Kein Parkhaus mit Daddelbude

Köln bekommt am Deutzer Bahnhof ein Casino. Wie es aussehen wird, entschied der Wettbewerb nicht. Die Jury kürte zwei Preisträger.

Text: Winterhager, Uta, Köln

    Baudezernent Franz-Josef Höing schaut aus seinem Amtszimmer auf das Baugrundstück, das derzeit noch als Parkplatz genutzt wird.
    Foto: Uta Winterhager

    Baudezernent Franz-Josef Höing schaut aus seinem Amtszimmer auf das Baugrundstück, das derzeit noch als Parkplatz genutzt wird.

    Foto: Uta Winterhager

    ein 1. Preis Almann Sattler Wappner bilden das Kuppeltragwerk über den Spielbereichen als Stahlgitterkonstruktion aus.
    Abb.: Architekten

    ein 1. Preis Almann Sattler Wappner bilden das Kuppeltragwerk über den Spielbereichen als Stahlgitterkonstruktion aus.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    ein 1. Preis Die AIP Planungs GmbH bildet fünf Meter über dem Platz eine öffentliche Terrasse aus und platziert Restaurants im Erdgeschoss.

    ein 1. Preis Die AIP Planungs GmbH bildet fünf Meter über dem Platz eine öffentliche Terrasse aus und platziert Restaurants im Erdgeschoss.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    3. Preis gernot : schulz architektur finden, der Bahnhof müsse das erste Haus am Platz bleiben. Dem Ca­sino geben die Architekten die Anmutung eines Kulturbaus.
    Abb.: Architekten

    3. Preis gernot : schulz architektur finden, der Bahnhof müsse das erste Haus am Platz bleiben. Dem Ca­sino geben die Architekten die Anmutung eines Kulturbaus.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

Kein Parkhaus mit Daddelbude

Köln bekommt am Deutzer Bahnhof ein Casino. Wie es aussehen wird, entschied der Wettbewerb nicht. Die Jury kürte zwei Preisträger.

Text: Winterhager, Uta, Köln

Als das NRW-Landeskabinett 2013 beschloss, den fünften Spielbankenstandort von Nordrhein-Westfalen in Köln anzusiedeln, löste das in der Stadt eine politische Diskussion aus. Ist Glücksspiel moralisch überhaupt vertretbar? Ist ein Casino ein Zukunftsmodell? Jein. So richtig fest­legen wollte sich in der Stadt erst niemand, doch dann gab es ein schlagendes Argument: das Geld, das ein Casino in die Stadtkasse spülen würde. Die Suche nach einem geeigneten Standort wurde immer wieder von den Bedenken der einen und den Bedürfnissen der anderen erschwert. Denn der nachtaktive Spielbetrieb, dessen Besucher den Anspruch haben, ihr Auto quasi am Roulettetisch zu parken, erfordert einen im Verhältnis zur Bauaufgabe hohen Anteil oberirdischer Parkfläche und eine tolerante Nachbarschaft. Diese fand sich schließlich in Deutz, einem Stadtteil, der, obwohl rechtsrheinisch gelegen, doch zur Kölner Innenstadt gehört. Das schmale Grundstück an der Ostseite des 2014 neu gestalteten Ottoplatzes mit dem Deutzer Bahnhof liegt direkt am Bahndamm. Die vorbeiführende sechsspurige Straße gewährt, wie von den späteren Betreibern gefordert, eine gute Erreichbarkeit.
Dafür dass die Spielbank auf einem solch prominent gelegenen Grundstück bauen darf und nicht etwa an den Stadtrand muss, forderte die Stadt einen Wettbewerb und schrieb architek­tonische Anforderungen in die Auslobung. Denn in einem „Parkhaus mit Daddelbude auf dem Dach“, so der Albtraum des Baudezernenten Höing, sollte die Sache nicht enden. So war eine möglichst durchgängige Außenhaut gewünscht, die den Neubau als Ganzes wirken lässt und als Spielbank erkennbar macht. Gebaute Vorbilder für diesen Anspruch gibt es nicht. Weder in Monaco, noch in Las Vegas oder in Baden-Baden. Unter den 18 eingegangenen Arbeiten vergab die Jury Anfang Dezember zwei erste Preise, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ganz offensichtlich gehen die Meinungen darüber, was möglich und was nötig ist, nach wie vor weit auseinander.

Paillettenkleid mit orientalischer Note

Hohe architektonische Qualität lässt zweifellos der Beitrag von Allmann Sattler Wappner (ein 1. Preis) erkennen. Offensichtlich inspiriert von der glamourösen Seite des Glücksspiels, hüllen die Architekten ihr Gebäude in ein schillerndes Paillettenkleid. Darunter verbergen sie einen viergeschossigen Skelettbau als Parkhaus und einen dreigeschossigen, massiven Aufsatz, das Casino. Die Hülle aus Schindeln, die unten gläsern ansetzt und nach oben hin mit einer zunehmenden Anzahl keramischer Ziegel an Transparenz verliert und an Farbe gewinnt, ist der Auftakt für den ungewöhnlichen Innenraum. In einer Sequenz von dreieinhalb textilüberspannten Kuppeln lassen die Architekten aus den zahllosen Spielautomaten, den Poker- und Roulettetischen, Bars und Wendeltreppen eine Ordnung entstehen, die an orientalische Dekors erinnert.
Für die Preisträger aus München ist ein Casino ein Ort der Öffentlichkeit, dieses Signal wollen sie in die Stadt senden. So bilden sich die ineinander verschnittenen Kuppeln als parabelför­mige Fenster auch an der Fassade ab. Die größte Öffnung erhielt der schmale, auf den Ottoplatz gerichtete Gebäudekopf. Dort befindet sich im Erdgeschoss der Haupteingang und ganz oben das Restaurant. Eine Rolltreppe überwindet die Höhe der Parkgeschosse und bringt die Besucher direkt in die Spielsäle. Der Forderung der Auslobung, das Thema Casino „neu zu denken“, begegnen Allmann Sattler Wappner, so die Jury, mit einem „unverbrauchten und eigenständigem Vokabular“. Kritisch diskutierten die Preisrichter, ob eine derart ungewöhnliche Konstruktion nicht auch baukonstruktive Szenarien für eine Umnutzung enthalten solle. Muss hier eine Hintertür offen bleiben?

Erlebnisfreiraum und große Öffnung

Flair und Glamour schrieb die Jury dem Entwurf von AIP zu (ein 1. Preis), hinter dessen glänzender Keramikfassade wohl Ungewöhnliches passiert. Denn dort, wo die Kubatur zurückspringt oder große Glasflächen Einblicke erlauben, wachsen in der Darstellung Bäume. Und wo man es nicht erwarten würde, im Foyer, dreht ein Auto eine Ehrenrunde. Der Entwurf erscheint aufgeräumt, die Funktionen sind horizontal sortiert und sauber getrennt, die Glücksspieletagen liegen deutlich erhöht über dem Stadtraum. Weil vieles in einem Casino nutzungsspezifisch im Verborgenen stattfinden muss, suchten die Architekten nach Funktionen, die sie an der Fassade abbilden können, um den Kontakt zum öffentlichen Raum herzustellen. Drei vom Spielbetrieb unabhängige Lokale öffnen das Sockelgeschoss zum Ottoplatz und kaschieren die innenliegenden Parkflächen, eine breite Treppe lädt, flankiert von Rolltreppen, mit großer Geste zum Besuch des Hauses ein.
Gerade weil es dem Auslober so wichtig war, keine Hemmschwelle aufzubauen, steigern AIP das Einstrittsszenario mit einem an der Ecke zur Opladener Straße gelegenen Panoramaaufzug, der die Besucher direkt ins Restaurant im 3. OG befördert. Mit der fünf Meter über dem Platzniveau liegenden Foyerebene schaffen sie einen neuen „Erlebnisfreiraum“. Die Jury kritisierte, dass die Terrassenflächen durch an der Fassade liegende Umkleiden und Erschließungsflächen nicht durchgängig adäquat begleitet werden und die auf die Vorfahrt führende Rampe einen möglichen Rundweg zerschneidet. Das Gebäude sei bemüht, das Thema Casino so zu inszenieren, dass es eine hohe Strahlkraft in den öffentlichen Raum entwickelt, urteilte die Jury. Gelungen sei dies mit der Betonung der großen Öffnung zum Ottoplatz, allerdings kämen die überwiegend geschlossenen Nord- und Ostfassaden dem Wunsch nach allseitiger Vorderseite nicht nach.

Kulturbau mit Krone

Das einzige Kölner Büro unter den Preisträgern, gernot schulz : architektur (3. Preis), betrachtet das Casino nicht nur als Stadtbaustein, sondern auch als einen Kulturbau. Der Bahnhof müsse das erste Haus am Ottoplatz bleiben, deshalb ordnen die Architekten den Neubau dem Bestand unter, lassen ihn aber mit einem steinernen Sockel und einer metallisch schimmernden Krone keinesfalls bescheiden auftreten. Ein mehrgeschossiges Foyer öffnet das Gebäude zum Ottoplatz. Über Rolltreppen, die bei Casinos wohl obligatorisch sind, werden die Besucher in die Höhe geführt, wo das Casino auf zwei Ebenen über den Parkgeschossen thront. Als einziger der Preisträger scheut Gernot Schulz sich nicht, Tageslicht in die Spielbereiche zu lenken. Umgekehrt sollen diese dann bei Nacht in den Stadtraum strahlen. Doch die Kleinteiligkeit und Konventionalität der Fassadenstruktur schien der Jury weniger zur Entwurfsaufgabe zu passen. Obwohl der Entwurf städtebaulich und funktional eine gute Lösung darstelle, sah sie das gestalterische Potenzial einer Spielbank nicht ausgeschöpft.

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