4 Welches Berufsbild soll an den Universitäten vermittelt werden?

Mehr zivilgesellschaftliche Akteure auf der einen Seite, größere wirtschaftliche Macht auf der anderen – die Produktion der Stadt befindet sich in einem rasanten Wandel. Passt die Ausbildung noch zur Wirklichkeit? Die Städtebaulehre an deutschen Unis ist heterogen. Was ist wichtiger: gestalterisches Grundverständnis oder eine bes­sere Kooperation von Stadtplanern und Ingenieuren? Im vierten Panel diskutieren Franz Pesch, Julian Wékel und Sophie Wolfrum, moderiert von Matthias Böttger

Text: Böttger, Matthias

    Sophie Wolfrum
    Foto: Schnepp Renou

    Sophie Wolfrum

    Foto: Schnepp Renou

    Julian Wékel
    Foto: Schnepp Renou

    Julian Wékel

    Foto: Schnepp Renou

    Moderator Matthias Böttger
    Foto: Schnepp Renou

    Moderator Matthias Böttger

    Foto: Schnepp Renou

    Franz Pesch
    Foto: Schnepp Renou

    Franz Pesch

    Foto: Schnepp Renou

    Foto: Schnepp Renou

    Foto: Schnepp Renou

4 Welches Berufsbild soll an den Universitäten vermittelt werden?

Mehr zivilgesellschaftliche Akteure auf der einen Seite, größere wirtschaftliche Macht auf der anderen – die Produktion der Stadt befindet sich in einem rasanten Wandel. Passt die Ausbildung noch zur Wirklichkeit? Die Städtebaulehre an deutschen Unis ist heterogen. Was ist wichtiger: gestalterisches Grundverständnis oder eine bes­sere Kooperation von Stadtplanern und Ingenieuren? Im vierten Panel diskutieren Franz Pesch, Julian Wékel und Sophie Wolfrum, moderiert von Matthias Böttger

Text: Böttger, Matthias

Matthias Böttger Der gestaltende Architekt oder der Städtebauer sollen bei der städtebaulichen Entwicklungsplanung wieder mehr die Federführung im Prozess übernehmen; dies wurde in unserer Diskussion gefordert. Wenn man Federführung haben will, bedeutet das, dass andere sie nicht haben. Begründet wurde dieser Anspruch damit, dass Architekten dazu ausgebildet werden, Synthesen herzustellen, die dann eine räumliche Gestalt annehmen – das können viele andere so nicht.
Sophie Wolfrum Ich habe nicht gesagt (Statement Seite 30), dass Städtebau mit Architektur identisch wäre und es darüber hinaus nicht weitere Kompetenzen bräuchte. Natürlich haben wir heute ein interdisziplinäres Berufsfeld. Aber wenn ich Architekten ausbilde, sage ich denen, wenn ihr auf den städtebaulichen Maßstab geht, dann macht ihr immer noch Architektur. Ihr seid dafür verantwortlich, die Räume zu gestalten. Das ist die Kompetenz die ihr in die städtebauliche Ebe-ne einbringen könnt! Wenn der Verkehrsplaner zum Beispiel vorgibt, da soll eine Brücke entstehen, mit 2 mal 7,50 Meter Fahrbahn plus Standstreifen und so weiter, und die Brücke wird hinterher 25 Meter breit, dann sage ich: Seht zu, was man damit machen kann. Man muss das architektonische Potenzial solcher Fragestellungen sehen und dann auch entfalten. Die Artikulation von Räumen liegt in der Kompetenz von Architekten. Dazu kommt das synthetische Denken.
Matthias Böttger Wir haben über Gestaltung gesprochen. Ein weiterer elementarer Teil der Ausbildung liegt in der Auseinandersetzung mit den politischen Implikationen des Städtebaus. Wie sieht das in Stuttgart, in Darmstadt aus?
Franz Pesch Früher wurde die städtebauliche Entwicklung bei der Ausbildung an Einzelobjekten aufgehängt. Heute geht das viel stärker im größeren Zusammenhang, mit Debatten über Stadtentwicklungskonzepte, mit Quartierskonzepten. Die politische Dimension ist dabei unübersehbar. Stuttgart ist aber auch ein Beispiel dafür, dass der gute städtebauliche Plan – wenn wir zum Beispiel an das Europaviertel hinter dem zukünftigen Hauptbahnhof denken, den Klaus Trojan gemacht hat – eben nur eine notwendige Bedingung für guten Städtebau ist. Die hinreichende Bedingung wäre, dass an der Schnittstelle zur Architektur, also bei der Frage, was im Erdgeschoss passiert, auf welchen Wegen man vom Eingang des neuen Shopping-Centers rüber bis zur Innenstadt kommt, als eigenständige Aufgabe wahrgenommen wird. Da liegt vieles im Argen.
Julian Wékel In der Welt draußen spielt sich ja zurzeit ziemlich viel ab, was einen als Bürger und als Stadtbewohner belasten kann. Darauf wird aber in der Hochschule kein Bezug genommen. Ich will nicht sagen, dass Studierende nicht denselben ethischen Zugang zu politischen Fragen haben – aber er muss konkret formuliert werden, damit sie darauf reagieren. Allgemeine Themen der Stadtentwicklung werden nur selten in einen politischen Zusammenhang gebracht. Das müssen wir aber vermitteln. Das betrifft beispielsweise immobilienwirtschaftliche Fragen insofern, als sich der öffentliche Auftrag der Daseinsvorsorge für die Bewohner nicht vollständig durch eine privatwirtschaftliche Aufgabenwahrnehmung ersetzen lässt.
Kristiaan Borret Nach meinem Verständnis ist Stadtplanung durch und durch politisch. Es geht um die räumliche Organisation unserer Gesellschaft. Natürlich brauchen Stadtplaner eine politische Kompetenz. Das heißt, sie müssen in der Lage sein, eine Entscheidung zu treffen, vielleicht nicht in einer interdisziplinären Weise, aber in einer transversalen, quer verlaufenden Weise, die die Bedürfnisse verschiedener Bevölkerungsgruppen berücksichtigt. Das Problem mit dem interdisziplinären Ansatz besteht darin, dass jede Einzeldisziplin sich mehr und mehr spezialisiert und sie dann am Schluss ordentlich nebeneinander stehen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist die Entscheidungsfindung blockiert. Mit solchen Situationen muss die politische Körperschaft umgehen: Sie vergleicht Dinge, die nicht vergleichbar sind. Sie muss dann trotzdem eine Entscheidung fällen. So gesehen braucht ein Stadtplaner heute die politische Kompetenz, Dinge auszuhandeln und zu debattieren, um zu einer Entscheidung zu kommen.
Harald Bodenschatz Voraussetzung für eine solche transversale Ausbildung ist allerdings, dass es überhaupt Städtebaulehrstühle gibt. Die Hochschulen sind, genauso wie andere öf-fentliche Institutionen, heute unter unglaublichem Druck. Das gilt für Einsparungen beim Personal, aber auch für die Verschulung der Ausbildung. Wir haben in Berlin den Master-Studiengang Urban Design aufgebaut, einen gemeinsamen Studiengang aus den Fächern Landschaftsplanung, Stadtplanung und Architektur. Dieser Studiengang kann aber keine eigenen, neuen Lehrveranstaltungen auf die Beine stellen, weil dazu die Mittel fehlen. Wir müssen bestehende Lehrveranstaltungen aus den drei existierenden Studiengängen nutzen. Das bedeutet umgekehrt, dass Städtebau auch stärker in den drei Studiengängen verankert sein muss. Dieses Beispiel zeigt, dass wir viel mehr experimentieren müssen!

Rainer Bohne Mir wurde bei der Diskussion deutlich, dass es hier um Städtebauausbildung im Rahmen der Architekturausbildung geht. Etwas völlig anderes ist Städtebauausbildung im Rahmen der Stadtplanerausbildung. Ich nehme mal das Beispiel des Architekten, der die 25 Meter breite Brückenstraße mit ihren Randstreifen supertoll gestaltet und daraus einen öffentlichen Raum macht. Der Stadtplaner geht hier völlig anders ran. Er nimmt nicht gleich die Anforderung des Verkehrsplaners auf, sondern hinterfragt: Ist ein solches Konzept überhaupt sinnvoll, durchsetzbar und und und. Ich denke, dass es für jeden Studiengang eigene Formen dafür zu finden gilt, wie wir das städtebauliche Denken verankern.
Julian Wékel Ich sehe das anders. Ich stelle mir vor, dass sich genau aus der Schnittmenge von den Hochbauern, die einen Städtebauentwurf machen und den Planern, die ebenfalls einen Städtebauentwurf machen, eine wunderbare Konstellation ergibt, wenn beide an einem Projekt beteiligt sind. Das heißt, dass dem Hochbauarchitekten das „programmierende Know-how“ der Stadtplanung vermittelt wird und dass die Planer beim Konkret-Hochbaulichen wiederum von den Architekten lernen.
Reiner Nagel Wir sollten uns jedenfalls mit unserem unterschiedlichen Wissen nicht auseinanderdividieren lassen. Sicher ist eines: Städtebauliche Kompetenz ist auch ein Bildungsauftrag. Vor fünfzig Jahre erschien Alexander Mitscherlichs „Die Unwirtlichkeit der Städte“. Man kann Mitscherlich heute wieder lesen und sein Thema herunterbrechen auf die Grundfrage, welche Lebensräume wir heute bauen. Menschen machen Städte, aber Städte prägen auch Menschen – dieses Wechselspiel scheint mir sehr ergiebig für die Weiterführung der Diskussion.

Die beiden Eröffnungsstatements



1
Grundverständnis vermitteln

Franz Pesch
Meine Nachfolgerin am Lehrstuhl für Stadtplanung in Stuttgart, Martina Baum, hat sehr schön gesagt: Wir planen für die Menschen. Richtig! Aber wie? Die entscheidende Frage lautet, welche Räume wir den Menschen anbieten. An der Stuttgarter Uni bilden wir seit langem Architektur und Stadtplanung zusammen aus; damit haben wir sicher eine richtige Entscheidung getroffen. Wie aber sieht es in der Stadt selbst aus? Es gibt in Stuttgart faszinierende Bauten. Aber das Standardquartier, der normale Platzraum, der heute so gebaut wird, überzeugt nicht. Die Erneuerungen im Städtebau der letzten zehn, fünfzehn Jahre fanden eigentlich nur in der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung statt. Im Städtebau haben wir Defizite. Ich will aus planungspraktischer Sicht hinzufügen: Es hängt, zum Teil zumindest, auch mit den zaudernden Kommunen zusammen. Meine Lieblingskontrahenten sind die öffentlichen Nahverkehrsspezialisten, die ihre Straßenbahn mit 60 km/h, auf Rasengleis mit beidseitigen Zäunen, durch ein Nebenzentrum fahren lassen, das wir gerade entwerfen. Das gibt dann natürlich keine Stadt. Dabei ist dieses Grundverständnis einer gemeinsamen Stadtidee ein zentrales Thema. Dazu gehört für mich auch die Berücksichtigung der dritten Dimension, also die Bereitschaft, den Außenraum als Innenraum der Stadt wahrzunehmen. Wir müssten den Studierenden wieder deutlicher vermitteln, wie die Häuser mit der Stadt „sprechen“.

Franz Pesch
Architekt und Stadtplaner. Von 1994 bis 2014 leitete er den Lehrstuhl für Stadtplanung und Entwerfen am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart. Das Büro „pesch partner architekten stadtplaner“ gründete er 1982.

2
Städtebau als Architektur
begreifen
Sophie Wolfrum
Städtebau ist ebenfalls Architektur – aber auf einer anderen Maßstabsebene. Wer macht die Stadt? Die Immobilienfonds? Oder unser Baurecht? Oder die EU-Richtlinien? Man ist als Städtebauer in diese Abhängigkeiten ja ganz von selbst eingebunden. Wichtig ist dabei, sich die Frage zu stellen, wie die architektonischen Räume innerhalb dieser Prozesse zu Räumen der Stadt werden. Planer und Architekten müssen sich Stadträume so konkret wie möglich vorstellen – so wie sie sich Grundrisse von Häusern anschauen. Zum zweiten kommt es dann darauf an, wie diese Räume gebraucht werden und wie dies in die Stadt hineinspielt. Ein herausragendes Beispiel in diesem Sinn ist die Dreirosenbrücke von Steib+Steib Architekten in Basel, die zwei Fahrbahnen hat. Die Autobahn verläuft eingehaust im Brückenkörper selbst, der zu den Seiten verglast ist. Weil diese Fahrspuren aber viel breiter sind als die kleinere städtische Straße obenauf, entsteht auf der Brücke ein zehn Meter breiter Bürgersteig als Angebot für einen öffentlichen Raum (Foto unten). Es gehört zu den Aufgaben der Architekten, solche Räume zu entwerfen und auch als neue Räume zu entdecken. Wie zum Beispiel in Sao Paulo, wo sonntags die Hochstraße gesperrt wird und sich ein städtebaulich aktiver Raum ergibt. Oder wie die Genter Stadthalle von Robbrecht und Daem (Heft 22.2013), die ein ausgezeichnetes Beispiel für die Aktivierung einer innerstädtischen Parkplatz-Brache ist. Es gibt eine ganze Reihe guter Projekte, die ich anführen könnte. Ich sehe also keinen Grund, darüber zu klagen, dass wir keinerlei guten Städtebau mehr hätten. Im regionalen Maßstab ist dieses Defizit jedoch offensichtlich.
Sophie Wolfrum
Stadtplanerin. Seit 2003 ist sie Professorin für Städtebau und Regionalplanung an der TU München. Nach dem Studium der Raumplanung an der Universität Dortmund, gründete sie zusammen mit Alban Janson das Büro „Janson+ Wolfrum“ in München. Sie ist u.a. Herausgeberin des jüngst erschienen Buchs „Platzatlas: Stadträume in Europa“.

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading