Kernkraftmuseum in Asco


In Spanien liegt der Ausstieg aus der Atomkraft in weiter Ferne. Der Betreiber des Kraftwerks in Ascó arbeitet trotzdem an seinem Image. Dafür hat er sich von jungen Architekten aus der Region ein Besucherzentrum bauen lassen


Text: Soler Montellano, Agatángelo


    Die geschwungene Fasade aus Polycarbonat-Platten bezieht sich auf die hyperbolische Form des Kühlturms
    Foto: Pedro Pegenaute

    Die geschwungene Fasade aus Polycarbonat-Platten bezieht sich auf die hyperbolische Form des Kühlturms

    Foto: Pedro Pegenaute

    Im Eingangsbereich lässt die transluzente Fassade auch Licht ins Gebäude; ansonsten ist sie meist durch eine zweite Wand verdeckt
    Foto: Pedro Pegenaute

    Im Eingangsbereich lässt die transluzente Fassade auch Licht ins Gebäude; ansonsten ist sie meist durch eine zweite Wand verdeckt

    Foto: Pedro Pegenaute

    Foto: Pedro Pegenaute

    Foto: Pedro Pegenaute

    Blick auf das Kernkraftwerk aus der Nordfassade
    Foto: Pedro Pegenaute

    Blick auf das Kernkraftwerk aus der Nordfassade

    Foto: Pedro Pegenaute

Das Dorf Ascó liegt am rechten Ufer des Ebro, der hier ein raues Terrain aus bewaldeten Hügeln und engen, landwirtschaftlich genutzten Tälern durchquert. Im Norden der Gemeinde nahm 1983 das Kernkraftwerk Ascó den Betrieb auf. Es ist seitdem Hauptarbeitgeber der Gemeinde und ihr weit sichtbares Erkennungszeichen. Die bestehende Anlage wurde zuletzt durch ein Besucherzentrum mit Museum ergänzt. Bei meinem Besuch liegen die Attentate in Paris gerade 48 Stunden zurück, die Polizeipräsenz vor Ort ist erheblich, das Gebäude isst aus Sicherheitsgründen einige Tage lang für die Öffentlichkeit geschlossen.
Das Kraftwerk beherbergt zwei von insgesamt acht aktiven Reaktoren Spaniens und steht von seiner Leistung her an zweiter Stelle.
Das Besucherzentrum der jungen Architekten Josep Camps und Olga Felip soll die Funktionsweise des Kraftwerks erklären und es einer Gesellschaft näher bringen, die oft wenig über Atomenergie weiß oder ihr ängstlich und ablehnend gegenübersteht. Das kommt bei den Mitarbeitern gut an, die merken, dass die Ausstellung das Undurchsichtige und Unheimliche ihrer Wirkungsstätte reduziert und dem kollektiven Bildgedächtnis eine andere Perspektive hinzufügt, die über die Bilder von Tschernobyl, Fukushima und Homer Simpsons fluoreszierende Uranstäbe hinausgeht. Jede Woche nehmen zahlreiche Rentner und Schulklassen aus der Region, aber auch aus dem 200 Kilometer entfernten Barcelona, an dem interaktiven Rundgang teil, der die Fakten der Produktion von Kernenergie vereinfacht und spielerisch erklärt.
Den Standort des Zentrums haben die Architekten gemeinsam mit dem Bauherrn festgelegt. Gesucht war ein Ort zwischen Dorf und Kraftwerk, der am Ende eines Rundgangs einen guten Blick auf den Kraftwerkskomplex ermöglicht. So steht das Gebäude auf einem an sich schönen Gelände über dem nahen Fluss ein bisschen isoliert im Niemandsland, neben einem großen Parkplatz und einer Brache, die irgendwann bepflanzt werden soll. Die Sicherheitsvorschriften tragen zum unwirtlichen Gefühl bei: Hier alleine herumzulaufen ist verboten, ebenso zu fotografieren. Außer den Wachleuten mit Hunden und den Beschäftigten, die in ihren Autos ins Kraftwerk und wieder hinaus fahren, gibt es weit und breit keine Menschenseele.
Das Ergebnis ist ein introvertiertes Gebäude, das aus drei miteinander verbundenen Volumen besteht. Der Eingang liegt in einer konkav geschwungenen Fassade an der Südseite. Ihr größeres, weniger stark geschwungenes Pendant an der Nordseite markiert den visuellen Bezug zum Kraftwerk. Beide Fassaden sind mit transluzenten weißen Polycarbonat-Platten verkleidet, die ein helles Inneres erwarten lassen. Sie heben sich deutlich von den schwarzen, perforierten Wellblechen der übrigen Außenhaut ab. Die sich aus der Materialität ergebenden Streifen der Fassade sind ein Markenzeichen der Architekten, die sie bereits bei anderen Bauten in der Provinz Tarragona, wie dem Kulturzentrum und dem Schwimmbad von Tortosa sowie dem Gesundheitszentrum in L’Aldea, eingesetzt haben.
Die kühle Eleganz des Gebäudes wirkt nicht gerade einladend, kultiviert aber einen gewissen industriellen Chic und ist so durchaus geeignet, Werte wie Modernität, Präzision und Sauberkeit zu kommunizieren, mit denen der Betreiber assoziiert werden möchte. Bedenkt man den Zweck des Gebäudes, überrascht die fehlende Transparenz. Die gestalterische Abstraktion führt im Zusammenspiel mit der Geschlossenheit der Hauptfassade und der Präsenz der zwei übergroßen Fenster, die den mittleren, deutlich höheren Gebäudeteil nach Ost und West öffnen, dazu, dass man den Maßstab des Gebäudes falsch einschätzt. Es wirkt monumental. Dieser Eindruck wird durch den Blick auf den Kühlturm des Kraftwerks noch verstärkt. Tatsächlich ist es nicht schwierig, eine Verbindung zwischen der technisch-eleganten Geometrie des Kühlturms und der Expressivität des Neubaus mit seinen geschwungenen Fassaden herzustellen.
Im Innern gewinnt die Architektur für den Betrachter dank der Untergliederung des Grundrisses in eine kurze Raumfolge den menschlichen Maßstab zurück. Die festen Wände sind durch verschiebbare Elemente ergänzt, die Möbel sind aus weiß lackiertem Holz. Überraschenderweise befindet man sich hinter der Fassade aus Lochblechen und lichtdurchlässigen Kunststoffplatten nicht in einem diffus hellen Innenraum. Mit Ausnahme des Eingangsbereichs verstecken sich hinter der transluzenten Fassade opake Wände. Diese Inkonsistenz zwischen äußerem und innerem Eindruck wird an der Nordfassade besonders deutlich, wo die Polycarbonat-Platten innen fast vollständig mit einer undurchsichtigen zweiten Wand verkleidet sind. Nichtsdestotrotz ist das Lichtkonzept eine angenehme Überraschung, haben die Architekten doch einen einladenden Raum mit mediterraner Lichtstimmung geschaffen. Sie erreichen dies durch die beiden großen Fenster in der West- und Ostfassade und einige kleine Fenstern, die, von außen kaum sichtbar, hinter der Polycarbonat-Fassade liegen.
Die Ausstellung ist in zwei Sektionen unterteilt. Im Erdgeschoss erhält man einen allgemeinen Überblick über verschiedene Formen der Energieproduktion, das Obergeschoss erklärt die Funktionsweise dieses bestimmten Kernkraftwerks. Von der Treppe aus ergeben sich schöne Ausblicke auf den Fluss und die ländliche Umgebung, die so ein Teil des Ausstellungsrundgangs wird. An diesem Punkt findet das Besucherzentrum, das bis hierher jeden Bezug zur Außenwelt vermieden hat, doch noch seine ihm zugedachte Vermittlerrolle zwischen einem Kraftwerk und seiner Umgebung.



Fakten
Architekten Camps, Josep, Girona; Felip, Olga, Girona
Adresse Asco Spanien


aus Bauwelt 8.2015
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