People meet in architecture

Text: Geipel, Kaye, Berlin; Redecke, Sebastian, Berlin

People meet in architecture

Text: Geipel, Kaye, Berlin; Redecke, Sebastian, Berlin

Bei der 12. Architekturbiennale in Venedig legte die Kuratorin Kazuyo Sejima Wert auf alle Freiheiten bei der Auswahl der Teilnehmer und bei der Betrachtung der Werke. Jeder soll seine eigenen Wege gehen können und seine eigenen Eindrücke sammeln. Das thematische Konzept der Ausstellung greift sehr weit. Einige Beiträge und Pavillons sind hervorzuheben.
Großer Auftakt | Wir beginnen im Arsenale, in der 320 Meter langen Corderie. Eine Flucht von 13 langen Ausstellungsräumen, zehn Meter hoch, die Bewährungsprobe schlechthin für die Generalkomissarin Kazuyo Sejima. Nach welcher Dramaturgie hatte sie die Enfilade der wichtigsten Räume vergeben? Hier beginnt ihre Erzählung, hier muss sie, gemeinsam mit den von ihr ausgewählten Architekten, ihren Punkt setzen. Der Anfang ist klein und bescheiden, eine in Stein gehauene Minimalbehausung von Smiljan Radic und Marcella Correa, die im Inneren nach Zedernholz riecht und den Geruchssinn anspricht; im dritten Raum, eine Art Gegengewicht, zwei monströse, übereinandergestapelte Doppel-Ts von Antón García Abril, ein Hinweis auf die Allgegenwart ungeschlachter Infrastrukturbauten – hineingezerrt in den Biennale-Raum lassen die sperrigen Prügel dann so etwas wie eine poetische Umdeutung zu. Im nächsten Raum ein Klimaexperiment von Tetsuo Kondo und Matthias Schuler: Eine spiralförmige Rampe führt durch eine künstliche Wolke; der viele Dampf  bringt die Besucher zum Husten.
Dann der siebte Raum. Wir sehen nichts. Etwas aber muss
dasein. Eine kniehohe Absperrung hält dengroßen Raum in der Mitte frei. Schließlich ist doch etwas zu erkennen: eine zum äußersten verschlankte Konstruktion aus weißen Stützen und Trägern, 14 Meter lang, vier Meter hoch und vielleicht zwei Millimeter stark. Nichts weiter als hauchdünne Stützen und Träger. Die Katastrophe, deren Zeuge wir dann zufällig werden, kündigte sich nicht an, sie war auch nicht zu sehen. Was sich abspielte, war zu hören: ein leises und gleichzeitig schrill klirrendes Geräusch. Zwei, drei Sekunden lang hielt der Ton. Dann war der schönste Beitrag der Biennale kläglich in sich zusammengestürzt, verur­sacht durch einen in Orange gekleideten Reinigungsmann, der mit seinem Reisig-Besen versehentlich unter der Absperrung hindurch gestochert hatte. Der Besen zerstörte die unsichtbaren Haarfäden, die die weißen Stützen in der Art von Radiomasten am Boden abspannten. Zwei Tage später war die Konstruktion wieder aufgebaut. Keiner auf der Biennale hat das Prinzip einer Architektur, die sich unsichtbar und schließlich irgendwie überflüssig macht besser verkörpert als der
Sejima-Schüler Junya Ishigami mit seiner an der Kante der Selbstzerstörung balancierenden Sinnlichkeit. Selbst wenn das weiße Gebilde noch ein viertes und fünftes Mal in sich
zusammen stürzen sollte: Den Goldenen Löwen für die beste Installation erhielt dieser wahre Konstrukteur des Nichts zu Recht. 
 
Roter Salon | Walter Knolls kleiner Schalensessel, der 1956 die Formensprache der Zeit veränderte, passt zum Drumherum. Knoll hat sich beim Deutschen Pavillon spontan als Sponsor engagiert und sogar fünfzig dieser Klassiker mit dem gleichen dunkelroten Stoff überzogen, der die umlaufenden Wände über fünf Meter hoch verkleidet. Die textile Bespannung stammt von dem in fünfter Generation im venezianischen
Palazzo Corner Spinelli ansässigen Raumausstatter Rubelli, dessen Stoffe von so großen Namen wie Armani geschätzt werden.
Tritt man in den Deutschen Pavillon ein, nimmt man zum Ausruhen gerne erst einmal auf einem der Polstersessel Platz. Sie sind unvergleichlich bequemer als die klobigen gezimmerten Biennale-Holzstühle vor dem Palazzo delle Esposizioni. Was aber, wenn man in den Sesseln sitzt und nachdenkt über das deutsche Thema?
Sehnsucht? Sehnsucht zurück? Die drei Generalkommissare des Deutschen Pavillons (Bauwelt 34) wollten keinen Blick in die Vergangenheit, doch beim Eintritt, nachdem man die goldbraunen Vorhänge im Portikus hinter sich gelassen hat, bleibt der Eindruck von Stillstand, Starre und leider auch von Traurigkeit. Der von den Kuratoren erdachte „feierlich inszenierte Gesellschaftsort“ mit fast schon wohnlichem Flair bleibt fad. Selbst ein leichter Staubfilm würde hier, im „atmosphärischen Ruheraum“, nicht wundern. Die ausgestellten 183 Handskizzen und Zeichnungen von deutschen und einigen wenigen ausländischen Architekten und Künstlern zum Thema „architektonische Sehnsucht“ sind insgesamt gesehen peinlich schwach. Man hatte bereits bei der Konzeptfindung versagt, da man sich entschied, so gut wie alles zu zeigen, was abgeliefert wird. Daran hat man sich ganz offensichtlich gehalten.
Sehnsucht ist ein großes Wort der Hoffnung und Erwartung, die Fülle der kleinen Bilder im Hauptraum des Pavillons wirkt hingegen zwanghaft und beliebig. So kann vom „dreidimensionalen Portrait der Sensibilität zeitgenössischer deutscher
Architektur“ keine Rede sein. Es mag zwar hier und dort eine persönliche Zeichnung geben die Hingabe zeigt, ein Thema aufgreift und bei der Darstellung Raffinement erkennen lässt, doch insgesamt ist das Ergebnis eine einzige Enttäuschung und auf der internationalen Bühne der Biennale präsentiert bloß provinziell. Außerdem wird man den Eindruck nicht los, dass manche Bilder nicht für diese Ausstellung angefertigt wurden, sondern aus der Schublade stammen.
Wunderbare Handskizzen sind gleich nebenan im Britischen Pavillon zu sehen. Die Ausstellung „Done.Book“, kuratiert von Vicky Richardson und Liza Fior, zeigt eine Auswahl von John Ruskins venezianischen Zeichnungen und Erläuterungen aus seinen Notizbüchern, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Ein Schatz liebevoller Beobachtungen hunderter Baudetails der Stadt, vom in Venedig lebenden deutschen Philosophen Wolfgang Scheppe gegengeschnitten mit einer Auswahl von Fotos eines bisher unbekannten Vaporetto-Ticketverkäufers, Alvio Gavagnin. Scheppe hatte die Fotos auf einem Markt in Venedig entdeckt.

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