Bauhelm-Missionen

Architektur, die helfen soll, Frieden zu sichern

Text: Maier-Solgk, Frank, Düsseldorf

Foto: © AFIR Architects/Anne Feenstra; © Aga Khan Trust for Culture

Foto: © AFIR Architects/Anne Feenstra; © Aga Khan Trust for Culture


Bauhelm-Missionen

Architektur, die helfen soll, Frieden zu sichern

Text: Maier-Solgk, Frank, Düsseldorf

Frieden ist kein Zustand, sondern, realistisch gesehen, bestenfalls ein Prozess. Auf der Weltkarte, die am Anfang der Ausstellung „The good cause: Architecture of Peace – Divided Cities“ im Münchner Architekturmuseum steht, sind all die 140 Kriegs- und Konfliktzonen seit dem Zweiten Weltkrieg markiert, die jede universelle Friedensidee ins Reich der Utopie rücken.
Ein traditionelles Mittel zur Friedenssicherung zeigt die zweite Karte: alle UN-Friedensmis­sionen (aktuell sind es 16) – deren Erfolg bekanntlich meist begrenzt ausfällt.
Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, auch Stadtplanung und Architektur auf ihren möglichen Beitrag an der langfristigen Friedenssicherung zu befragen. Voraussetzung dafür: Die Beteiligten fühlen sich einem sozialem Begriff von Planung verpflichtet; die Projekte der Ausstellung zeigen den Spielraum dessen auf, was man darunter verstehen kann. Kuratiert wurde The Good Cause von Lilet Breddels, Arjen Oosertman und Kai Vöckler; sie beruht auf der jahrelangen Arbeit von „Archis Interventions“, einem internationalen Netzwerk von Architekten, Stadtplanern und Wissenschaftlern.
Die im ersten Teil unter dem Titel „Architecture of Peace“ präsentierten Fallstudien könnten hetero-gener kaum sein. Das Besucherzentrum eines Naturreservats in Pamir-i-Buzurg im Norden Afghanistans, hat der holländische Architekt Anne Feenstra zusammen mit 104 ungelernten Arbeitern aus der Gegend mit einfachen, lokalen Materialien errichtet. Eine Skateboardschule in Kabul, auf dem Boden einer noch aus Sowjet-Zeiten stammenden Brunnenanlage errichtet, nutzt den Sport, um eine Gemeinschaft zu bilden; die Schule kommt der wachsenden Zahl jugendlicher Flüchtlinge – Jungen wie erstmals auch Mädchen – zu Gute und soll so der langfristig an­gelegten gesellschaftlichen Stabilisierung dienen. Für das ehemalige Künstlerdorf Dorf En Hod im Norden Israels wurde – mit entsprechender internationaler Medienarbeit – ein Wettbewerb für einen alterna­tiven Masterplan ausgeschrieben, der sich in einem Gemeindezentrum konkretisierte. Das Red Location Museum in New Brighton, einem Township im südafrikanischen Port Elizabeth, widmet sich mit persön­lichen Apartheidsgeschichten der Aufarbeitung individueller Vergangenheiten.
Die Ausstellung bewertet den Erfolg der Projekte an Hand von Kriterien wie Vertrauen, Öffentlichkeit, Bescheidenheit oder Arbeitsbeschaffung vor Ort, die zwar etwas vage ausfallen, insgesamt jedoch die so wichtigen lokalen Bezügen und Kooperationen erkennen lassen. Der zweite Teil der Schau, „Divided Cities“, widmet sich Maßnahmen zur Überwindung von Gegensätzen in geteilten Städten in Europa.
Die Kuratoren versuchen mit The Good Cause, einerseits interessante Projekte darzustellen, an-dererseits aber auch auf das Selbstverständnis von Architekten einzuwirken: sich nicht nur als Dienstleister einiger Begüterter zu verstehen, sondern sich in den Dienst einer sozialen Agenda zu stellen. In­sofern setzt die aktuelle Ausstellung im Architekturmuseum der TU München die im letzten Jahr unter dem neuen Direktor Andreas Lepik mit „Afritecture“ (Bauwelt 36.2013) eingeschlagene Richtung fort. Kritisch sei angemerkt, dass sich The Good Cause allzu wissenschaftlich spröde geriert, erhebliche Leseanstrengung fordert und leider auch von der Überzeugungskraft des Visuellen wenig hält. Unge-achtet dessen bleibt die Schönheit mancher Projekte nicht verborgen: Im Rahmen des schon um das Jahr 2000 herum begonnenen Projekts Babur’s Garden in Kabul wurde gemeinsam mit dem Agha Khan Trust for Culture der historische Palastgarten aus dem 16. Jahrhundert wiederhergestellt – und damit in der Stadt nicht nur ein lange vermisster öffentlicher Raum zugänglich, sondern auch ein Symbol nationaler Identität, das alle Konfliktparteien an eine kul­turelle Gemeinsamkeit erinnert.

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