den Entwürfen ist, dass sie über die Linien, die zu seinen Kreuzungspunkten führen, Öffentlichkeit herstellen. Den Elevator am Gleisdreieck hätten jeden Tag Abertausende benutzt und en passent einen einzigartigen Blick auf Berlin geworfen. Die Filmstadt am Potsdamer Platz hätte das Illusionsschmieden in den Alltag des städtischen Lebens eingebunden und die Schaubühne über den Yorckbrücken hätte all die Passanten, die sie unterqueren, an die Kraft der Worte und der Gedanken erinnert.
Der Lehrer
Andreas Reidemeisters Stärke lag im „Dialogischen Denken“ als Methode, die er 1984 in der Rezension von Colin Rowes „Collage City“ herausarbeitete. In den Vorlesungen an der Hochschule der Künste und später an der TU Berlin gab er uns mit der Dialektik zwischen Kontext und Entwurf ein Werkzeug an die Hand; in Korrekturen legte er mit Worten und Skizzen den Kern des Entwurfes frei. Auf den zweiten Blick zeigte sich seine Begeisterung für Konstruktion. Dass die TU Berlin ihm damals eine Professur verwehrte, war bloße Abwehr des Kleingeistes am Fachbereich Architektur gegen einen engagierten und begeisternden Lehrer, der wortwörtlich Schule gemacht hat.

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