Bürohaus "2226"


75 Zentimeter Ziegel


Text: Aicher, Florian, Leutkirch


    Foto: archphoto/EH + IL

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Ein Haus ohne Heizung, Lüftung und Kühlung – und das angeblich ohne Verzicht auf Komfort und für 1000 Euro pro Quadratmeter. Mit dem Bürohaus „2226“ treten Baumschlager Eberle den Beweis an, dass die Energiewende mit den bewährten Mitteln der Architektur zu bewältigen ist. Ein Meilenstein? Unser Autor jedenfalls ist begeistert.
Das gebrochene Weiß des Sumpfkalks an Wänden und Decken (man kann ihn noch riechen und muss sich vor dem Schleifstaub in Acht nehmen), der helle Anhydritboden, der regel­mäßige Rhythmus von Wandflächen und hohen Fenstern mit kräftigen Massivholzrahmen, stetig über Eck laufend, die ausgewogene Raumtiefe und ungewöhnliche Höhe, die wenigen, ganz unterschiedlichen Möbel, darunter massive Eichentische von viereinhalb Metern Länge, offene Blechregale, ein raumhoher Josef-Frank-Vorhang – viel mehr ist es nicht. Woher kennt man solche Räume? Räume, die sofort vertraut scheinen, einladend, ohne einen Anflug von Aufdringlichkeit, elegant gar oder nobel? Als Büroräume kennt man so etwas eigentlich nicht.
Und doch – es sind die neuen Büroräume von Baumschlager Eberle in Lustenau, seit einem Vierteljahr in Betrieb. Selbst den USM-Haller-Möbeln gelingt es nicht, hier das forciert Technische heutiger Büros aufkommen zu lassen. „Das Pro­blem an dem Haus ist, dass mir die Lust am Arbeiten vergeht“, bemerkt Dietmar Eberle – und ist schon wieder auf dem Sprung zu seinem Lieblingsspielzeug, einem kleinen Bildschirm, der in al-len großen Räumen in die Putzwand eingelassen ist. Er zeigt sämtliche Klima-Parameter des Hauses, ruhige Kurven, die höchstens ausschlagen, wenn der Chef mal wieder zuviel raucht. Dann öffnen sich die Lüftungsklappen der hohen Fenster automatisch – oder eben wunschgemäß programmiert. Damit ist die Technik im Haus schon zu Ende. „Das ist der Komfort, wie ich ihn mir vorstelle: Nix tun müssen, aber rumdrehen können, wann immer ich will“, so der Architekt und Bauherr.
Gebäude sind nicht für technische Systeme da, sondern für den Nutzer
Man könnte ins Staunen kommen: Der Dietmar Eberle, der vor einem Drittel Jahrhundert in Vorarlberg Architekturrevolution machte, indem er dem Holzbau eine Renaissance bescherte? Der an vernakuläres Bauen anknüpfte, für eine alternative Szene baute? Energie und Ökologie waren Anliegen seit der ersten Stunde. Erstaunlich, wie schnell diese Bewegung die Mitte der Gesellschaft erreichte und heute den Ruf des Landes prägt. Die Landesgrenzen wurden Eberle bald zu eng, heute hat sein Büro acht Zweigniederlassungen auf drei Kontinenten, das Repertoire umfasst sämtliche Bauaufgaben und -techniken, er selbst ist Professor an der ETH Zürich. Erfolg auf ganzer Breite, alles Denkbare erreicht – könnte man meinen.
Doch heute geht Eberle wieder so scharf mit der Zunft ins Gericht wie zu Beginn seiner Karriere: „Wir optimieren die Gebäudehülle, benötigen weniger Energie – und der Aufwand dafür steigt ständig. Wir haben immer mehr technische Systeme, die redundant sind, die Abstimmung wird immer schwieriger. Zertifizierte Bauten verbrauchen oft mehr Energie als ‚normale‘ Gebäude. Die Energieersparnis wird durch Unterhalt und Wartung aufgefressen. Die Unzufriedenheit der Nutzer steigt.“ Und weil er beobachte, dass der Nutzer und sein Verhalten immer mehr zum Störfaktor für technische Systeme würden, müsse daran erinnert werden: „Gebäude sind nicht für technische Systeme da, sondern für den Nutzer!“ Als jemand, der diese heute kritisierte Entwicklung mit vollzogen hat, weiß er, wovon er spricht und was falsch läuft, und er drängt zur Sprache.
Eberle wäre aber nicht Eberle, wenn er es beim Wort belassen hätte: Er hat gebaut – elementar, Stein auf Stein, ein Haus ohne Technik. Abermals eine Renaissance. Ein Kubus von 24 x 24 x 24 Metern, tragende Außenwände, im Innern vier um ein offenes Zentrum versetzte, gemauerte Körper für Treppen, Lift, Nebenräume; vorgespannte Stahlbetondecken über maximal zehn Meter, die zum Himmel und zur Erde gedämmt sind. Es gibt keine Heizung, keine Kühlung, keine mechanische Lüftung. Die Wand macht’s: Eine monolithische Außenwand aus 75 Zentimeter Ziegel, innen wie außen verputzt mit reinem Kalk von der Kanisfluh (einem Berg im Bregenzer Wald), mit Fenstern in nur einem Format. Feststehend dreifachverglast in Rahmen aus Massivholz, reichen sie von einer Brüstung auf Sitzhöhe bis unter die Decke und in der Breite von linker zu rechter Fingerspitze der ausgestreckten Arme. In regelmäßigem Rhythmus wechseln sie mit Mauerscheiben von anderthalbfachem Maß.
Bemerkenswert: Die lichte Raumhöhe beträgt 3,40 Meter, im Erdgeschoss gar 4,50 Meter. Das ist einem kohärenten Klimakonzept geschuldet, das sich zusammensetzt aus der Masse des Steins mit seinem Speichervermögen (den Anhydritboden eingeschlossen), einem großen Luftvolumen, den hohen, innenbündig gesetzten Fenster, die weitgehend verschattet sind dank der tiefen Außenwand, die wiederum mit 22 Prozent maßvoll befenstert ist (gegenüber heute üblichen bis zu 50 Prozent). So reicht zur Temperierung der Räume die Abwärme der Nutzung – von der Kaffeemaschine über den Computer bis zur Körperwärme der Mitarbeiter – mit gesicherten Temperaturen von 22–26°C, daher der Name des Projekts: „2226“. Natürlich ist das verwegen, doch der Aufwand, der an Simulation und Modellierung getrieben wurde, verstreute Zweifel. Wesentlich dabei waren komplexe Rechenprogramme, die die Trägheit des Baus in Rechnung stellen und die Dimension der Lufträume. Projektarchitekt Jürgen Stoppel nennt die sommerliche Aufheizung die kritische Phase und schließt an: „Diesen Sommer mit Außentemperaturen von an die 40°C im Rheintal-Kessel hat der Bau mit Bravour bestanden. Wir hatten Wohlfühl-Klima.“
Es wäre vorschnell, das Gebäude unter Lowtech abzulegen. Die Außenwand – reiner Ziegel ohne integrierte Dämmung, ergänzt durch mineralischen Putz – ist auf höchstem Stand der Technik: Die verbundene zweischalige Wand hat innen­seitig nach Belastungsfall wechselnd Ziegel unterschiedlicher Dichte, während die außenseitige Schale auf hohe Dämmwerte ausgelegt ist, eine nach Lage und Höhe optimierte Konstruktion. Der entscheidende Unterschied zur heute gängigen Praxis: Die technische Intelligenz ist in den Bau gewandert, in Wände und Decken, Grundriss und Fassade – und nicht in Apparate. Lediglich die ins Fenster integrierten schmalen, geschlossenen Lüftungsflügel aus Holz werden elektrisch und sensorgesteuert betrieben (etwa wenn der CO2-Gehalt zu hoch wird), gewährleisten frische Raumluft und nutzen die Nachtkühle. Erstaunlich: Bei vergleichbarem Standard unterschreiten die Kosten mit 1000 Euro pro Quadratmeter die eines heute üblichen Bürobaus. „Ökonomie, Ökologie und Komfort werden zu einem Preis realisiert, der marktwirtschaftlich relevant ist“, sagt Dietmar Eberle. (Anmerkung der Redaktion: Die Kosten sind die Bauwerkskosten laut ÖNORM 1801 und entsprechen den Kostengruppen 300 und 400 HOAI).
Ein Haus von selten gewordener Selbstverständlichkeit
Wie selbstverständlich der neue Bau funktioniert, offenbarten bereits die Besuche auf der Baustelle – keine Spur von sonst üblichen Chaos, stattdessen wachsender Stolz des Poliers auf die handwerkliche Sauberkeit seines Werks mit jedem Stockwerk. „Es ist ein Haus aus Stein“, schwärmt der Architekt, „es ist ein Haus mit Wänden, es ist ein Haus mit Fenstern und mit Türen. Es ist ein Haus mit klaren Räumen, hohen Räumen, gut genutztem Tageslicht und viel Kubatur pro Person, was Schadstoffe mindert, generell das Wohlbefinden hebt. Ein Haus, das in seiner Konstitution Qualitäten bereitstellt, die lange gelten werden. Etwa: eine gute Beziehung nach außen, frische Luft aus der Umgebung. Ein Gebilde von deutlicher Gestaltqualität, von hoher haptischer Qualität, dessen Plastizität mit wenigen dezenten Mitteln unterstrichen wird – geringfügige Versprünge, die durch leicht sich vorwölbende Wände entstehen und die Elastizität des Körpers betonen. Ein Haus, das seine Kraft aus ursprünglicher Einfachheit bezieht und sie mit minimalen Interventionen differenziert – lebendig, lesbarer, anschaulich.“ Man muss ihm zustimmen: Typische Architektur, die lebendig wird durch dezente Abweichungen vom Ideal – so, wie das seit je gemacht wird.
Also: Mit den Räumen und dem Haus zu beginnen, darum geht es Dietmar Eberle wie vor dreißig Jahren. Um Raum für Menschen, die sich ändern, oder auch nicht, mit ihrem Zuhause umgehen; um ein Haus, das zum Leben gehört, sich nicht aufdrängt, auch nicht das Blaue vom Himmel oder vom Bildschirm verspricht; um den Bau, der für sich steht, seinen Nutzern freundlich entgegenkommt, ohne ihn gar zu wichtig zu nehmen – ein Haus von selten gewordener Selbstverständlichkeit.



Fakten
Architekten Baumschlager Eberle, Lustenau
Adresse Millennium Park 20 6890 Lustenau


aus Bauwelt 44.2013
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