Methodik eines forschenden Entwerfens

Fachgebiet für Städtebau und Urbanisierung CUD, Jörg Stollmann Institut für Architektur, TU Berlin

Text: Stollmann, Jörg, Berlin

    INTERBAU 2020
    Abb.: Karoline Fahl, Johanna Grabmaier, Maria Schlosser

    INTERBAU 2020

    Abb.: Karoline Fahl, Johanna Grabmaier, Maria Schlosser

    INTERBAU 2020
    Abb.: Karoline Fahl, Johanna Grabmaier, Maria Schlosser

    INTERBAU 2020

    Abb.: Karoline Fahl, Johanna Grabmaier, Maria Schlosser

Methodik eines forschenden Entwerfens

Fachgebiet für Städtebau und Urbanisierung CUD, Jörg Stollmann Institut für Architektur, TU Berlin

Text: Stollmann, Jörg, Berlin

Wir sprechen nicht von der Europäischen Stadt als Leitbild. Wir sprechen von der inklusiven, offenen und zugänglichen Stadt und von den Konflikten ihrer Produktion. Wir verstehen die Stadt als Ort der Integration. Städtebau und Planung müssen zwischen den Interessen der globalen und lokalen Wirtschaft, der Verwaltung und der Zivilgesellschaft vermitteln. Jeder städtebauliche Plan beschreibt eine Verhandlung, wie Raum und Ressourcen strukturiert und verteilt werden sollen.
Worüber sprechen wir dann, wenn wir über europäische Städte sprechen? Vielleicht nicht über die wachsenden Metropolen, Metropolitanräume und Neustadtgründungen im globalen Süden und in Asien. Vielleicht jedoch über St.Petersburg und Washington, die schon André Corboz als zwei europäische Städte identifiziert hat. Wir sprechen – darauf könnte man sich einigen – über Städte mit einer langen, kontinuierlichen aber wechselhaften Geschichte, in denen gerade die Heterogenität eine Chance zur Integration diverser Lebensmodelle und Kulturen bietet.
Entwerfen wir in diesem Kontext, müssen wir den materiellen, sozialen und kulturellen Bestand mitdenken. In diesem Bestand verankert – sowohl in der gründerzeitlichen Bebauung wie auch in den Wohnsiedlungen der Moderne – liegt ein politisches Versprechen auf ein besseres Leben, ein Zugang zu Wohlstand, zu Bildung und zu Teilhabe, kurz, ein Versprechen auf Integration. Die Einhaltung dieses Versprechens entscheidet wesentlich über die Zukunftsfähigkeit der europäischen Städte.
Diesem Leitgedanken des gebauten und ideellen Erbes fühlen wir uns in der Ausbildung von Architekten und Städtebauern verpflichtet. Hierfür müssen wir eine Vielzahl von Instrumenten und räumlichen Modellen in Raumgestaltung und -ordnung beherrschen. Die folgenden drei Lehrformate (WS 2014) geben Einblick in eine Didaktik inter- und transdisziplinär forschenden Entwerfens. Am Beispiel des Berliner Quartiers Kreuzberg, konkret des Dragoner-Areals, möchten wir in Lehre und Forschung einen Beitrag zur kooperativen Planung und Gestaltung der Stadt leisten.

Urbanes Reenactment
Im Einführungssemester des Studiengangs Urban Design untersuchten die Studierenden das Potenzial nutzerorientierter kooperativer Stadtentwicklungen. In enger Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt wurden sieben Orte in Kreuzberg identifiziert. Teil des Semesters war ein zweitägiges Planspiel. In diesem vertraten die Studierenden die Positionen von realen und nahezu realen Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft am Beispiel eines fiktiven Bieterverfahrens für das Areal des Viktoriaspeichers. Dieses Areal ist nur ein Beispielfall im aktuellen Konflikt um die Neuorientierung der Liegenschaftspolitik in Berlin. Angelehnt an das Format „Wargame“, das von den strategischen Kommunikationsplanern der UdK Berlin entwickelt wurde, gingen dem eigentlichen Spiel präzise Recherchen zu den jeweiligen Agenden, zu den vorgeschriebenen Verfahren sowie zur Rolle der Medien voraus. Das überraschende Ergebnis der Verhandlungen war nur vordergründiges Ziel des Spiels. Vielmehr gewannen die Studierenden über das Verkörpern von Rollen, Aufträgen und den damit verbundenen Möglichkeiten an Teilhabe und Macht einen besseren Einblick in die Konstellationen, in denen sie als Städtebauer und Planer agieren müssen, als es die klassische Analyse leisten kann.
Civil Learning
Parallel zu einem Entwurfsstudio zum Dragoner-Areal arbeiteten Studierende und die Initiative Bündnis Stadt von Unten gemeinsam an einer Sammlung alternativen Planungswissens. Die Studierenden erhielten von der Initiative einen Einblick in die Arbeitsweise politisch engagierter zivil-gesellschaftlicher Akteure. Im Gegenzug vermittelten sie der Initiative spezifische Kenntnisse zu Verfahren und Methoden alternativer Projektentwicklungen anhand der Analyse beispielhafter Projekte. Ziel des Seminars ist die Sensibilisierung und methodische Qualifizierung für eine transdisziplinäre kooperative Zusammenarbeit. Das Seminar ist Teil der Entwicklung einer Didaktik des Service Learning und der gemeinschaftsbasierten Forschung und Gestaltung an der TU Berlin.
Typologisches Bombardement
Das Entwurfsstudio zum Dragoner-Areal, Berlins zweitgrößter innerstädtischer Liegenschaft, entwickelte zwei Szenarien künftiger Nutzung im Dialog mit zwei Parteien, die sich im Bieterverfahren um das Areal als alternative Projektentwickler beworben hatten: die Initiative Stadt von Unten sowie ein Konsortium aus einer Wohnungsbaugesellschaft und selbstverwalteten Hausgemeinschaften. Zu Beginn wurde das aufgrund von Blockinnenlage, Grundstückstiefe und Denkmalbestand schwierig zu planende Areal einem typologischen Bombardement ausgesetzt. In der Projektion von 30 städtebaulichen Modellen (Kategorien: Residential Classic, Generic City Fabric, Accidental Bastard) auf den Ort wurden deren stadträumliche Qualitäten getestet. Das so entstandene Repertoire wurde dann auf seine programmatische Eignung für die beiden Szenarien getestet, selektiert und schrittweise weiterentwickelt. Im Gegensatz zu einer deduktiven Ableitung eines städtebaulichen Konzepts bietet dieser nicht-lineare Prozess die Möglichkeit, intuitiv-entwerfend Entdeckungen zu machen.
Lehrformat
Urbanes Reenactment
Betreuung
Katharina Hagg; Fachgebiet Internationaler Urbanismus und Entwurf Habitat Unit von Philipp Misselwitz:Oliver Schetter
Kooperationspartner
Lehrgebiet Strategische Kommunikationsplanung UdK Berlin von Jürgen Schulz: Andreas Galling-Stiehler
Lehrformat
Civil Learning
Betreuung
Anna Heilgemeir
Kooperationspartner
kubus Wissenschaftsladen, Zentraleinrichtung Wissenschaftliche Weiterbildung und Kooperation, TU Berlin, Elke Beyer; Bündnis Stadt von Unten
Lehrformat
Typologisches Bombardement
Betreuung
Martin Murrenhoff
Entwurf
INTERBAU 2020, Berlin
Betreuung
Martin Murrenhoff
Studenten
Karoline Fahl, Johanna Grabmaier, Maria Schlosser
Kooperationspartner
Mietshäusersyndikat
Das Gelände der ehemaligen Garde-Dragoner-Kaserne in Berlin-Kreuzberg ist planerisch ein „weißer Fleck“. Diese Freiheit nutzt das Projekt zu einem Recycling ausgewählter Gebäude der Interbau 57. Es thematisiert damit sowohl die Absage der Berliner IBA 2020 als auch den Rückzug der Politik aus der stadtgestalterischen Verantwortung, konkret dem sozialen Wohnungsbau. Der Rückgriff auf die experimentelle Architektur der Interbau stellt das Rohmaterial, um die Bedürfnisse heutigen Wohnens neu zu verhandeln. Im Kontext der kommerziell geprägten Berliner Entwicklungspraxis beschreibt der Zusammenschluss einer großen Berliner Wohnungsbaugesellschaft (50%), dem Mietshäuser Syndikat (25%), privaten Eigentümern (20%) und einer Wohnungsbaugenossenschaft (5%) ein idealistisches Modellprojekt mit einem besonderen programmatischen Spektrum. Dieses reicht von selbstorganisierten Hausprojekten in Gemeinschaftseigentum über klassische Mietwohnungstypologien in kommunalem Besitz und genossenschaftlichem Wohnungsbau bis hin zu Wohnund Gewerbeflächen in privatem Eigentum. Nach Inventarisierung und Analyse der Interbau-Typologien fällt die Wahl auf zwölf Gebäude, deren Transfer ins Dragoner-Areal den Block und seine denkmalgeschützte Struktur ergänzen und weiterbauen, ohne Lücken zu schließen. Zur Einbettung in den Kreuzberger Kontext werden die Bauten städtebaulich und architektonisch an veränderte soziale, ökologische und ökonomische Standards angepasst. Die ursprüngliche Ausrichtung der Bauten wird übernommen, während das Ensemble um 200 Prozent verdichtet wird. In der Höhe von außen nach innen gestaffelt, erreichen die Gebäude im Zentrum des Blocks Hochhausniveau (über 50m). In der Collage mit denkmalgeschützten Reithallen entsteht ein komplexer und spannungsreicher öffentlicher Raum, der das Nutzungsprinzip der Kreuzberger Mischung bedient. Oscar Niemeyers Wohnscheibe der Interbau 57 wird zum Hausprojekt des Mietshäuser Syndikats, in dem vormals 3-Zimmer-Wohnungen in Clusterwohnungen aufgehen. Das Gemeinschaftsgeschoss im 5. Obergeschoss wird als Projektraum zu Tauschbörse und Café und das konstruktive, bisher als Abstellraum genutzte Dachgeschoss zum kollektiv genutzten tropischen Dachgarten.

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