„Von Extremen hielten wir uns fern“

Gerd Albers war der Altmeister der Stadtplanung. Anlässlich seines Todes im Januar veröffentlichen wir erstmals ein Gespräch, das Bauwelt-Redakteurin Brigitte Schultz 2007 für ihr Buch „Was heißt hier Stadt?“ mit ihm geführt hat – über die Anfänge der Stadtbauwelt und den steten Wandel der Leitbilder

Text: Schultz, Brigitte, Berlin

    Gerd Albers im Jahr 2007. Filmstill aus einem Interview, das in Vorbereitung des 100-jährigen Jubiläums
    des Lehrstuhls für Städtbau und Regionalplanung
    der TU München entstand

    Gerd Albers im Jahr 2007. Filmstill aus einem Interview, das in Vorbereitung des 100-jährigen Jubiläums
    des Lehrstuhls für Städtbau und Regionalplanung
    der TU München entstand

„Von Extremen hielten wir uns fern“

Gerd Albers war der Altmeister der Stadtplanung. Anlässlich seines Todes im Januar veröffentlichen wir erstmals ein Gespräch, das Bauwelt-Redakteurin Brigitte Schultz 2007 für ihr Buch „Was heißt hier Stadt?“ mit ihm geführt hat – über die Anfänge der Stadtbauwelt und den steten Wandel der Leitbilder

Text: Schultz, Brigitte, Berlin

Herr Albers, Sie haben 1964 mit Ulrich Conrads die Stadtbauwelt gegründet. Warum?
Es bestand das allgemeine Gefühl, dass so eine Zeitschrift gebraucht wurde. England hatte die „Townplanning Review“, Frankreich „Urbanisme“, aber in Deutschland gab es keine Städtebauzeitschrift. Natürlich hatten Baumeister und Bauwelt immer mal einen Städtebaubezug in einzelnen Artikeln, aber nicht in systematischer Form.
Was wollten Sie mit der Zeitschrift bewirken?
Wir hatten eine Fülle städtebaulicher Probleme. Dafür wollten wir ein offenes Diskussionsforum bieten – und damit auch das Niveau des Berufsstandes heben. Aber wir wollten nicht nur informieren, sondern auch Meinungsbildung betreiben, zum Beispiel zur Frage des Bodenrechts.
Haben Sie diese Ziele erreicht?
Die Frage ist mir zu sehr zugespitzt. Hier gibt es ja mehrere Ebenen. Das allgemeine Ziel, eine Gesprächsrunde zu etablieren, haben wir erreicht. Ob der Städtebau damit besser geworden ist, kann man nicht beurteilen. Aber zum Beispiel bei den Diskussionen zum „Städtebauförderungsgesetz“ war es schon so, dass die verschiedenen Vertreter in den Gremien – etwa im Rat für Stadtentwicklung – durch die Informationen der Stadtbauwelt gestärkt waren und Argumente an die Hand bekamen.
Argumente für den richtigen Städtebau – wenn es den überhaupt gibt?
Die Frage, wie weit man verallgemeinern kann, bewegt mich heute noch. Ich habe mal behauptet, es gäbe eine Pendelsprungentwicklung im Städtebau. Man erkennt an der gegenwärtigen Entwicklung gewisse Mängel und sagt: Wir werden es besser machen. Dabei sieht man nicht alle „Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen“, wie der Mediziner sagen würde. So sind manche Wellen, die erst fasziniert aufgenommen wurden – etwa die Verdichtungswelle der 60er Jahre – nach einiger Zeit deutlich abgeebbt. Gerade habe ich in einer britischen Zeitschrift gelesen, dass die in den 60er Jahren hochgepriesene New Town Cumbernauld verfällt, weil die Ansätze nicht mehr tragfähig sind. Das war ein neues, kompaktes Modell, mit einem von der Hauptstraße unterfahrenen, großen Ladenkomplex. Jetzt ist es offensichtlich ein trauriges Trümmerfeld.
Ist die Stadtbauwelt auch solchen Irrtümern aufgesessen?
Einige modische Dinge sind erkennbar. In den 70er Jahren gab es eine Perfektionierungswelle, wo unter anderen mit mathematischen Methoden geplant wurde – da hat die Stadtbauwelt Tribut gezahlt. Aber an sich haben wir uns von Extremen ferngehalten. Dinge wie die „Metabolisten“ oder die Utopien der späten 60er, frühen 70er Jahre haben wir allenfalls als Skurrilität erwähnt. Zum Beispiel der Plan der Neuen Heimat für das Hamburger St.Georgsviertel mit 60-geschossigen, geschwungenen Hochhäusern.
War dieser kritische Blick auch eine persönliche Haltung, die Sie kultiviert haben?
Ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass ich solche modischen Schwünge immer mit einer gewissen Skepsis betrachtet habe. Sicher bin ich nicht ganz unberührt davon geblieben, aber ich dachte doch nach dem Motto: Wer weiß wie lange so etwas anhält.
Was hat SIe dagegen besonders interessiert?
Mich haben immer sehr stark der geistige Hintergrund und die geschichtliche Kontinuität interessiert, die wechselnden Wertungen und Vorstellungen, was wichtig sei im Städtebau, was man erreichen könne. Allerdings nicht nur im Hinblick darauf, wie es war, sondern um zu wissen, wie sich im historischen Zusammenhang die Gegenwart darstellt und was man daraus lernen kann. Deswegen habe ich auch zu keinem Zeitpunkt an diese Raumtragwerke in der Luft geglaubt.
Kann man mit dem Wissen über diese sich ständig ändernden Wertmaßstäbe überhaupt noch selbst planen?
Ja, ich bin durchaus in der Praxis geblieben. Unser Institut hat mit verschiedenen Beratungen und Wettbewerben konkrete Planungen erstellt. Zum Beispiel hatten wir einen ständigen Auftrag in Weiden an der Oberpfalz, in Rottweil haben wir Entwicklungsplanung gemacht. Die gestalterische Seite hat mich eben auch in hohem Maße interessiert. Wie fügt sich eine Idee in den gebauten Raum ein? Wie sieht der Übergang von der Korridorstraße zur Zeile aus, von der Zeile zum Raum, zum reinen Solitär? Das sind ja auch Fragen, die mit dem menschlichen Befinden zu tun haben. Ich fand es spannend, zu verfolgen, wie die Zeile plötzlich an Attraktivität verlor, weil man dachte, doch irgendwie den gefassten Raum zu brauchen. Wie dann etwa das Hansaviertel in Berlin von 1957 allmählich in Ungnade fiel, weil man dachte, das sind lauter Solitäre.
Wie sehen Sie als gesunder Skeptiker die derzeitigen Entwicklungen im Städtebau?
Ich hab vor ein paar Jahren zur Verleihung der Klenze-Medaille bei der Obersten Baubehörde ein Dankeswort sagen müssen. Zur Erheiterung meiner beamteten Kollegen habe ich gesagt, dass, wenn man die gegenwärtige Tendenz extrapoliert, die bayerische Oberste Baubehörde in 20 Jahren nur noch die Klenze-Medaille verleiht und alles andere ist privatisiert. Aber glücklicherweise haben wir gelernt, alle Trends brechen irgendwann ab, weil man feststellt, es hat sich dann doch nicht so bewährt.
Gerd Albers (1919–2015)
Architekt und Stadtplaner, 1958 Promotion „Über den Wandel der Wertmaßstäbe im Städtebau“, 1962–88 Professor für Städtebau und Regionalplanung an der TH München (heute TU), 1965–68 Rektor der Hochschule, Mitgründer und 1964–82 Mitherausgeber der Stadtbauwelt. Ein Nachruf auf Gerd Albers ist in Bauwelt 9.2015 erschienen.

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