Kirchen in der Offensive

Editorial

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin

Foto: Mine Dalemans

Foto: Mine Dalemans


Kirchen in der Offensive

Editorial

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin

In Zeiten schwindender Mitgliederzahlen gehen viele Gemeinden in die Offensive und stellen Architekten vor neue Herausforderungen. Ganzkörpertaufbecken, Kolumbarium und zeitgenös­sische Kunst ziehen in Gotteshäuser ein.
Vor den Toren der belgischen Kleinstadt Borgloon steht eine ungewöhnliche Kirche. Dreißig Tonnen Stahl in Form von flachen Rahmen haben die Bauarbeiter so aufeinandergeschweißt, dass sich das Erscheinungsbild je nach Standpunkt des Betrachters ändert. Aus der Nähe betrachtet löst sich die Kirche in der Landschaft auf. Was bleibt, sind schmale Strukturlinien und die 2000 viereckigen Abstandshalter. Die Architekten Pieterjan Gijs und Arnout Van Vaerenbergh gaben ihrem Werk den Titel „Reading between the Lines“. Zwischen den Zeilen erscheint im Hintergrund auch die alte Borglooner Kirche. Sie ist im Dorf geblieben, wurde aber gleichsam in ihrer Struktur dupliziert. Die alte Kirche stand Modell für das Kunstwerk – Kirchenschiff, Glockenturm und Fenster zeichnen sich in der Stahlkonstruktion ab. Die inhaltslose Hülle soll den Leerstand der umliegenden Kirchen versinnbildlichen. Zugleich macht sie aber auch auf die Möglichkeiten einer künstlerischen Weiterentwicklung und Aufwertung von Kirchenbauten aufmerksam.
Nicht nur in der belgischen Provinz stehen immer mehr Kirchen leer. Kleiner werdende Gemeinden und hohe Unterhaltungskosten gefährden ihren Bestand. Selbst baugeschichtlich wertvolle Gotteshäuser können nicht immer vor dem Abriss bewahrt werden. Um weiter für Kirchgänger attraktiv zu bleiben, machen sich mehr und mehr Gemeinden auf die Suche nach einer passenden Nische, einem unverwechselbaren Profil. Für Architekten tun sich neue Aufgaben im Kirchenbau auf. Wie sie diese lösen, zeigen wir an einigen Beispielen in diesem Heft.
Als Erstes nehmen wir eine kleine katholische Gemeinde an der Nordsee in den Blick, die wegen steigender Urlauberzahlen einen Ersatzneubau für ihre baufällige Kirche realisieren konnte, entworfen von Königs Architekten. In der Lutherstadt Eisleben schauen wir in Martin Luthers Taufkirche. AFF Architekten haben sie mit einem Ganzkörpertaufbecken ausgestattet und so in ein überkonfessionelles Taufzentrum umgestaltet. Bauwelt-Redakteur Ulrich Brinkmann berichtet von seinem Besuch in der Dortmunder Liebfrauenkirche. Im Haupt- und Seitenschiff ersetzten Staab Architekten das Kirchengestühl durch einen dunklen, blockhaften Einbau für die Urnenbestattung. Die Kirche wird nun als Grabeskirche genutzt. In Córdoba haben die Madrider Architekten Vicens + Ramos für eine katholische Gemeinde ein neues Gotteshaus in Industriebauweise errichtet und mit vorgefertigten Betonpaneelen verkleiden lassen. Die liturgischen Möbel in Kirchenhalle und Seitenkapelle wurden von zeitgenössischen Künstlern ausgeführt. Schließlich stellt Arno Brandlhuber seine Pläne für die Umgestaltung von Werner Düttmanns St.-Agnes-Kirche in Berlin vor, in der Anfang 2013 Johann König seine neue Galerie eröffnet wird.
Fakten
Architekten AFF Architekten, Berlin; Brandlhuber, Arno, Berlin; Düttmanns, Werner (1921-1983); Staab Architekten, Berlin; Vicens + Ramos, Madrid
aus Bauwelt 26.2012
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