Fischer Multerer und das Entwerfen ohne Details

Debüt Nr. 16

Text: Meyer, Friederike, Berlin

Torsten Seidel

Torsten Seidel


Architekten

Architekten


Fischer Multerer und das Entwerfen ohne Details

Debüt Nr. 16

Text: Meyer, Friederike, Berlin

Warum Architekten neben den Gleisen eine Werkhalle in Systembauweise aufstellen.
Vor einem Jahr haben Florian Fischer und Sebastian Multerer in München ihr Büro Fischer Multerer Architekten gegründet. Auf unsere Anfrage, woran sie gerade arbeiten, schickten sie uns ein wunderschön gestaltetes, kleines Buch. Darin: ein Text über ihre Kommunikation mit dem Bauherren und die Kontrolle der Ausführungsqualität, Fotos von Innenraummodellen, die an künstlerische Renderings erinnern, ein gefalteter Bogen Papier mit filigranen Strichzeichnungen wie in einem japanischen Kinderbuch und Bilder von einer Baustelle ne­ben den Bahngleisen im Gewerbegebiet der bayrischen Stadt Weilheim. Der im Buch vorgestellte „Handwerkerhof“, bestehend aus einer Industriehalle und zwei Betriebswohnungen, würde im kommenden Jahr fertig, sagten sie. Viel mehr als eine Baustelle sei derzeit nicht zu sehen. Und: Sie würden gern einmal über die „harten Fragen“ der Architektur reden. Wir wollten wissen, was sie damit meinen. 
Was ist das für ein Bauherr, der junge Architekten mit der Planung einer Werkhalle betraut, die er auch im Katalog bestellen könnte? 
Florian Fischer | Ein Bekannter hat uns empfohlen. Zuvor hatte bereits ein Generalplaner einen Vorentwurf angefertigt, aber das lief wohl nicht optimal. Außerdem brauchte der Bauherr eine ordentliche Genehmigungsplanung. Und er stand unter Zeitdruck, weil er die Halle im Grunde schon vermietet hatte. Wir konnten ihn überzeugen, dass wir schnell und flexibel sind.
Sebastian Multerer | Wir sind aber nicht als Architekten im Sinne von „Gestaltern“ angefragt worden, sondern um die Bedingungen des Ortes aus­zureizen. Es ging um die Maximierung der Flächen.
FF | Wir agieren hier in einem Bereich, in dem Architekten eigentlich keine Rolle mehr spielen, in dem Firmen komplette Hallensysteme im Katalog anbieten und die Bauherren nur drei Dinge fordern: Es soll am besten gestern fertig sein, wenig kosten und eine maximale Fläche bieten. Wir haben uns die Frage gestellt, wie sich dieses Terrain rückerobern lässt.
Haben Sie eine Antwort gefunden?
SM | Man muss sehen, dass man die Randbedingungen, die einem der Bauherr stellt, zur Tugend macht. Wenn man sich an diesen abarbeitet, hat man große Freiheiten. Wenn der Bauherr zum Beispiel sieht, dass seine große Terrasse, die er sich immer gewünscht hat, vorhanden ist, stellen wir fest, dass wir andere Räume, wie wir sie vor Augen haben, auch in den Entwurf einbringen können.
Sie haben für die Halle dennoch ein Bausystem aus dem Katalog ver­wendet. Warum?
SM | Nach einer Woche wurde uns klar, dass unsere Idee von speziell entworfenen Stahlbetonfertigteilen und Detailverbindungen nicht zu bezahlen war.
FF | Wir haben Form und Achsraster der Halle innerhalb des vorgegebenen Systems bestimmt; der Hersteller berücksichtigte dies in seiner standar­disierten Montageplanung. Aber die beiden Betriebswohnungen, Häuser im eigentlichen Sinne, sind individuell geplant. Eine davon ist für den Bauherrn selbst.
SM | Hier sind wir als Entwerfer wesentlich weitergegangen. Die Wohnungen sind um ihr jeweiliges Zentrum organisiert. Im Mittelpunkt der großen Wohnung steht ein Erschließungskörper mit integriertem Kamin. Um ihn herum liegen drei, fast gleich große Wohnräume. Es gibt viele Diagonal- und Außenraumbezüge und eine große Terrasse, von der aus man die Alpen sehen kann.
Sind die Häuser auch aus Fertigteilen gebaut?  
FF | Nein, in Massivbauweise. Nach außen verschleiern wir dies aber, in­-­dem wir die Blechhaut der Halle auch über die beiden Häuser ziehen. Wir homogenisieren das Gebäude, es soll als prägnante Großform wirken.
Im Buch schreiben Sie, dass Sie mit dem Bauherrn bis heute nicht über Architektur gesprochen haben. Wie kommunizieren Sie mit ihm?
SM | Wir bauen großmaßstäbliche Modelle, an denen wir den Raum und die Lichtstimmung überprüfen. Wir zeigen dem Bauherrn nur die Modellbilder, und wir sprechen mit ihm nicht wie Architekten darüber.
FF | Theoretische und konzeptionelle Gedanken, wie wir sie mit den Studenten an der Uni diskutieren, führen hier nicht weiter. Der Bauherr fand es toll, durch diese Bilder eine unmittelbare Vorstellung von seiner Wohnung zu bekommen. Aber nicht zuletzt hilft es uns wahrscheinlich auch, dass wir beide, so wie er, vom Land sind und dass wir bairisch mit ihm reden und eine zwischenmenschliche Ebene finden.
Im Buch schreiben Sie weiter: „Mit einer intensiven räumlichen und strukturellen Untersuchung der Bauaufgabe besteht die Hoffnung, ein Stück weit Unabhängigkeit von der späteren Ausführungsqualität und den Detaillösungen zu erlangen, über die nur in sehr bedingtem Maße Kontrolle besteht.“ Die Qualität der Architektur zeigt sich doch aber in den Details oder widersprechen Sie da etwa?
FF | Wenn der Raum stark ist, kann ihn eine hässliche Türzarge nicht zerstören. Viele Auftraggeber interessieren sich nicht für Details, und sie wollen Architekten nicht für die Werkplanung bezahlen. Der halbe Wohnungsbau funktioniert so. Natürlich kämpfen wir um Details, aber wir können niemanden zwingen, uns mit der Detailplanung zu beauftragen. 
SM | Wir behaupten, dass es Entwürfe gibt, die den Raum so prägen, dass das Detail auch schlecht werden kann. Das ist nicht die Idealvorstellung, aber pragmatisch.
Was bedeutet das im Fall der Halle?
FF | Der Baukörper wird vollständig mit einem einheitlichen Material, mit Sandwichpaneelen, verkleidet. Das hält alles zusammen. Und in der Wohnung haben wir aus statischen Gründen eine Holzbalkendecke vorgesehen. Wir wissen, dass sie, weil es preiswerter ist, nicht mit Gipskarton verkleidet wird. Die Decke prägt den Raum so fundamental, dass von mir aus jede noch so skurrile Sockelleiste kommen kann.
Heißt das auch, dass die Oberfläche für Sie unwichtig ist?
FF | Das interessiert uns in diesem Fall tatsächlich nicht. Was nicht heißt, dass wir es ablehnen würden, wenn wir stärker darauf Einfluss nehmen könnten. Wir sagen nur, dass man den Ausdruck des Raumes bestimmen kann, ohne Details zu zeichnen, ohne die Oberflächen genauer zu bestimmen.
Auf welche Vorbilder stützen Sie sich?
SM | Uns gefällt gut, wie sich Lacaton & Vassal oder auch Jean Prouvé auf die industriellen Bedingungen einlassen. Methodisch fühlen wir uns in­spiriert davon, wie die Smithsons den Brutalismus beschrieben haben, als sie davon sprachen, dass dieser „einer Massenproduktionsgesellschaft entgegentritt, indem er den bestehenden Mächten und ungeordneten Kräften eine Art roher Poesie abzugewinnen sucht“.
FF | Wir schätzen alte Industrie- und Gewerbebauten. Interessanterweise hat es fast jedes industrielle Material der letzten Jahrhunderte geschafft, eine feine Patina anzusetzen. Selbst das Blech – was ihm wahrscheinlich keiner zugetraut hat. Die industrielle Denkweise spielt sich nicht so in den Vordergrund, will nicht die letzten architektonischen Effekte ausloten, sondern ist im besten Sinne pragmatisch und rationell. Falls unsere Halle es schafft, ein paar Jahrzehnte zu stehen, denkt vielleicht nie mehr jemand, dass da Architekten beteiligt waren. Allein der Ausdruck der Zeit führt zu einem gewissen Charme.
Fakten
Architekten Fischer, Florian, München; Multerer, Sebastian, München
aus Bauwelt 47.2011
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