M9 in Mestre


Die „hässlichste Stadt Italiens“, die viele Funktionen für ihre schöne Schwester Venedig übernommen hat, nimmt ihre Gestaltung wieder selbst in die Hand. Nun wurde das Museum für die Geschichte des 20. Jahrhunderts eröffnet – gebaut von Sauerbruch Hutton


Text: Geipel, Kaye, Berlin


    Der neue Kulturkomplex verbindet die langge­streckte Piazza Ferretto im Norden über eine diagonale Wegeführung mit der Via Cappuccina im Süden.
    Foto: Alessandra Chemollo

    Der neue Kulturkomplex verbindet die langge­streckte Piazza Ferretto im Norden über eine diagonale Wegeführung mit der Via Cappuccina im Süden.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Eine Auskragung in der Fassade markiert den Eingang zum Museum. Im spitzen Eck liegt der Vortragssaal.
    Foto: Alessandra Chemollo

    Eine Auskragung in der Fassade markiert den Eingang zum Museum. Im spitzen Eck liegt der Vortragssaal.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Alles eine Frage der Zusammensetzung: Die Keramikfassade des größeren Museumsbaus ist etwas heller, ...
    Foto: Alessandra Chemollo

    Alles eine Frage der Zusammensetzung: Die Keramikfassade des größeren Museumsbaus ist etwas heller, ...

    Foto: Alessandra Chemollo

    ... die Fassade des kleineren Verwaltungsbaus etwas dunkler – sie hat in der Verteilung mehr kräftige Rot­töne.
    Foto: Alessandra Chemollo

    ... die Fassade des kleineren Verwaltungsbaus etwas dunkler – sie hat in der Verteilung mehr kräftige Rot­töne.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Foto: Alessandra Chemollo

    Foto: Alessandra Chemollo

    Der von Sheds belichtete Ausstellungssaal im obersten Geschoss reicht über die ganze Länge.
    Foto: Alessandra Chemollo

    Der von Sheds belichtete Ausstellungssaal im obersten Geschoss reicht über die ganze Länge.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Schwerpunkte des neuen Museums sind die Indus­trie-, Sozial- und Stadtbaugeschichte des 20. Jahrhunderts. Auch die demographische Entwicklung Italiens und die Migration werden beleuchtet.
    Foto: Alessandra Chemollo

    Schwerpunkte des neuen Museums sind die Indus­trie-, Sozial- und Stadtbaugeschichte des 20. Jahrhunderts. Auch die demographische Entwicklung Italiens und die Migration werden beleuchtet.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Eine große Treppe erstreckt sich über die gesamte Westfassade und erschließt alle Geschosse.
    Foto: Alessandra Chemollo

    Eine große Treppe erstreckt sich über die gesamte Westfassade und erschließt alle Geschosse.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Eine abgesenkte Terrasse mit Blick auf die Stadt ist dem stützenlosen Ausstellungssaal vorgelagert.
    Foto: Alessandra Chemollo

    Eine abgesenkte Terrasse mit Blick auf die Stadt ist dem stützenlosen Ausstellungssaal vorgelagert.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Luftbild des vorherigen Zustands ...
    Foto Zustand vor dem Umbau: ORCH/orsenigo_chemollo, courtesy Fondazione di Venezia

    Luftbild des vorherigen Zustands ...

    Foto Zustand vor dem Umbau: ORCH/orsenigo_chemollo, courtesy Fondazione di Venezia

    ... und Visualisierung der neuen Ein- und Umbauten von Sauerbruch Hutton für den Wettbewerb 2010
    Visualisierung: Sauerbruch Hutton

    ... und Visualisierung der neuen Ein- und Umbauten von Sauerbruch Hutton für den Wettbewerb 2010

    Visualisierung: Sauerbruch Hutton

    Abb.: Sauerbruch Hutton

    Abb.: Sauerbruch Hutton

    Der nördliche Teil des Kulturkomplexes besteht aus einer umgebauten Kaserne – ...
    Foto: Alessandra Chemollo

    Der nördliche Teil des Kulturkomplexes besteht aus einer umgebauten Kaserne – ...

    Foto: Alessandra Chemollo

    ... ursprünglich ein Augusti­nerinnenkloster mit einem Innenhof, ...
    Foto: Alessandra Chemollo

    ... ursprünglich ein Augusti­nerinnenkloster mit einem Innenhof, ...

    Foto: Alessandra Chemollo

    ... dessen Baugeschichte bis in das späte 16. Jahrhundert zurückreicht.
    Foto: Alessandra Chemollo

    ... dessen Baugeschichte bis in das späte 16. Jahrhundert zurückreicht.

    Foto: Alessandra Chemollo

    Neu überdachter und sanierter Innenhof, ...
    Foto: Alessandra Chemollo

    Neu überdachter und sanierter Innenhof, ...

    Foto: Alessandra Chemollo

    ... um den sich heute Coworking-Spaces gruppieren.
    Foto: Alessandra Chemollo

    ... um den sich heute Coworking-Spaces gruppieren.

    Foto: Alessandra Chemollo

Venedig stirbt, heißt es. Venedig ist längst gestorben, müsste es heißen. Denn die Lagunenstadt ist seit Jahren keine dauerhaft bewohnte Stadt mehr. Es gibt 30 Millionen Touristen im Jahr, aber nur noch 54.000 Einwohner, Tendenz weiter fallend. Andererseits: Venedig ist weltweit der größte architektonische Freiluftzoo, in den Unmengen globales Geld gepumpt wer­den, ein Showroom auch für die Hunderte Millionen schweren Unternehmungen von François Pinault und Leonid Mikhelson, die in den Palazzi am Canal Grande Touristen ihre Kunstsammlungen unter die Nase halten, deren Wert sich anschließend vervielfacht. Venedig ist das schönste Eins-zu-eins-Museum der Welt, solange tagsüber Museen, Paläste und Kirchen geöffnet sind, und bei Nacht immerhin noch die eindrucksvollste Sammlung schlechter und teurer Restaurants, die man sich vorstellen kann.

Hinterhof Mestre
Venedig könnte all das nicht sein, gäbe es nicht Mestre. Die Stadt auf dem Festland, die verwaltungstechnisch mit Venedig eine Einheit bildet, ist mit dem Hafen von Marghera Teil einer der größten Industrieregionen Europas. Sie ist seit der Nachkriegszeit der ausgelagerte Standort, an dem Venedig all das stattfinden lässt, was eine Stadt notwendigerweise braucht: industrielle Produktion und bezahlbaren Wohnraum. Mestre ist das Aschenputtel auf dem Festland und, mehr noch – so heißt es jedenfalls – die „hässlichste Stadt Italiens“. Als der Journalist des Corriere della Sera, Aldo Cazzullo, 2012 ein Buch über die Renaissance italienischer Städte schrieb, ließ er an den Verschönerungsbemühungen Mestres kein gutes Haar: „Sie haben aus der Piazza Ferretto eine Fußgängerzone gemacht, kleine Wäldchen in der Peripherie gepflanzt, die Müllhalde von San Giuliano in einen Park verwandelt, das M9 konzipiert, ein Museum der Zukunft.“ All diese Anstrengungen werden „niemals ausreichen, um aus Mestre eine schöne Stadt zu machen“.

Mestres schlechter Ruf führt zurück in die Nachkriegszeit und eine jahrzehntelange chaotische Entwicklung. Die Stadt wuchs in wenigen Jahren planlos auf 220.000 Bewohner. Dann ging es Anfang der 70er Jahre mit der Ölkrise auch der Chemieindustrie schlecht, Mestre wurde zur Shrinking City, verlor 20 Prozent seiner Bewohner, und in die leerstehenden Wohnbauten zogen gestrandete Migranten. Heute, so scheint es, hat sich das Blatt wieder gedreht, Mestre ist im Aufwind. Das mag mit den exorbitanten Hotelpreisen in Venedig zusammenhängen. Selbst das Aschenputtel Mestre rückt jetzt in den Blickpunkt der Investments der Hotelökonomie.
Der Hotelboom springt ins Auge, sobald ich an einem Wintermorgen den Bahnhof von Mestre hinter mir lasse. Ich mache mich quer durch die Stadt auf den Weg zum neuen kulturellen Aushängeschild M9, dem Museum der Geschichte des 20. Jahrhunderts. In der Nachbarschaft des Bahnhofs wird überall gebaut, die Bauschilder zeigen ein großes Hotel nach dem anderen. Der in Wien ansässige Immobilienentwickler MTK baut hier gleich vier auf einen Schlag. Die Präsidentin der Venezianischen Architektenkammer Anna Buzzacchi hat jüngst in einem offenen Brief davor gewarnt, dass 10.000 genehmigte Hotelbetten die eh schon geschundene Stadt durch monofunktionale Nutzung weiter zerstören.
Kurz hinter dem Bahnhof bricht allerdings die Vision einer Hoteltown Mestre schnell wieder in sich zusammen. Je mehr ich mich dem neuen Museum nähere, desto zerfahrener, fragmentier­ter, aber auch abwechslungsreicher wird die Stadtstruktur – ein Mix aus maroder historischer Innenstadt, neuen Radwegen, einer teilweisen Sanierung entlang der Einkaufszonen und Bürobauten der 60er- und 70er-Jahre, die als versprengte Großformen plötzlich die Richtung blockieren. Als ich schließlich das neue Museum erreiche, habe ich die eindrucksvolle Fotocollage direkt vor Augen mit der Sauerbruch Hutton 2010 den eingeladenen Wettbewerb gewonnen hatten – zwei in verschiedenen Rottönengefleckte, hingestreckte Raumkeile liegen da vor mir, die wie Comicfiguren in die Umgebung blinzeln und in ihren Zwischenräumen jede Menge öffentlichen Raum zur Verfügung stellen.

Flexibles Museumskonzept
Auftraggeber des neuen Komplexes mit einem Investitionsvolumen von 110 Millionen Euro ist die Fondazione Venezia, eine Sparkassenstiftung, die die Region Venedig-Mestre fördert und seit 2005 die Idee eines kulturellen Museumszentrums für die Innenstadt verfolgt. Ausführende Bauherrin ist die Polymnia Venezia. Der CEO der Polymnia hat in den letzten Jahren mehrmals gewechselt, und selbst der neue Museumsdirektor, Marco Biscione, verantwortlich für die Ausstellungen, wurde erst im Sommer 2018 berufen. Das erklärt, warum das neue Geschichtsmuseum im Hauptgebäude ausschließlich auf neue Medien setzt und bisher noch sehr beliebig wirkt. Biscione sagte bei der Eröffnung, digitale Ausstellungstechnologien würde eben auch schnell veralten und ein Museum des 20. Jahrhunderts müsse sowieso ständig neu gedeutet werden.
An kleinen Details des fertigen Ensembles wird deutlich, wie schwierig es manchmal für die Planer gewesen ist, programmatische Fragen derArchitektur umzusetzen, wenn sie im Widerspruch zu einer Auffassung standen, deren vordringliches Ziel der robuste Zusammenklang von politischer Repräsentation und einer möglichst aufwendigen technologischen Ausstattung war. So liegt an der südlichen Spitze ein in die Erde versenkter, zur Straße hin verglaster Saal, in dem sich die Architekten gerade auch informelle Veranstaltungen für die Nachbarschaft vorgestellt hatten. Eingebaut wurde ein Saal mit „bester Kinotechnik“, so der Bauherr, und schweren, digital instrumentierten Kinosesseln, die jede Form von spontaner Aneignung zunichte machen. „Hier muss man eben wie ein Erwachsener sitzen“, war der trockene Kommentar der Planer.
Das aber sind Details. Sowohl in den Neubauten als auch in den sanierten Altbauten der ehemaligen Kaserne gelingt den Architekten eine ebenso schlichte wie ausgesucht moderne Gestaltung; dabei ist die in verschiedenen Rottönen gesprenkelte Keramikfassade der südlichen Neubauten ein wirkungsvoller Integrationsfaktor. Sie leitet die Besucher, die vom Bahnhof her kommen, ins Innere des Komplexes. Das Entwurfskonzept folgt dabei der Idee, den bestehenden historischen Raumelementen, wo immer möglich, neuen städtebaulichen Sinn abzugewinnen. Umgesetzt wird dieses Konzept durch den körperhaften Umgang mit Sichtbeton, der von weiten Deckenflächen kontrastiert wird, die mit Baubuche verkleidet sind. Die Böden sind aus Trachyt, dem Stein aus dem Venedig gebaut ist. Besonders wirkungsvoll ist der Dreiklang an Materialien im Foyer, dem Dreh- und Angelpunkt des Museums. Von diesem Foyer aus führt, einmal umgelenkt, eine neue große Treppe durch alle Geschosse und bedient die nach Osten orientierten Museumsräume bis hin zum stützenfreien, großen Ausstellungssaal unter dem Dach. Dort öffnet sich über eine abgesenkte Terrasse der Blick auf die umgebenden Höfe.
Was kann Architektur?
Die öffentlichen Räume im Inneren wie in den Außenbereichen des neuen Kulturkomplexes werden über große verglaste Öffnung der Erdgeschosszonen verknüpft und im Norden über zwei neue Durchgänge an den überdachten Hof der ehemaligen Kaserne angebunden. Das Kunststück dieser öffentlichen Räume, eine ebenso körperhafte wie urbane Architektur auszuformulieren, gelingt gerade auch dort, wo die verschiedenen Programmteile aneinanderstoßen, wo sich kommerzielle Nutzung und Museumsfunktion begegnen. Mit diesem Mischkonzept steht das Museum in Mestre für eine weithin verbreitete Entwicklung im Museumsbau: Das Museum soll als Institution nicht nur „ausstellen“, sondern in die Stadt hineinwirken, soll Inkubator sein für die weitere städtische Entwicklung. Dieses „Hinaus-in-die-Stadt“ ist mit Risiken verknüpft – es ist ein schmaler Grat, der darüber entscheidet, ob solche Mischkonzepte langfristig mehr sind als bloß kulturell aufgepeppte Shopping Malls.
Auch in Mestre ist das Ensemble aus saniertem Kasernengebäude und Museumsbau mit entsprechenden ökonomischen Erwartungen verknüpft. Für den Verwaltungschef der Polymnia, Valerio Zingangelli, entsteht in Mestre „eines der europaweit innovativsten Projekte“. Insbesondere soll der nördliche Teil möglichst schnell kommerziell auf eigenen Füßen stehen und den Museumsteil mitfinanzieren. Dazu tragen die inzwischen als „Coworking Spaces“ konzipierten Räume in der ehemaligen Kaserne bei, die 2010 noch als Einkaufszentrum ausgewiesen waren. Sie liegen rund um den neu überdachten Innenhof und sind über eine Rolltreppe erschlossen. Eine eigene Firma übernimmt zurzeit deren Vermarktung. Kann die Architektur auf die künftige Nutzung Einfluss nehmen? „Wir wollten keinen Galeria-Effekt, in dem alles austauschbar wird“, so die Projektleiterin Bettina Magistretti von Sauerbruch Hutton und zeigt auf die neuen Einbauten, die die historischen Wände ergänzen: eindrucksvolle raumhohe Stahlpaneele, hinter denen sich die notwendigen Installationen verbergen – kein Architekturelement, das man je schon in einer Galeria Kaufhof gesehen hätte.

Städtebauliches Umdenken
Mestre und nicht Venedig ist heute zu einem Labor für neue städtebauliche und ökonomische Ideen geworden. Ein besonders pralles Kuckucksei bekam die Stadt vor einigen Jahren von Pierre Cardin vor die Tür gerollt, dem aus Italien stammenden französischen Modemacher, der heute vor allem für sein riesiges Firmenimperium und für seine Umbauten des Marquis-de-Sade-Schlosses im südfranzösischen Lacoste bekannt ist. In Marghera, auf der anderen Seite des Bahnhofsvon Mestre, sollte nach seiner Idee eine „Tour Lumière“ entstehen, eine Art Eiffelturm in Form eines 1,5 Milliarden Euro teuren Hochhaus mit Modeschule, Luxushotel, Luxuswohnungen und 4500 Beschäftigten. Eine Zeit lang konkurrierte das pharaoneske Projekt Cardins mit dem M9-Museum Sauerbruch Huttons – beide standen kurz hintereinander zur Debatte. Zunächst von der Regionalregierung vehement unterstützt, verschwand der Cardin-Turm 2013 dann wieder in der Schublade. M9 aber wurde gebaut. Glück für Mestre.

Sollte Hashim Sarkis, der designierte Direktor der Architekturbiennale 2020 bald Ausschau halten nach einem städtebaulichen „Real-Labor“, dessen weitere Bearbeitung sich als Beispiel für den Umgang mit den Widersprüchen europäischer Stadtregionen lohnen würde, dann möchte man ihm das Areal zwischen der Stazione di Mestre und dem M9-Museum zur Ausstellung anempfehlen. Mestre ist ein Testfall für den Umgang mit der postindustriellen Stadt, und die wundersame Verwandlung der hässlichsten Stadt Italiens geht weiter.



Fakten
Architekten Sauerbruch Hutton, Berlin
Adresse Via Giovanni Pascoli, 11, 30171 Mestre VE, Italien


aus Bauwelt 1.2019
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