Studentenhochhaus


Fassade zerlegt, durchdacht und neu zusammengesetzt


Text: Matzig, Katharina, München


    Das Studentenwohnhaus von Günther Eckert in einer Aufnahme von 1972.
    Foto: Archiv Stadt München

    Das Studentenwohnhaus von Günther Eckert in einer Aufnahme von 1972.

    Foto: Archiv Stadt München

    Foto: Jens Weber

    Foto: Jens Weber

    Foto: Jens Weber

    Foto: Jens Weber

Das Münchner Olympiadorf hat eine weitere vorbildliche Sanierung aufzuweisen: Die Architekten Knerer Lang haben das studentische Wohnhochhaus von Grund auf – oder besser von der Fassade her – saniert.
„Dead animals need love too.“ Weiß auf schwarzem Grund prangt dieser Spruch auf der Stirnseite eines der Studenten­reihenhäuser im Olympischen Dorf in München. Ein überdimensionaler Manga-Vampir grinst in Richtung „Alte Mensa“ und Studentenhochhaus. „Old architecture needs love as well“, möchte man da ergänzen. Denn selbst an einem grau ver­hangenen Wintervormittag kann man sich dem besonderen Charme des zugigen Platzes am Helene-Mayer-Ring in München-Milbertshofen nicht entziehen. 1969 wurde er erdacht, in München bis heute unerreicht, was die architektonische und stadträumliche Qualität angeht. Schließlich sorgt die konsequente Autofreiheit dafür, dass sich die insgesamt etwa 6000 Bewohner tatsächlich wie in einem Dorf fühlen, in dem die außergewöhnliche skulpturale Form der Bauten zudem Identität und ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl stiftet. Für einen Teil dieser damals wie heute sehr gut funktionierenden Wohn- und Lebensvision entwickelte Werner Wirsing 800 Minibungalows – sie wurden 2009 durch die Arbeitsgemeinschaft Werner Wirsing und bogevischs buero durch ähnliche Neubauten ersetzt –, während Günther Eckert ebenso viele Apartments in die Höhe stapelte und somit ein vertikales Gegengewicht schaffte. Rund 15 Quadratmeter klein waren die Wohnungen in dem in Haus 1 und Haus 2 aufgeteilten und mit zwei Kernen erschlossenen Massiv aus Betonfertigteilen, das mit seiner Höhenstaffelung von 15 bis 19 Geschossen die Form der Alpen nachbildet. Genutzt wurden sie als Unterkunft für die Olympionikinnen während der Sommer-Olympiade 1972, danach dienten sie vierzig Jahre lang als Studentenunterkunft. Gemeinsam mit der Alten Mensa, ebenfalls von Günther Eckert geplant und von Muck Petzet saniert (Seite 18), wurde das Studentenhochhaus 1998 zusammen mit den Sportanlagen im Olympiapark unter Ensembleschutz gestellt. Sterben also sollte diese eindrucksvolle Architektur nicht.
Qualitäten der vorhandenen Struktur
Dass sie allerdings mit so viel Liebe behandelt werden würde, ist nicht selbstverständlich und ein Verdienst des Bauherrn, des Studentenwerks München, des flexibel agierenden Denkmalschutzes und vor allem der Architekten Thomas Knerer und Eva-Maria Lang, die 2010 mit der Sanierung und energetischen Ertüchtigung der Anlage begannen. Wobei es mit Liebe allein nicht getan war. Auch wenn man einen Ort, den man wertschätzt, mit besonders viel Spaß und Hingabe bearbeitet, was ja nie falsch ist in der Architektur, wie Thomas Knerer meint. Tatsächlich ist das Olympische Dorf für die beiden Architekten, die in Dresden und in München Büros führen, etwas ganz Besonderes. Knerer, der ganz in der Nähe aufwuchs, nutzte das „Olydorf“ als riesigen „Abenteuerspielplatz“, als Ort zum Erobern und Abhängen. Es scheint zu stimmen, was Peter Ebner, ehemaliger Professor für Wohnungsbau und Wohnungswirtschaft an der TU München, in der momentan in München hitzig geführten Architekturdebatte, in der die Banalität der uninspirierten, immer gleichen „Schuhschachtel-Architekturen“ der in den letzten Jahren entstandenen Viertel angeprangert wird, behauptet: „Ich kenne nur einen einzigen Münchner Architekten, der in einem der Neubaugebiete wohnt. Die anderen leben fast alle im Olympiadorf oder in Schwabing.“ Auf Thomas Knerer trifft das zu: Er hat eine Wohnung im Olydorf.
Bei der Modernisierung des studentischen Wohnhochhauses brauchte es jedoch vor allem auch Sachverstand, Kreati­vität und Mut. Logistisch und wirtschaftlich war der Bauherr gefragt. Schnell war jedoch klar, dass der Bau auch architek­tonisch und denkmalpflegerisch eine besondere Herausfor­derung darstellte. Schließlich sollten die 801 Apartments in Wohnungen verwandelt werden, die den heutigen Ansprüchen an Größe, Schall- und Brandschutz genügen, ebenso den aktuell gültigen Energiekennwerten. Mit den Wärmebrücken, die der außen liegenden Tragkonstruktion geschuldet waren, konnten die jedoch nicht erreicht werden. Günther Eckert nämlich setzte nicht nur gestalterisch ein radikales Zeichen, sondern auch konstruktiv: Die einzelnen Wohneinheiten bildeten sich nach außen durch übereinandergestapelte, tragende und windsteife Fertigbau-Sichtbetonrahmen ab. Sie sorgten für stützenfreie Geschossflächen, die offene und fle­xible Grundrissformen ermöglichten, so als hätte Eckert eine spätere Umstrukturierung bereits eingeplant. Einen ausgeglichenen Energiehaushalt allerdings konnten sie nicht gewährleisten.
Statt Balkon mehr Raum fürs Wohnen
Daher griffen auch Knerer und Lang radikal in den bestehenden Bau ein. Die Architekten schlugen vor, die gesamte außen liegende Tragkonstruktion und damit auch die charakteristischen Loggien mit ihren Betonbrüstungen, die als Rechtecke mit abgerundeten Ecken und einem liegenden, diagonalen Kreuz in der Mitte ein wenig an hellgraue Lebkuchen erinnerten, in eine wärmedämmende Hülle zu packen. Beziehungsweise vor die vorhandene Struktur eine neue zu hängen, gefertigt aus Leichtbetonfertigteilen. So wurde es denn auch gemacht. Heute muss man zweimal hinschauen, um zu erkennen, dass die Fassade sich eigentlich komplett verändert hat und die Loggien den Apartments zugeschlagen wurden. Denn die charakteristische Plastizität, die Eckert durch das serielle Vor- und Rückspringen erreichte, erzeugen Knerer und Lang, indem sie die neuen Betonrahmen rundum auf ganzer Länge und Breite anschrägten. Zusätzlich sorgt das schwarz eloxierte Aluminium der Fensterrahmen für Tiefe. Weiße Blechtafeln wurden in die Rahmen gesetzt. Wie Lebkuchen sehen sie allerdings nicht mehr aus. Heute wirken die fein ziselierten Kreuze zeitgemäß und elegant.
Dank der neuen Fassade konnten die Apartments auf gut 18,50 Quadratmeter vergrößert werden. Auch wurden sie neu zoniert. An den Flur mit neuer Garderobe grenzt immer noch das Fertigbad aus Polyesterharz. Ein offener Raumteiler, von beiden Seiten zu bestücken, trennt jedoch heute die Küche vom Wohnraum, in dem nun ausreichend Platz ist für ein Bett, einen klappbaren Esstisch und den Schreibtisch. Den Himmel auf Erden verspricht der Fußboden: Das Grafikbüro stauss und grillmeier hat das Farbkonzept von Otl Aicher aufgefrischt und auf sieben Farben der Olympiapalette reduziert, auf Orange- und Grautöne, Hell- und Dunkelgrün, Blauviolett und vor allem: Himmelblau.
Rekonstruktion sieht gemeinhin anders aus. Die Radi­kalität Günther Eckerts – gestalterisch und konstruktiv – forderte das Büro Knerer und Lang zu einer kompromisslosen Sanierung heraus. Es ist vermutlich ein Glücksfall, dass die beiden Münchner vor allem in Dresden arbeiten, in einer Stadt, in der das Thema „Geschichte“ offener, oder besser gesagt: sehr kontrovers – von der Rekonstruktion bis zum Abriss – behandelt wird. Die Architekten jedenfalls sind sich sicher, dass es legitim und richtig ist, Gebäude auch unter Veränderung der Originalsubstanz an veränderte Umstände und Zeiten anzupassen, um die Architektur lebendig zu halten.



Fakten
Architekten Knerer und Lang Architekten, Dresden/München
Adresse Milbertshofen-Am Hart, 80809 München ‎


aus Bauwelt 8.2014
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