Bauwelt

Architekturtheater

Das S AM zeigt Bühnenbilder von Anna Viebrock

Text: Friedrich, Jan, Berlin

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    Kontrollierter öffentlicher Raum: Videostills des Künstlers Arnout Maik von Grenz- und Sperranlagen

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Foto: Tom Bisig

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Architekturtheater

Das S AM zeigt Bühnenbilder von Anna Viebrock

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Anna Viebrock würde tatsächlich etwas Ähnliches machen wie Architekten; schließlich entwirft sie Räume, arrangiert Interieurs, ja baut sogar ganze Häuser.
Die Modelle: einfach großartig. Im Maßstab 1:20 sind die meisten gefertigt. Das ist der Maßstab, in dem man sich trefflich daran erfreuen kann, wie gut es dem Modellbauer gelungen ist, dieses oder jenes Material, diesen oder jenen Gegenstand so wunderbar erkennbar darzustellen, ohne dabei den ange­mes­senen Grad an Abstraktion zu unterschreiten. Als Architekt darf man ein bisschen neidisch werden; wer arbeitet heutzutage schon noch in diesem Maßstab derart analog und unmittelbar?
Das Schweizerische Architekturmuseum (S AM) präsentiert 16 Bühnenbilder von Anna Viebrock für Theater- und Opernproduktionen aus den letzten Jahren, viele davon Inszenierungen von Christoph Marthaler, mit dem die 1951 geborene Viebrock seit langem eng zusammenarbeitet. „Bühnenbild als Architektur“ ist die erste vom neuen künstlerischen Leiter des S AM, Hubertus Adam, kuratierte Ausstellung. Auf den ersten Blick könnte man meinen, Anna Viebrock würde tatsächlich etwas Ähnliches machen wie Architekten; schließlich entwirft sie Räume, arrangiert Interieurs, ja baut sogar ganze Häuser. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Fotos der Bühnenbilder, die der Architekturfotograf Walter Mair für Ausstellung und Katalog aufgenommen hat. Typi­sche Architekturbilder sind das, menschenleer und mit sehr langen Verschlusszeiten belichtet.
Aber natürlich ist das auf der Bühne alles nicht „echt“, sondern nachgebaut, und die Bedingungen, unter denen im Theater „Architektur“ entsteht, sind völlig andere als in der Realität. Anna Viebrock arbei­tet mit Versatzstücken alltäglicher Bauten, die stets deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Sie sammelt – fotografiert und skizziert – diese Versatzstücke, wo immer sie unterwegs ist. Für die Bühne collagiert sie daraus neue Räume. Dabei spielt sie virtuos mit den Irritationen, die aus dem Spannungsfeld zwischen der superrealistischen Darstellung einerseits und den oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen­den Unstimmigkeiten andererseits entstehen. Und da Viebrock im „Paralleluniversum“ Theater arbeitet, stellt sie der Architektur andere Fragen, als Bau­schaffende das gemeinhin tun. Etwa wenn sie überlegt, warum Gebäude oft erst dann interessant werden, wenn sie zweitgenutzt werden: „Neue Räume haben immer etwas Ausschließendes, das wird erst bei der zweiten Nutzung behoben.“
Nur bei wenigen von Viebrocks Arbeiten sind die Vorbilder so eindeutig auszumachen wie beim Bühnenbild zu Giovanni Simone Mayrs Oper „Medea in Corinto“ für die Münchner Inszenierung von Hans Neuenfels im vergangenen Jahr. Quasi alle Spielarten des Klassizismus sind hier auf einem Sockel aus Sicherheitstüren übereinandergestapelt: Eine spätmoderne Stahl-Glasfassade (vom Frankfurter Opernhaus), dahinter ein Interieur aus Speers Berliner Reichskanzlei, darüber der Fries des Wiener Parlamentsgebäudes. Das kleine Häuschen, das den Abschluss der surrealen Collage bildet, steht übrigens wirklich so auf dem Parlament; es ist die Restaurierungseinhausung der Quadrigen. Manchmal kann die Realität noch irritierender sein als das Theater.
Der Katalog zur Ausstellung:
"Im Raum und aus der Zeit. Anna Viebrock - Bühnenbild als Architektur", 19 CHF, Christoph Merian Verlag und Schweizerisches Architekturmuseum, 2009
Fakten
Architekten Viebrock, Anna
aus Bauwelt 5.2011
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