Das Centro Botín in Santander


Mit Renzo Pianos Neubau für das Centro Botín erhält die Hauptstadt der spanischen Region Kantabrien einen lange verriegelten Zugang zu ihrer Bucht – und hofft auf einen Entwicklungsschub nicht nur für den Tourismus


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Nachkriegsarchitektur prägt das Zentrum von Santander. Der große Stadtbrand von 1941 hat wenig his­torische Bausubstanz verschont.
    Abb.: Enrico Cano

    Nachkriegsarchitektur prägt das Zentrum von Santander. Der große Stadtbrand von 1941 hat wenig his­torische Bausubstanz verschont.

    Abb.: Enrico Cano

    Das Kulturzentrum mit Blick Richtung Küste
    Abb.: Enrico Cano

    Das Kulturzentrum mit Blick Richtung Küste

    Abb.: Enrico Cano

    Die Situation in den 70er Jahren mit Magistrale und Hafenparkplatz. Die runde Tankstelle an der Ecke des Parks wurde jetzt zur Café-Bar umgenutzt.
    Abb.: Garcia Garrabella, Zaragoza

    Die Situation in den 70er Jahren mit Magistrale und Hafenparkplatz. Die runde Tankstelle an der Ecke des Parks wurde jetzt zur Café-Bar umgenutzt.

    Abb.: Garcia Garrabella, Zaragoza

    Die Situation heute
    Abb.: Enrico Cano

    Die Situation heute

    Abb.: Enrico Cano

    Den Flaneuren auf der neuen Promenade am Wasser bietet das aufgeständerte Centro Botín Regenschutz
    Abb.: Enrico Cano

    Den Flaneuren auf der neuen Promenade am Wasser bietet das aufgeständerte Centro Botín Regenschutz

    Abb.: Enrico Cano

    Zwischen Stadt und Bucht spannt sich von Gebäudehälfte zu Gebäudehälfte eine Art hängender Platz.
    Abb.: Enrico Cano

    Zwischen Stadt und Bucht spannt sich von Gebäudehälfte zu Gebäudehälfte eine Art hängender Platz.

    Abb.: Enrico Cano

    Schwindelgefühle garantiert: Die filigranen Außentreppen sind für jeden Besucher angenehm zu begehen
    Abb.: Enrico Cano

    Schwindelgefühle garantiert: Die filigranen Außentreppen sind für jeden Besucher angenehm zu begehen

    Abb.: Enrico Cano

    Die Wechselausstellungshalle ganz oben nutzt Oberlichter, um das harte Licht an der gläsernen Südfassade ins Diffuse zu führen
    Abb.: Enrico Cano

    Die Wechselausstellungshalle ganz oben nutzt Oberlichter, um das harte Licht an der gläsernen Südfassade ins Diffuse zu führen

    Abb.: Enrico Cano

    Carsten Höllers Schau lädt die Besucher zum Gebrauch ein: Im Doppelbett lässt sich sogar eine Nacht verbringen
    Abb.: Enrico Cano

    Carsten Höllers Schau lädt die Besucher zum Gebrauch ein: Im Doppelbett lässt sich sogar eine Nacht verbringen

    Abb.: Enrico Cano

    Die 280.000 perlmuttartig schimmernden Keramik­teller reflektieren das Sonnenlicht in den Park
    Abb.: Enrico Cano

    Die 280.000 perlmuttartig schimmernden Keramik­teller reflektieren das Sonnenlicht in den Park

    Abb.: Enrico Cano

Es ist etwas anderes, ob man gegen die Sonne oder mit der Sonne aufs Meer schaut“ – mit die­­ser einfachen Feststellung gelingt es Renzo Piano an jenem urplötzlich windig-kühlen Frühsommerabend (noch drei Stunden zuvor zeigten die digitalen Temperaturanzeigen in den Straßen 38 Grad Celsius an), sowohl den von seinem Build­ing Workshop geplanten Neubau für das Centro Botín als auch die Besonderheit von Santander in Worte zu fassen. Die Hauptstadt der autonomen Region Kantabrien rühmt sich, die einzige Stadt an Spaniens Nordküste zu sein, die nach Süden schaut. Diese zunächst etwas paradox erscheinende Situation verdankt sich der langgestreckten Bucht, die hier von der Atlantikküste südwestlich ins Landesinnere weist und die schon von den Römern als ein sensationell günstiger Ankerplatz identifiziert und umgehend mit einem Kastell befestigt worden war – der Anfang von Santander.
Ein günstiger Ankerplatz ist diese Bucht bis heute. Folglich spielt der Hafenbetrieb im All­ge­meinen und der Fährbetrieb nach England im Besonderen eine wichtige Rolle für die Stadt. Und zwar eine so wichtige, dass die eigentlich mit großer Lagegunst gesegnete Stadtansicht zum Wasser bis vor kurzem nur einen geringen Gewinn daraus ziehen konnte, denn die Uferkante war als ein breiter Streifen dem Hafen zugeschlagen und nicht öffentlich zugänglich – abgesehen von den PKW der Fährpassagiere, die auf einem Teil des Areals nahe dem Wasserbahnhof abgestellt werden konnten. Die vielbefah­rene Calle Muelle de Calderón zwischen Hafengelände und Stadt stellte eine zusätzliche Barriere dar. All das ist nun Teil der Stadtgeschichte. Wer heute nach Santander kommt, findet weder Straße noch Parkplatz vor, stattdessen reichen die zuvor von der Uferstraße im Süden und vom Paseo de Pereda im Norden in die Zange genommenen Jardines de Pereda bis ans Wasser, denn die Straße wurde in den Untergrund verlegt, das einstige Hafenareal entwidmet und für fünfzig Jahre an die Stadt verpachtet.
In diesem neuen öffentlichen Raum stellt das Kunstzentrum der Fundación Botín einen Ankerplatz des öffentlichen Lebens und sozusagen den architektonischen Part des rund 80 Millionen Euro teuren Gesamtprojekts dar. Das Ganze ist ein privates Projekt, und zwar eines der wichtigsten private Kulturprojekte Spaniens – der krisenbedingte Rückzug des Staates aus dem Kulturbereich, der so viele ambitionierte Kulturzentren im Land zu Fall gebracht hat (Bauwelt 13.2013) wirkte sich hier also nicht aus. Finanziert wurde es von der Stiftung der 1857 in Santander gegründeten und auch nach der Stadt benannten Großbank, die inzwischen in vierter Generation von der Familie Botín geführt wird. Das Ziel ist anspruchsvoll: Das Centro Botín soll nach innen, sprich in die Stadt und die Region, wirken, aber auch nach außen, indem es neue Besucher anzieht und die bislang vor allem als Badeort beliebte Stadt ganzjährig als Reiseziel attraktiv macht. Das nahe Bilbao mit seinem Guggenheim nährt die Hoffnung, hier eine vergleichbare Erfolgsgeschichte schreiben zu können. Architektonisch wirkt das Gebäude jedenfalls als ein passender Komplementär: Entworfen gleichfalls von einem international renommierten Architekten, der wie sein kalifornischer Kollege die Ära der „Stararchitekten“ mitgeprägt hat, ergänzt es dessen expressiv-persönliche Formensprache um die zur gleichen Zeit ebenso populäre Sprache eines quasi objektiven Technizismus, der die Lösbarkeit jeglicher Aufgabe auf ebenso beredte Weise zelebrierte. Für Renzo Piano war es ein Direktauftrag: Seine Erfahrung im Umgang mit der Bauaufgabe und der Lage am Wasser gaben für die Stiftung den Ausschlag, sich an das Genueser Büro zu wenden.
Der allererste Gewinn des Projekts kommt allerdings einem jeden Flaneur an der neuen Uferkante zugute, egal, ob er das Centro Botín tatsächlich besuchen will oder nur an der Bucht entlang spazieren geht. Denn das zweigeteilte Volumen des Gebäudes – im größeren Teil finden Ausstellungen Platz, im kleineren Veranstaltungs- und Unterrichtsräume – bildet einen witterungsgeschützten Ort, so dass sich auch bei schlechtem Wetter am Wasser verweilen lässt. Eine gute Sache, denn in Santander regnet es für spanische Verhältnisse ziemlich häufig. Diese Funktion kann das Gebäude dadurch übernehmen, weil es quasi kein Erdgeschoss besitzt, sondern auf Stützen über die Wasserkante in die Bucht ragt; eine etwas geräthafte Anmutung, die an Architektur-Utopien der sechziger Jahre wie Archigrams „Walking City“ denken lässt, aber auch an das „Hight-Tech“-Frühwerk von Renzo Piano selbst und nicht zuletzt an die technischen Hafeneinrichtungen, die die Uferkante viele Jahrzehnte prägten. Diese Erinnerung hält auch die außen liegende Erschließung der beiden Ausstellungsebenen wach, die angesichts der spezifischen Wetterlage nicht immer zum gemächlichen Auf- und Ab einladen dürfte. Abgesehen davon wird es mir für immer ein Rätsel bleiben, wie ein Architekt dem Gedanken verfallen kann, solche Treppen möglichst immate­riell, optisch wenig Halt bietend zu gestalten – nicht schwindelfreie Besucher fühlen sich auf dieser Treppe jedenfalls dem Herzinfarkt nahe.
Ein anderer Grund für die Aufständerung: Die Architekten wollten mit dem Neubau des Kunstzentrums die gerade gewonnene freie Verbindung zwischen Stadt und Bucht nicht gleich wieder verstellen. Die Stützen, die nötig sind, um die beiden Gebäudeteile in die Höhe zu stemmen, verschmelzen von den Stadtquartieren gegenüber aus mit den Baumstämmen des Parks: Wer nicht weiß, dass das Centro dort steht, wird also auch nicht unbedingt darauf aufmerksam, zumal seine perlmuttartig schillernde Hülle aus 280.000 Keramiktellern, die sich von der Untersicht über die geschlossenen Längsseiten übers Dach zieht, nicht auch die zur Stadt gewandten Stirnseiten bekleidet – diese wurden, ebenso wie die Fassaden zur Bucht, auf ganzer Höhe und Breite verglast. So kann das Gebäude im allgegenwärtigen Nebel über der Bucht leicht aus dem Blick verschwinden. Dabei ist anzumerken, dass die Herausforderung, das Kunstzentrum an der langen Uferkante präzise zu verorten, durchaus überzeugend gemeistert wurde. Das Cen­tro Botín erhebt sich direkt gegenüber dem Mercado Municipal del Este – die Entscheidung fiel eines Morgens, so Renzo Piano, nach dem Genuss einer vorzüglichen Tasse Kaffee in der Markthalle. Von dort führt der Weg durch die kurze Calle Trafalgar geradewegs in die Ausstellungen.
Dort, im Inneren, vermag das Centro Botín zu überzeugen, indem es das Gleichgewicht zwischen neutralem Behälter und besonderem Ort wahrt. Die großen Geschossflächen öffnen sich auf die Bucht und das Stadtpanorama; vor allem aus der oberen Halle für Wechselausstellungen, von der aus sich über die Bäume des Parks hinweg blicken lässt, ist ein ganz neuer Eindruck der sich den Hügel hinaufziehenden Baublöcke von Santander zu gewinnen. Die eng gestaffelten, niedrigen, weiß gestrichenen Fachwerkträger, die diesen lang gestreckten Raum überspannen, lassen an die Entwürfe Mies van der Rohes aus den vierziger und fünfziger Jahren für öffentliche Bauten denken: Museum, Konzerthalle, Versammlungshalle. Selbstverständlich lässt sich diese Halle auch in kleinere Räume unterteilen, ähnlich denen, die zur Eröffnung im Sammlungsgeschoss darunter eingerichtet worden sind. Die dort als erstes ausgestellten Zeichnungen Goyas aus dem Prado bilden einen starken Kontrast zu den großen Installationen von Carsten Höllers Schau „Y“ in der Halle darüber. Bis 10. bzw. 24. September sind die beiden Eröffnungsausstellungen noch zu sehen – eine gelungene Demonstration auch der räumlichen Möglichkeiten, die das Centro bereit hält.



Fakten
Architekten Renzo Piano Building Workshop, Genua, mit Luis Vidal + Architects, Madrid
Adresse Calle Muelle de Albareda, s/n, 39004 Santander, Cantabria, Spanien


aus Bauwelt 16.2017
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading