Studieren im Regenwasserrückhaltebecken


Das Architekturkollektiv Raumlaborberlin hinterfragt städtische Routinen in Form eines offenen Labors für Wasserfiltration.


Text: Flagner, Beatrix, Berlin


    Über einen unscheinbaren Eingang gelangt man ins Tomatengewächshaus. Daneben steht ein Projekt von Atelier Bow Wow von 2015.
    Foto: Victoria Tomaschko, Raumlaborberlin

    Über einen unscheinbaren Eingang gelangt man ins Tomatengewächshaus. Daneben steht ein Projekt von Atelier Bow Wow von 2015.

    Foto: Victoria Tomaschko, Raumlaborberlin

    Die Pavillons wurden von einer Berliner Gerüstbau­firma ...
    Foto: Victoria Tomaschko, Raumlaborberlin

    Die Pavillons wurden von einer Berliner Gerüstbau­firma ...

    Foto: Victoria Tomaschko, Raumlaborberlin

    ... innerhalb von vier Wochen aufgebaut.
    Foto: Victoria Tomaschko, Raumlaborberlin

    ... innerhalb von vier Wochen aufgebaut.

    Foto: Victoria Tomaschko, Raumlaborberlin

Mitten in Berlin, und doch im Verborgenen: Das Rückhaltebecken des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof ist ein ruhiger Ort im Drei-Bezirke-Eck Tempelhof-Kreuzberg-Neukölln, eingefasst von Büschen und Bäumen. Auf den ersten Blick sehr idyllisch, auf den zweiten erspäht man in dem von Ölschlieren durchzogenen Wasser eine Ansammlung von Schuhen, Bällen, Hundeknochen, Festivalbändchen, Feuerzeugen und jede Menge Zigarettenstummel. An dem Wasser kann man ablesen, wie dreckig eigentlich unsere Stadt ist und was nur einige hundert Meter weiter auf dem Tempelhofer Feld alles passiert.
Für das Architekturkollektiv Raumlaborberlin steht das hier gesammelte Regenwasser sinnbildlich für das, was sie selbst „urbane Praxis“ nennen: Den Umgang mit den Ressourcen einer Stadt. Benjamin Foerster-Baldenius, Mitbegründer von Raumlabor und Projektinitiator erklärt es so: „Das Regenwasser vom Tempelhofer Feld und vom Columbiadamm kommt hier als verseuchte Brühe an. Dasselbe Wasser, das vom Himmel fällt und nur einmal durch einen Filter läuft, ist Trinkwasser. Zwischen diesen beiden Extremen stellt sich die Frage: Warum machen wir nicht mehr mit unserem Regenwasser?“
Für fünf Monate wird in der Floating University diesen und ähnlichen Themen nachgegangen. Auf dem temporären Campus bieten unterschiedliche Fachgebiete von europaweit 25 Universi­täten Vorträge, Seminare und Workshops an. Jeder kann Student der schwimmenden Univer­sität werden.
Über ein unscheinbares Gittertor gelangt man in ein Tomatengewächshaus. Von dort kann man sich einen Überblick über die gesamte Anlage verschaffen. Nachdem man acht Meter in das Becken absteigt, kann man sich im Eingangsgebäude immatrikulieren. Der „Urban Forest“ von Atelier Bow Wow unterscheidet sich vom übrigen Ensemble und ist ein reiner Holzbau. Er stammt noch aus der Ausstellung „Wohnungsfrage“, die 2015 einige Kilometer entfernt im Haus der Kulturen der Welt stattfand. Mit leichten Schiebewänden ausgestattet, erinnert er jetzt an einen japanischen Teepavillon am Wasser. Über einen langen Steg gelangt man zum Laborturm, dem Herzstück des Campus. In einem performa­tiven Wasserfiltrationssystem aus Trichterdach, Förderrad und einer Kaskade von zwölf Badewannen, wird das Wasser soweit gesäubert, dass die Tomaten am Eingang damit gegossen werden können. Gleichzeitig gibt es eine Regenwasser-Sammelanlage und einen Schüttelbad-Reaktor: an kleinen Styropor-Würfeln anhaftende Bakterien reinigen das Wasser innerhalb von einem Tag – kein Trinkwasser aber von der Badewasserqualität kann man sich im Pool, der dem Auditorium angegliedert ist, überzeugen.
Weitere notwendige Funktionen wie Küche, ein Projekt der Architekturfakultät der UdK Berlin, Essbereich, Toiletten und eine Bar, entworfen und betrieben von Studenten der Kunsthochschule Weissensee Berlin, sind dem Laborturm angeschlossen. „Wir selber sind hier Hausmeister, Dekanat und Kuratoren in einem und schauen, dass die Leute gleichzeitig da sind und es einen Austausch gibt.“
Das Projekt planten Raumlabor über drei Jahre, den Ort haben sie schon viel länger in den Köpfen. Nun da sie auf ihn aufmerksam gemacht haben, fühlen sie sich auch ein wenig verantwortlich für ihn. Benjamin Foerster-Baldenius: „Bei den bestehenden Boden- und Mietpreisen lohnt es sich, über ein Gebäude mit 500 Sozialwohnungen mit Regenwassersammelstelle im Keller nachzudenken. Doch genauso braucht es Denkräume, wo man sich Begegnet, mit der Umwelt auseinandersetzt und außerschulisch bilden kann.“



Fakten
Architekten Raumlaborberlin, Berlin
Adresse Regenwasserrsammelbecken Berlin-Tempelhof


aus Bauwelt 16.2018
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