Robert Venturi 1925–2018

Robert Venturi war seit den 70er Jahren neben Charles Moore ein führender Vertreter der Postmoderne. Er wollte sich aber nicht mit diesem Etikett identifizieren. Seine viele Architekten prägenden Werke „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“ und „Lernen von Las Vegas“ erschienen übersetzt bei Bauwelt Fundamente.

Text: Gleiniger, Andrea, Zürich

Robert Venturi und Denise Scott Brown bei einem Besuch in Genf 2008
Foto: Andrea Gleiniger

Robert Venturi und Denise Scott Brown bei einem Besuch in Genf 2008

Foto: Andrea Gleiniger


Robert Venturi 1925–2018

Robert Venturi war seit den 70er Jahren neben Charles Moore ein führender Vertreter der Postmoderne. Er wollte sich aber nicht mit diesem Etikett identifizieren. Seine viele Architekten prägenden Werke „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“ und „Lernen von Las Vegas“ erschienen übersetzt bei Bauwelt Fundamente.

Text: Gleiniger, Andrea, Zürich

1950 verfasst ein damals 25 Jahre junger Architekt seine Masterthesis an der Universität Princeton. Sie trägt den Titel „Architektur und Kontext“. Es wird noch 16 Jahre dauern, bis sie, von ihm weiterentwickelt und ausdifferenziert, in der internationalen Architekturtheorie Furore macht. Der Samen war gestreut, die Saat ging auf. Es dürfte keine weitere Masterarbeit geben, die eine derartige Wirkung auf die Diskussion um die Entwicklung der Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg entfaltet hat.
Als 1966 Venturis „Complexity and contradiction in architecture“ erschien, steuerte die Nachkriegsmoderne in ihrem renditegetriebenen Funktio­na­lismuswahn auf eine veritable Sinnkrise zu. Es war nun an dieser neuen Generation von Architekten und einigen Architektinnen, Gegenentwürfe und zukunftsfähige Perspektiven für Architektur und Städtebau zu entwickeln. Und es war ein facettenreiches Spektrum an Positionen, das sich seit den späten 50er Jahren herauskristallisierte und das vorbereitete, was dann – nicht immer zur Freude der beteiligten Architekten – als Postmoderne, kurz PoMo, den Diskurs der folgenden Jahrzehnte bestimmen sollte. Venturi, der sich wie viele andere nicht mit dem PoMo-Etikett iden­tifizieren wollte, wird neben Charles Moore einer der führenden Vertreter der amerikanischen Postmoderne, die seit den 70er Jahren vor allem auch den europäischen Architektur-Kontinent zu irritieren begann. In Europa ist es Aldo Rossi, dessen „Lʼarchitettura della città“ im gleichen Jahr wie Venturis Arbeit erscheint und in ähnlich gewichtiger, origineller und konsequenter Weise Widerspruch gegenüber der vorherrschenden Architektur einlegt.
Das besondere an Venturis Schrift lag nicht nur in seinem zwischen architekturgeschichtlicher Spurensicherung und alltagskultureller Anamnese angesiedeltem Plädoyer für eine narrative Architektur der Anschaulichkeit und Zeichenhaftigkeit. Entscheidend war auch, dass er den Begriff der Komplexität, dessen Definitionshoheit zum damaligen Zeitpunkt im Gravitationsfeld von Kybernetik, Computerwissenschaften und Informationstechnologie lag, wieder als eine lebendige Kategorie einer auf Kontextualisierung abzielenden Konzeption von Stadt und Architektur einforderte. Wie sehr sich Venturi im nächsten Schritt dann gemeinsam mit Denise Scott Brown mit der durch Medientechnologie veränderten (urbanen) Realität und ihrer Wahrnehmung auseinandersetzte, zeigen eine Reihe vonpraktischen und theoretischen Arbeiten: Angefangen von dem schon 1963 fertiggestellten Guild House in Philadelphia, dessen ins Zentrum gesetzte goldene Antenne ein an der Pop Art geschultes, unverblümtes Symbol für die zunehmend alltäglich werdende Allgegenwart des Fernsehens war, über die Adaption des Billboards für das Whitehall Ferry Terminal in New York (1995), bis hin zu den mit Denise Scott Brown betriebenen Untersuchungen der urbanen Zeichensysteme einer zunehmend medialisierten Alltagskultur, die dann in ihrem 1978 erschienen Manifest „Learnung from Las Vegas“ ihren provokanten Niederschlag fanden.
War schon die programmatische Einführung des Komplexitätsbegriffs an sich eine fulminante Herausforderung an die Simplifizierungsstrategen des Nachkriegsfunktionalismus, so waren seine Folgerungen aus diesem Komplexitätsbegriff noch um einiges provokanter: Denn nicht nur Vergangenheit und Gegenwart sollten in ein neues, produktives Verhältnis gesetztwerden, sondern damit auch die so genannte Hoch- und die Alltagskultur, Pop Art und Kunstgeschichte, soziologische, wahrnehmungs- und gestalttheoretische Perspektiven, ein Disziplinen übergreifendes Setting also, das jenen Kontext für Architektur und Städtebau stiftete, der Venturi so wichtig war. Doch Halt! Robert Venturi war längst nicht mehr alleine. Neben seiner frühen Bürogemeinschaft mit John Rauch ist es vor allem Denise Scott Brown, mit der er in den 60er Jahren eine Lebens- und Arbeitspartnerschaft einging, die das Profil des Büros mitprägt. Die beiden waren sich Anfang der 60er Jahre an der Architekturfakultät der University of Pennsylvania begegnet. Ohne Venturis Verdienste zu schmälern: in der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit ihr nimmt die transdisziplinäre Ausbuchstabierung des von Venturi in den architekturtheoretischen Ring geworfenen Komplexitäts- und Kontextbegriffs in zahlreichen Projekten praktische und theoretische Gestalt an. Umso bitterer war daher der Umstand, dass der wohlverdiente Pritzker Preis nur an Venturi vergeben wurde, und eine 2013 ins Leben gerufene Initiative, ihn auch Denise Scott Brown zuzuerkennen, zu keinem Erfolg führte: Die Vorstellung, dass dieses, die westliche Architektur so prägende Lebenswerk in weiten Teilen aus der künstlerischen, intellektuellen und menschlichen Synergie der beiden entstanden war, überstieg offenbar auch im Jahr 1991 noch die Vorstellungskraft der zuständigen Jury, die ihre Entscheidung damit begründete, dass ja das Frühwerk von Venturi, vor allem das zu einer Gründungs-Ikone der Postmoderne gewordene Vanna Venturi House (1962-64), geehrt werden sollte und daran sei sie noch nicht beteiligt gewesen. Denise Scott Brown ist nun allein, Robert Venturi ist am 18. September gestorben.

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