Crowd-finanzierter Städtebau

Een Nieuw Perspectief

Text: Kraemer, Oriana, Dublin

Foto: Ossip van Duivenbode

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Crowd-finanzierter Städtebau

Een Nieuw Perspectief

Text: Kraemer, Oriana, Dublin

In Zeiten knapper Kassen treten „Stadtunternehmer“ auf den Plan, die mit alternativen Finanzierungsmodellen experimentieren. Ein international viel beachtetes Beispiel der neuen Stadtproduktion ist die Fußgängerbrücke „Luchtsingel“, die in Rotterdam mit Hilfe von Crowd-Funding realisiert wird. Wer aber ist die Crowd hinter dem Projekt? Wie viel Teilhabe bietet die Mitfinanzierung? Und wie tauglich ist das Konzept für öffentliche Bauprojekte?
Das Prinzip der kollektiven Vorfinanzierung existierte bereits im 17. Jahrhundert, etwa in Form von Buchsubskriptionen. Mit der Reichweite des Internets erlangen Crowd-Funding-Kampagnen allerdings neue Dimensionen, die sie von verwandten Modellen wie Fördervereinen und Stiftungen unterscheiden. Online-Plattformen wie kickstarter oder das deutsche Äquivalent startnext stellen seit einigen Jahren die Infrastruktur für den Austausch zwischen Initiatoren und Kleininvestoren bereit. Über soziale Netzwerke werden neue Zielgruppen und damit auch verstreutes Kapital erschlossen. Crowd-Funding hilft, krisenbedingte Lücken im Fördersystem zu schließen. Neben der ideellen Motivation stehen die attraktiven Belohnungen im Vordergrund. Spender werden nicht selten zu Käufern, die sich beispielsweise Nutzungsrechte an einer neu­en Smartphone-App sichern. Da sich Gebäude aber nicht so gut (ver-)teilen lassen wie Software und die Herstellungs- und Genehmigungsprozesse um einiges komplexer, langwieriger und auch kostspieliger sind als die einer Buchveröffentlichung, beschäftigen sich Architekten erst zögerlich mit dem alternativen Finanzierungsmodell.
Das American Institute of Architects (AIA) veröffentlichte 2012 einen Beitrag über Crowd-Funding, der Architekten animieren sollte, sich als Projektentwickler zu versuchen. Auch im Netz werden die Pioniere des Architektur-Crowd-Fundings gefeiert. Wo der Begriff fällt, sind auch große Worte wie Demokratie, Partizipation und Revolution nicht weit. Diese Euphorie macht stutzig. Was bedeutet derart finanzierte Architektur für die Stadt? Was, wenn die Qualität des Marketings über die Realisierung von Projekten entscheidet, wenn Crowd mit Bevölkerung verwechselt wird, Investition mit Teilhabe? Und wie tauglich ist Crowd-Funding in der Baupraxis?
Luchtsingel Rotterdam
In Rotterdam entsteht derzeit ein solches „gruppenfinanziertes“ Bauwerk: die Luchtsingel („Luftstraße“). Die hölzerne Fußgängerbrücke, entworfen vom Landschaftsarchitekturbüro ZUS (Zones Urbaines Sensibles), soll Verbindungen schaffen und einem stark vernachlässigten Teil des Stadtzentrums neue Impulse geben. Sie ist das Herzstück eines Wegenetzes, das sich wie ein gelber Faden über Hauptverkehrsstraßen und Bahntrassen hinwegsetzt und die neuen kulturellen Knotenpunkte des Stadtzentrums  miteinander verbindet. Rückblick ins Jahr 2009: Die ersten Sparpakete für die Niederlande sind geschnürt, die Kommunen leiden unter hohen Verlusten durch abgebrochene oder vertagte Projektentwicklungen. So auch der „WeenaBoulevard“. Unter diesem Label sollten in Rotterdam 240.000 Quadratmeter Büro-, Hotel- und Verkaufsflä­chen, Gastronomie und Luxusapartments in der Nähe des Hauptbahnhofs entstehen, in Gebäuden, die auch in der Höhe alles bisher Dagewesene übertroffen hätten.
Angesichts einer von der Krise gelähmten Stadtverwaltung zeigen ZUS Alternativen zu dem großangelegten Masterplan auf, der, wie in Rotterdam zu der Zeit üblich, von einer Tabula rasa ausgeht. Stattdessen wollen ZUS dem benachteiligten Stadtteil mit kleinmaßstäblichen und phasierten Interven­tionen Leben einhauchen. Zusammen mit CODUM, einem Projektentwickler für temporäre Immobilien und mit Hilfe eines risikofreudigen Bauunternehmers, der bis zur Vermietung als Zwischenfinanzierer fungiert, renovieren sie zunächst den Schieblock, ein Nachkriegs-Bürogebäude, das gerade noch dem Abriss entgangen ist (siehe Interview S. 62). Mit der Belegung durch zahlreiche Kreativbüros und Kleinunternehmer belebt sich das ganze Viertel. ZUS gewinnen bei der Stadt ein gewisses Ansehen als Projektentwickler.
Im Rahmen der 5. internationalen Architekturbiennale Rotterdam (IABR) 2012 schlagen sie vor, die Revitalisierung des Areals voranzubringen: Der Schieblock soll um eine Dachfarm und einen Biergarten ergänzt werden; in diesem Zusammenhang wird auch „de Luchtsingel“ erstmals vorgestellt. Das Geld hierfür, rund 500.000 Euro, muss angesichts leerer öffentlicher Kassen anderweitig beschafft werden. Passend zur Biennale, die unter dem Motto „Making City“ zur Neuverhandlung von Stadtproduktion aufruft, entscheiden sich die Architekten für das in der Baubranche bis dato unerprobte Crowd-Funding. Mit den Slogans „I make Rotterdam“, „We make Rotterdam“, „You make Rotterdam“ modifizieren sie den Biennale-Titel wirkungsvoll für die eigene Kampagne. Mit dem Angebot, für 25 Euro eine Holzplanke zu finanzieren und diese mit dem eigenen Namen versehen lassen zu können, animierten die Architekten bislang rund 1300 Menschen, sich am Projekt zu beteiligen. Über die hauseigene Crowd-Funding-Plattform sind bereits 90.000 Euro zusammengekommen. Die Aktion läuft noch immer.
Wie nützlich die 2011 gestartete Marketingoffensive war, zeigte sich im April 2012, als die Luchtsingel den städtischen Förderwettbewerb Stadsinitiatief gewann, bei dem die Rotterdamer ihre Lieblingsinitiative küren dürfen. Preisgeld ist eine Art „Bürgerhaushalt“. In diesem Fall bekommt die Stiftung Luchtsingel vier Millionen Euro aus öffentlichen Geldern. Diese Finanzspritze beschleunigt die Planungs-, Genehmigungs- und Bauprozesse, an denen sich nun auch die Stadt beteiligt. Die Brücke soll Ende 2014 stehen und das Rahmenprogramm für die Orte, die sie verbindet, beginnen.
Doch inzwischen gibt es in Rotterdam auch Kritik am Projekt. Sie richtet sich hauptsächlich an die Organisation der Stadtsinitiatief. Die Legitimät des Förderwettbewerbs wird in Frage gestellt: Gerade einmal 7,8 Prozent der Stimmberechtigten hatten von ihrem Recht Gebrauch gemacht, nur knapp die Hälfte von ihnen stimmte für die Luchtsingel. Auf den Kommentarseiten des viel beachteten Rotterdamer Online-Magazins „Vers Beton“, das von Beginn an über das Projekt berichtete, werden aber auch Stimmen gegen ZUS laut. Die Kri­tiker bezweifeln den Mehrwert einer auf maximal 15 Jahre angelegten temporären Holzbrücke für die Stadt und verweisen auf die Intransparenz des Etats und die fehlende Bürgerbeteiligung; manche nehmen es den Planern übel, dass sie sich ihre Arbeitszeit von der öffentlichen Hand bezahlen lassen.
Missverständnis Crowd-Funding
Die hitzigen Diskussionen um die Luchtsingel machen deutlich, dass das alternative Finanzierungsmodell kein Selbstläufer ist – weder für die Initiatoren, noch für die Stadt. Da sich die Erträge je nach Erfolg einer Kampagne durchschnittlich im vier- bis sechsstelligen Bereich bewegen und oft nicht ausreichend, verlässlich oder pünktlich genug für Projekte von bedeutsamer Größenordnung sind, eignet sich Crowd-Funding für öffentliche Bauvorhaben allenfalls als Initialzündung. Die Masse hinter einem Startkapital kann überzeugend auf Investoren und öffentliche Institutionen wirken und sie motivieren, die Restsummen bereitzustellen. Ob die Luchtsingel auch ohne die Stadsinitiatief realisiert worden wäre, ist zu bezweifeln, denn von den ursprünglich anvisierten 500.000 Euro für eine Low-Budget-Variante der Brücke wurden seit 2012 erst knapp 100.000 Euro über Spenden zusammengetragen. Crowd-Funding allein ist ein langwieriges Unterfangen, verbunden mit der Gefahr, dass sowohl den Unterstützern als auch Initiatoren auf halber Strecke die Puste ausgeht.
Neben langem Atem erfordert das Finanzierungsmodell auch eine gute PR-Strategie, die sich nicht jeder leisten kann. ZUS haben sich früh mit der Agentur „Brand!“ professionelle Hilfe für die Kampagne geholt, die neben Flyern, Plakaten und einem eigenen Stimmlokal auch einen Film produzierte. Die Einbindung in die IABR und die Stadtsinitiatief waren ebenfalls hilfreich, um die Zielgruppe zu erreichen. Die Kritik an ZUS zeigt aber auch, das selbst eine gelungene Kampagne ihre Tücken hat: Wer öffentlichkeitswirksam um die Crowd wirbt, stellt sich ins Rampenlicht, vor ein schonungsloses Publikum, dem man den Mehrwert eines städtischen Bauvorhabens ständig neu beweisen muss.
Da solcherart finanzierte öffentliche Projekte, anders als Baugruppen, Genossenschaften oder Crowd-Investing-Modelle, keine exklusiven Nutzungsrechte oder Gewinnbeteiligungen einräumen können, beschränkt sich die Hauptmotivation der Spender auf das Gefühl, an der positiven Lösung für ein Problem mitzuwirken. Teilhabe bedeutet in diesem Fall, die Eintrittskarte zu einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu bekommen, nicht jedoch an Entscheidungsprozessen mitwirken zu können. Der Slogan der Luchtsingel-Kampagne, „The more you donate, the longer the bridge“, vermittelte den Beteiligten das Gefühl, Einfluss auf das Projekt zu haben, den es in Wirklichkeit nie gab. Das einzige, auf das man als Spender unmittelbar einwirken kann, ist der eigene Schriftzug auf den Holzplanken. Der Entwurf der Brücke, die Verteilung der Gelder oder das Programm an den Orten, die die Brücke miteinander verbindet, liegt in der Hand der Architekten und ist nur von den unmittelbar Beteiligten – der Stadtverwaltung sowie dem Schieblock-Eigentümer – in Vorplanungs-Treffen begleitet.
Das Bild, das von Crowd-Funding oft vermittelt wird, basiert daher auf dem gravierenden Missverständnis einer de­mokratischen Stadtproduktion. Abgesehen von medialer Kon­trolle hat Crowd-Funding mit demos, dem Volk, nichts zu tun. Denn wer ist das denn, die „Crowd“? An der Luchtsingel waren auch Unternehmen beteiligt, die das Projekt auch als eine Werbeplattform betrachteten. Andererseits legt der AIA-Report nahe, dass Crowd-Funding zum großen Teil Peer-Funding ist, da die Spender meist aus dem Netzwerk des Initiators kommen oder zumindest auf Grund gemeinsamer Interessen oder Identität aktiviert wurden. Auch im Falle Luchtsingel ist die Crowd keineswegs repräsentativ für die Rotterdamer Bevölkerung und erst recht nicht kongruent mit dem Profil der Benutzer. Ist Bürgerpartizipation nicht von Anfang an im Projekt verankert, muss crowdfinanzierte Architektur streng genommen als private Projektentwicklung betrachtet werden, die allein durch Vergabe- und Baugenehmigungsverfahren kontrolliert wird. Der fehlgeschlagene Legitimationsversuch durch die Stadsinitiatief scheint das zu bestätigen. Auch wenn ZUS eine politische Agenda verfolgen und es schaffen, mit engagierter Arbeit Lücken im traditionellen Planungssystem zu schließen, sind sie doch keine Volksvertreter, sondern Privatunternehmer, die sich um die Finanzierung ihrer Idee und ihrer Arbeitskraft selbst kümmern. Das kann man ihnen nicht übel nehmen.
Bedenklich wird es, wenn Masse mit Klasse verwechselt wird. Weil Öffentlichkeitsarbeit für erfolgreiches Crowd-Funding essentiell ist, besteht die Gefahr, dass vorwiegend spektakuläre Projekte gefördert werden. Gegner des sogenannten „Kickstarter-Urbanismus“, wie die Architekturkritikerin Alexandra Lange, befürchten, dass eindrucksvolle und prominente Projekte den Vorzug vor unauffälligeren aber nicht minder wichtigen Vorhaben erhalten könnten, im schlimmsten Fall, ohne Mindestanforderungen gerecht werden zu müssen. Im Zusammenhang mit der Luchtsingel wurde zum Beispiel kaum diskutiert, ob eine Brücke, die sich über die vorhandene Stadt hinwegsetzt, überhaupt sinnvoll ist. Was wird aus den Fußgängerwegen, die sie umgeht? Und sollte man nur wegen einer von vornherein begrenzten Nutzungsdauer auf Barrierefreiheit verzichten dürfen? Allerdings ist es ZUS mit Hilfe von Crowd-Funding, Risikofreude und Unternehmergeist trotz widriger Umstände gelungen, einen längst überfälligen Diskurs über Akteure, Mittel und Zweck der Stadtentwicklung anzuzetteln.

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