Palazzo Comunale von Arzignano
Dank der Initiative von Architekt Marcello Galiotto wurde ein leerstehendes Erdgeschoss an der Piazza von Arzignano zum Anlaufpunkt für die Stadtgesellschaft.
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
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Rathaus, Kaffeehaus, Hotel, Leerraum – der Palazzo Comunale ...
Foto: Mikael Olsson
Rathaus, Kaffeehaus, Hotel, Leerraum – der Palazzo Comunale ...
Foto: Mikael Olsson
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... von Arzignano an der Piazza Libertà wartete auf eine neue Bestimmung.
Foto: Mikael Olsson
... von Arzignano an der Piazza Libertà wartete auf eine neue Bestimmung.
Foto: Mikael Olsson
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Als Café, Restaurant und Veranstaltungsort ist diese gefunden.
Foto: Mikael Olsson
Als Café, Restaurant und Veranstaltungsort ist diese gefunden.
Foto: Mikael Olsson
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Temporäre Plakate des Künstlers Stefan Marx, ...
Foto: Mikael Olsson
Temporäre Plakate des Künstlers Stefan Marx, ...
Foto: Mikael Olsson
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... aufgeklebt und hinter der transluzenten Wand beleuchtet, erinnern an Theaterplakate der Belle Époque.
Foto: Mikael Olsson
... aufgeklebt und hinter der transluzenten Wand beleuchtet, erinnern an Theaterplakate der Belle Époque.
Foto: Mikael Olsson
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Die Holzbalkendecke im Eingangs- und Barbereich haben die Architekten unter Verkleidungen entdeckt und wieder sichtbar gemacht.
Foto: Mikael Olsson
Die Holzbalkendecke im Eingangs- und Barbereich haben die Architekten unter Verkleidungen entdeckt und wieder sichtbar gemacht.
Foto: Mikael Olsson
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Ein großes Fenster ...
Foto: Mikael Olsson
Ein großes Fenster ...
Foto: Mikael Olsson
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... holt die Birken im Hof ins Innere, als wirkungsvollen Kontrast zur Urbanität der Platzseite.
Foto: Mikael Olsson
... holt die Birken im Hof ins Innere, als wirkungsvollen Kontrast zur Urbanität der Platzseite.
Foto: Mikael Olsson
Prominenter könnte die Lage kaum sein: Tritt man aus dem Bahnhof von Arzignano, liegt die Piazza Libertà, der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens des Städtchens bei Vicenza, am Ende der Sichtachse, kaum 400 Meter entfernt. Und am Ende des kurzen Fußwegs, am Nordrand des Platzes, steht man unter den Kolonnaden vor dem Caffè Nazionale. Name und Lage suggerieren Tradition, tatsächlich aber handelt es sich bei diesem Ort eher um eine Weiterentwicklung seiner historischen Rolle als Kristallisationspunkt städtischen Treibens: Das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Architekten Antonio Caregaro Negrin errichtete Gebäude diente zuvor der Stadtverwaltung, als Kaffeehaus und als Hotel. Nach dem Auszug der Verwaltung aber herrschtehier für drei Jahre Grabesruhe. Es bedurfte der Initiative eines Dreierteams für seine Wiederbelebung: des Architekten Marcello Galiotto vom Büro AMAA, des befreundeten Gastronomen Andrea Poli und des Veranstaltungsmanagers Marco Mettifogo. Was sie vorfanden, lässt sich heute kaum mehr vorstellen. Die Böden waren mit Fliesen bedeckt, die Wände hinter Verkleidungen verborgen, die historischen Raumfolgen durch Zwischenwände zerteilt, die Fenster der Hoffassade verschlossen.
Ziel der drei war es, die ursprünglichen Raumproportionen und -qualitäten zurückzugewinnen und die historische Materialität erfahrbar zu machen, vor allem aber, den Ort wieder für die Stadtgesellschaft zu öffnen. Das heißt in diesem Falle: bei aller gestalterischen und gastronomischenAmbition auch einfache, preiswerte Angebote bereitzuhalten, so dass sich wirklich jeder hier willkommen fühlt. Der Espresso „al banco“, also am Tresen getrunken, kostet beispielsweise nur einen Euro, was dem Preis in jeder beliebigen ita-lienischen Provinz-Kaffeebar entspricht; auch dieÖffnungszeiten von täglich 7–24 Uhr (Bar) bzw. 12–24 Uhr (Küche) schließen niemand aus, und die diversen Nutzungen aus Kaffeehaus, Restaurant, Veranstaltungssaal im Obergeschoss und Gourmet-Restaurant im Nebenraum lassen eine ausgewogene gesellschaftliche Mischung erwarten. „Ein schöner Ort nicht nur für Reiche“, formuliert Galiotto das Ziel der Aneignung.
Reiche, oder sagen wir Wohlhabende, gibt es in Arzignano einige: Die gerade 30.000 Einwohner der Stadt im Westen von Vicenza erwirtschaften nicht weniger als 1,5 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts, vor allem mit der Herstellung von hochwertigem Leder und der Produktion von Zubehör für die Automobilindustrie. In aufsehenerregender oder zumindest diskret-qualitätsvoller Architektur hat sich der Reichtum bislang allerdings noch nicht nieder-geschlagen – für den in Arzignano geborenen Galiotto der Grund, seine Berufstätigkeit im Jahr 2016 vom fernen Japan zurück in die Heimat zu verlagern, „um das Bewusstsein für Architektur zu ändern“, wie er sagt. Ein Projekt wie das Caffè Nazionale dürfte sich der Auftragslage seines Büros zuträglich erweisen: Hier kommt jeder im Laufe des Tages vorbei – nicht nur, aber auch, wer Geld hat zum Bauen.
Der Ort ist insofern auch ein „Show-Room“: Galiotto und sein Team haben keine Abstriche bei der Qualität von Möblierung und Materialien hingenommen. Sämtliche Ausstattungsstücke sind eigens entworfen, zum Teil von hinzugezogenen Designern und Künstlern, wie der Türgriff des Haupteingangs, den der Künstler Alessandro Neretti aus grünem Serpentinit-Marmor aus der Valmalenco gestaltet hat, oder sind anerkannte Design-Ikonen wie die Stühle des 2010 verstorbenen Südtiroler Architekten Othmar Barth. Vieles wurde vor Ort produziert, zum Beispiel die ledernen Bezüge der Sitzmöbel. Man beachte die aus Naturstein gefertigten Beine der Tische oder die Waschbecken aus weißem Carrara-Marmor im WC, um den gestalterischen Aufwand und Anspruch zu ermessen. Das alles wirkt jedoch niemals angeberisch oder übertrieben, was einerseits an der zurückhaltenden Formensprache des perfekten Neuen und der kontrastierend rau belassenen Ausbauelemente wie den Gipskartonwänden im WC-Bereich liegt, andererseits an der Qualität und Patina des freigelegten Bestands, wie den Freskenresten an der Stirnwand oder dem Architrav über dem Durchgang. Bestimmend für die Wahrnehmung im Café sind vor allem drei Elemente: der farbige Mosaikboden, die Kassettendecke aus Schichtholz und die transluzenten Trennwand in der Raumlängsachse, die mit ihren drehbaren Segmenten aus gebogenem und perforiertem Edelstahlblechden Hingucker geben darf.
Fakten
Architekten
AMAA Collaborative ArchitectureOffice For Research And Development, Venedig/Arzignano
Adresse
Piazza Libertà, 12, 36071 Arzignano VI, Italien
aus
Bauwelt 6.2026
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