Vierundfünfzigkommazwei Prozent dafür!

Text: Adam, Hubertus, Zürich

Vierundfünfzigkommazwei Prozent dafür!

Text: Adam, Hubertus, Zürich

Knapp ist das Ergebnis des Volksentscheids, mit dem eine seltsame Allianz aus politisch konträren Lagern den Erweiterungsbau des Schweizerischen Landesmuseums am Züricher Hauptbahnhof kippen wollte. Doch die Mitte hat gesiegt und die Architekten Christ & Gantenbein können den historistischen Großbau nun architektonisch weiterspinnen.
Selbstverständlich sei es nicht, bemerkte der Tages-Anzeiger einen Tag nach der entscheidenden Abstimmung vom 13. Juni, dass die Stadtzürcher Stimmbevölkerung das Erweiterungsprojekt für das Schweizerische Landesmuseum auf den Weg gebracht habe, „zählt doch das Landesmuseum, obwohl zentral im Platzspitzpark gelegen, nicht zu den ersten Adressen im städtischen Freizeitleben“. Die Plakate des „Referendumskomitee ‚NEIN‘ zur Zerstörung des Parks beim Landesmuseums“ hatten über Wochen das Stadtbild geprägt: In polemischer Diktion zeigten sie das Neubauprojekt der Basler Architekten Christ & Gantenbein als ungeschlachten roten Keil, der nicht nur den Park vollständig dominiert, sondern auch den Altbau im Schatten untergehen lässt – eine demagogische Verzerrung, die nicht nur an das Plakat erinnerte, mit dem vor einigen Jahren das Projekt von Zaha Hadid für das Basler Stadtcasino zu Fall gebracht worden war, sondern auch an die perfiden Motive, mit denen die Schweizerische Volkspartei SVP in der Vergangenheit gegen Einbürgerungen oder Minarette gekämpft hatte. Das verwundert nicht, wurde doch das Referendum maßgeblich von der SVP unterstützt, die in diesem Fall eine unheilige Allianz mit den noch weiter rechts außen operierenden „Schweizer Demokraten“, den Grünen, der Alternativen Liste, dem Stadtzürcher Heimatschutz und der Gesellschaft für Gartenkultur eingegangen war. Allerdings zeigten sich die aus Kreisen der bürgerlichen Mitte und der
Sozialdemokratischen Partei rekrutierenden Befürworter in der Öffentlichkeit weniger selbstbewusst, fast kleinlaut; und dass deren Abstimmungsplakat lediglich den Altbau zeigte, war ebenfalls ein propagandistischer Trick – zumindest kein entschiedenes Statement für die Ergänzung des historistischen Bestands durch eine herausragende zeitgenössische Architektur. Diesmal aber ist alles gut gegangen. 54,2 Prozent der Stimmbevölkerung votierten für die Übernahme von zehn Millionen Franken durch die Stadt Zürich, wovon 6,75 Millionen auf die Baukosten entfallen und 3,25 Millionen auf ein 1360 Quadratmeter großes Stück Park, das zur Realisierung des Erweiterungsbaus von der Stadt an den Bund abgetreten werden muss. Ohne diese Parzelle wäre dem Projekt gleichsam der Boden entzogen worden; ein Nein hätte damit das endgültige Aus für die Planung bedeutet.

Märchenschloss im Dornröschenschlaf
 
1891 hatte Zürich gegen die Konkurrenz von Bern, Basel und Luzern den Zuschlag für das Projekt eines schweizerischen Landesmuseums erhalten; 1891–98 wurde das in Formen der Gotik und Renaissance gehaltene Gebäude nach Entwürfen des jungen Architekten Gustav Gull (1858–1942) realisiert. Es befindet sich direkt neben dem Hauptbahnhof und öffnet sich mit seinem Ehrenhof zum Platzspitz, dem Park im Zwickel zwischen den Flüssen Sihl und Limmat. In der jüngeren Vergangenheit war das gerne als „Märchenschloss“ titulierte Bauwerk in einen Dornröschenschlaf verfallen: Wenn überhaupt, so erregte es Aufsehen durch eingekaufte Wanderausstellungen, die einen Bezug zum Sammlungsspektrum des Hauses vermissen ließen. Und die Leitung drückte sich beharrlich um die Aufgabe, die Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts zu thematisieren. Um das Image des Museums, hinsichtlich der technischen Ausstattung noch seiner Bauzeit verhaftet, war es schlecht bestellt; das im nationalstaatlichen Denken des ausgehenden 19. Jahrhunderts baulich manifestierte Bild einer wehrhaften mächtigen Schweiz, das in Bauten wie dem Bayerischen Nationalmuseum München, dem Märkischen Muse-um Berlin oder im Finnischen Nationalmuseum in Helsinki seine Parallelen findet, stieß auch bei Architekten auf wenig Gegenliebe. Der exorzistische Kampf gegen ein antiquiertes Geschichtsverständnis, der auf Kosten eines Museumsgebäudes, das letztlich das erste Exponat seiner selbst darstellt, ausagiert wurde, führte bis hin zu Abrissforderungen.
 
Neudimensionierung und architektonische Empathie
 
Eine eigentliche Wende setzte erst 2002 ein, als die jungen Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein den Wettbewerb für eine bauliche Erweiterung des schon seit Anbeginn unter Platzmangel leidenden Museums gewannen (Bauwelt 30–31.02). Ihr gezackter, sich parkseitig an den Ehrenhof anlagernder Neubau sollte die Struktur der bestehenden Säle zum Rundgang schließen und dringend benötigte Räume für Wechselausstellungen, Studienzentrum, Bibliothek, Shop und Restaurant aufnehmen. Fragen der Finanzierung verzögerten den Fortschritt des Projekts, vor allem aber war der Abriss des einst von Kunstgewerbeschule und Kunstgewerbemuseum genutzten Limmatflügels zurecht auf ein Veto der Denkmalpflege gestoßen. In den vergangenen acht Jahren haben Christ & Gantenbein, begleitet von der Denkmalpflege, ihr Projekt redimensioniert, so dass der Bau von Gustav Gull integral erhalten bleibt. Und mehr noch, sie haben sich – wie die vorbildliche Sanierung des im August 2009 wieder eröffneten Bahnhofsflügels beweist – in die Architektursprache Gulls eingedacht und diese, wo Eingriffe unvermeidlich waren, auf sanfte Art interpretiert – Peter Zumthor hatte schon im Wettbewerb von einer „vorbehaltlosen, beinahe zärtlichen Identifikation“ gesprochen. Dass der Neubau in den Park eingreift und Sicht- achsen zum Teil verbaut, bestreiten auch dessen Befürworter nicht. Allerdings sind lediglich fünf Prozent des Gesamtareals betroffen – zudem mehrheitlich Kiesflächen. Letztlich ging es um eine Güterabwägung: Ein funktionierendes, erweitertes Landesmuseum mit einem chirurgischen Eingriff in den Park – oder das Einfrieren eines unbefriedigenden Status quo. Zürich hat sich für Ersteres entschieden. Doch das nächste Referendum ist schon auf den Weg gebracht: Diesmal geht es um 20 Millionen Franken, welche der Kanton aus dem Lotteriefonds entnehmen und für die Baukosten bereit stellen will. Nach der städtischen Abstimmung ist eine Niederlage eher unwahrscheinlich. Doch selbst wenn: Der Boden kann dem Neubau, mit dessen Fertigstellung 2017 zu rechnen ist, jetzt nicht mehr entzogen werden.
Fakten
Architekten Christ & Gantenbein, Basel
aus Bauwelt 25.2010

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