Die Parallelität von Interessen akzeptieren
Unter wachsendem Druck treffen in Leipzig unterschiedliche Interessen und Planungslogiken aufeinander. Nora Gitter koordiniert im Rathaus Baukultur zwischen Verwaltung, Öffentlichkeit und privaten Akteuren – sie bietet Raum, um Qualität zu verhandeln.
Text: Landes, Josepha, Berlin; Laser, Robert, Leipzig
Die Parallelität von Interessen akzeptieren
Unter wachsendem Druck treffen in Leipzig unterschiedliche Interessen und Planungslogiken aufeinander. Nora Gitter koordiniert im Rathaus Baukultur zwischen Verwaltung, Öffentlichkeit und privaten Akteuren – sie bietet Raum, um Qualität zu verhandeln.
Text: Landes, Josepha, Berlin; Laser, Robert, Leipzig
Was ist an Leipzig als Architekturstadt besonders?
Leipzig ist für mich vor allem eine Stadt der sichtbaren Brüche und Umbrüche. Es ist keine homogene Stadt, die sich unter einen einzigen Begriff fassen lässt. Natürlich gibt es die kompakte Innenstadt und die Gründerzeitquartiere, aber daneben auch Industriearchitektur, Großwohnsiedlungen, Brachen, Zwischenräume und sehr unterschiedliche Stadtlandschaften.
Diese Zeitschichten sind ablesbar: die Transformation nach 1990, Schrumpfung und Wachstum, der Verlust von Industrie, die Nähe des Tagebaus, die vielen improvisierten und experimentellen Aneignungen. Genau das macht Leipzig für viele Architektinnen und Architekten in-teressant. Hier gibt es noch Freiräume – räumlich, wirtschaftlich und gedanklich. Vieles ist nicht fertig, und gerade das eröffnet Möglichkeiten.
Ist das ein Grund, warum sich in Leipzig so vielejüngere Büros etablieren?
Davon bin ich überzeugt. Es gibt hier nicht nur dieHTWK Leipzig, die junge Menschen ausbildet und zum Bleiben ermutigt. Es kommen auch bereits gegründete Büros nach Leipzig, weil sie merken: Hier kann man klein anfangen, experimentieren, sich vernetzen, Zwischennutzungen weiterdenken und an Aufgaben arbeiten, die in anderen Städten längst unerreichbar oder unbezahlbar wären.
Was ich im Moment besonders schätze, ist die Offenheit unter den jüngeren Büros. Es gibt viel Austausch, Kooperation und gegenseitige Unterstützung. Man diskutiert Projekte, hilft einander weiter, findet gemeinsame Ebenen über Inhalte und Arbeitsweisen. Diese Kultur ist für Leipzig gerade sehr prägend.
Gleichzeitig wächst die Stadt weiter. Wie lässt sich dieser Charakter bewahren?
Indem man die Parallelität der Interessen akzeptiert. Wachstum hat nicht automatisch Vorrang vor allem anderen, und der Erhalt von Freiräumenauch nicht. Es geht immer um ein konkretes Aushandeln. Leipzig braucht sozialen Wohnungsbau, dafür macht sich die Stadt stark. Gleichzeitig gibt es Konzepte für Grünräume, Freiflächen und klimatische Ausgleichsräume. Alles muss zusammen gedacht werden.
Wichtig ist, dass die Stadt frühzeitig mit Investoren ins Gespräch geht und ihre Vorstellungen formuliert. Das passiert auch. Aber natürlich ist die Bodenfrage eine grundsätzliche, und die Haushaltslage schränkt den Handlungsspielraummassiv ein. Gerade in Phasen, in denen Projekte ins Stocken geraten oder Eigentümer wechseln, wäre es wichtig, früh Weichen zu stellen. Das gelingt nicht immer so, wie man es sich wünschen würde.
Was bedeutet Baukultur aus Ihrer Sicht – gerade vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen?
Aus der Verwaltung heraus denke ich Baukultur stark als Prozesskultur: Beteiligung, Information, Vermittlung, also die Frage, wie Menschen überhaupt bei Architektur- und Städtebauthemen mitgenommen werden. Bei meiner Arbeit geht es aber auch um Verfahren, Vergaben und Wettbewerbe, also darum, unterschiedliche Perspektiven und Entwürfe zuzulassen. Und es geht um die Begleitung bis in die Umsetzung hinein. Denn Qualitäten, die am Anfang verhandelt wurden, gehen gelegentlich verloren.
Baukultur endet nicht beim Entwurf. Sie betrifft Hochbau, Freiraum, Städtebau, Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum. Und sie ist nicht mehr zu trennen von Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und der Frage, wie lange ein Gebäude sinnvoll nutzbar bleibt.
Gerade Kommunen haben da eine besondere Verantwortung. Wir behalten unsere Schulen, Kitas oder Verwaltungsgebäude meist sehr lange und müssen sie auch unterhalten. Dadurch lernen wir unmittelbar aus Fehlern: Was ist wartungsfreundlich, was lässt sich langfristig betreiben? Das ist eine Perspektive, die private Investoren oft gar nicht teilen, wenn sie nach Fertigstellung wieder verkaufen.
Sie bewegen sich in einer besonderen Rolle zwischen Verwaltung, Baukultur und Öffentlichkeit. Was macht diese Position so speziell?
Ich habe eine Art Mischrolle. Einerseits bin ich als Koordinatorin für Baukultur nach innen und außen vernetzend und vermittelnd tätig. Andererseits arbeite ich als Referentin des Baubürgermeisters sehr nah an internen Verwaltungsprozessen. Da-zu kommt mein ehrenamtliches Engagement in der Architektenkammer. Das ist spannend, weil ich in viele Bereiche Einblick habe. Aber es verlangt auch, sehr genau zu trennen: Was ist Verwaltungshandeln, was ist fachlicher Austausch, was ist private oder ehrenamtliche Position?
In der Verwaltung gibt es klare Hierarchien. Offiziell sprechen meist Bürgermeister und Amtsleitungen nach außen. Mein Auftrag widerspricht dem zum Teil, weil Baukultur ja gerade von Kommunikation und Vernetzung lebt. Diese Spannung gehört zu meinem Alltag.
Ist die Funktion an eine bestimmte politische Konstellation gebunden?
Formal nicht. Die Stelle ist nicht an eine bestimm- te Person gekoppelt. Aber natürlich braucht es inhaltlich eine gute Verbindung und ein Commitment des Baubürgermeisters zum Thema. Dies ist mit Thomas Dienberg glücklicherweise gegeben. Grundsätzlich sitze ich an der Schnittstelle von Verwaltung, Stadtrat, Bauwirtschaft und Bürgerschaft, und genau diese Schnittstelle ist für viele von außen schwer zu durchschauen.
Verwaltung arbeitet langfristig. Strategien, Verfahren und Projekte laufen oft über Jahre, manchmal über mehrere Wahlperioden hinweg. Politik reagiert stärker auf aktuelle Konstellationen. Baukultur ist dabei etwas, das über Tagespolitik hinausweist. Gleichzeitig geht es nicht ohne politische Rückendeckung.
Was unterscheidet Ihre Stelle von vergleich-baren Funktionen in anderen Städten?
Ich kenne kaum eine andere Stadtverwaltung, in der jemand so explizit und hauptberuflich für Baukultur zuständig ist – und zwar mit dem Mandat, ämter- und dezernatsübergreifend zu arbeiten. Ich bin ja nicht nur mit Themen der Stadtplanung oder des Hochbaus beschäftigt, sondern auch mit dem Kulturamt, mit Stadtgrün und Gewässern oder mit Gremien zur Kunst im öffentlichen Raum.
Ich habe keine Entscheidungsgewalt wie eine Stadtbaumeisterin, aber ich kann Prozesse verbinden, Wissen bündeln und dafür sorgen, dass innerhalb der Verwaltung ein klareres Bild nach außen entsteht. Genau das ist aus meiner Sicht das Besondere an dieser Stelle.
Zu Ihren Aufgaben gehört auch das Netzwerk Baukultur Leipzig. Welche Rolle spielt es?
Das Netzwerk Baukultur Leipzig organisiere und kuratiere ich seit 2024 im Rahmen meiner Tätigkeit. Es wurde auf Initiative des Baubürgermeisters reaktiviert. Für mich ist das eine Win-win-Situation. Einerseits entsteht ein öffentlicher Raum, in dem aktuelle stadt- und baukulturelle Themen gemeinsam verhandelt werden – mit Fachwelt, Verwaltung und Stadtgesellschaft. Andererseits bekommt die Verwaltung darüber sehr direkt Rückmeldungen.
2024 sind wir mit dem Oberthema Partizipation gestartet, auch um deutlich zu machen: Wir wollen ins Gespräch kommen. Im vergangenen Jahr stand Infrastruktur im Mittelpunkt, also die Frage, welche baukulturelle Rolle Brücken, Verkehrsachsen oder technische Anlagen spielen. Wichtig war dabei, den Blick zu weiten: Baukultur ist eben nicht nur Hochbau.
In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der Ostmoderne. Anlass ist unter anderem „50 Jah-re Großwohnsiedlung Grünau“. Gleichzeitig merken wir, dass das Thema gerade auf großes In-teresse stößt, auch bei jüngeren Generationen. Da findet ein Perspektivwechsel statt: weg von pauschalen Abwertungen, hin zur Frage, was noch da ist, welche Qualitäten es gibt und wie wir heute damit umgehen.
Ein Dauerthema ist die Frage nach Wettbewerben und Vergaben, die Ebene also, auf der Baukultur konkret wird. Wie sehen Sie die Lage?
Ich verstehe die Kritik vieler Büros sehr gut. Gerade kleinere und mittlere Büros haben es oft schwer, überhaupt in Verfahren hineinzukommen. Die Anforderungen sind hoch, und qualitative Aspekte lassen sich in Vergaben nicht immer so abbilden, wie es wünschenswert wäre.
Gleichzeitig muss man realistisch auf die Verfahren schauen, die in der Praxis tatsächlich genutzt werden. In Leipzig sind VgV-Verfahren mit Lösungskonzepten im Hochbau der Standard, RPW-Wettbewerbe eher die Ausnahme. Ich halte wenig davon, diese Realität einfach nur abzulehnen. Wichtiger ist, die bestehenden Verfahren besser zu machen.
In Leipzig ist es inzwischen häufig so, dass der Preis nur mit zwanzig Prozent gewichtet wird. Der größere Teil entfällt auf Lösungsideen, Team, Herangehensweise und Erfahrung. Ich versuche außerdem immer wieder dafür zu sensibilisieren, Eignung nicht zu eng zu definieren. Es muss die Möglichkeit geben, in neue Aufgaben hineinzuwachsen.
Trotzdem bleibt richtig: Große, gute Wettbewerbe sind wichtig. Man muss sich weiterhin für sie stark machen, gerade dort, wo Projekte es hergeben. Aber man muss auch ehrlich benennen, warum einige Verfahren unbeliebt geworden sind – und warum manche Projekte die ursprüngliche Qualität nicht bis zur Umsetzung tragen.
Am Technischen Rathaus hat sich gezeigt, dass fachlicher Druck durchaus etwas bewegen kann. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?
Ja, das war für mich ein sehr eindrücklicher Fall. Nachdem das Gebäude gekauft worden war und gleichzeitig der Abriss im Raum stand, mussten sehr schnell Entscheidungen getroffen werden. Wir haben in der Verwaltung dann Informationen, Gutachten und Einschätzungen zusammengetragen, Fachleute vernetzt und den Austausch mit BDA, Ingenieurkammer, Architektenkammer und anderen gesucht.
Bemerkenswert war, dass sich dort ganz unterschiedliche Akteure gemeinsam positio-niert haben. Es gab Begehungen, Gespräche mit Stadträtinnen und Stadträten, und die vorhandenen Informationen wurden so weit wie möglich geteilt. Ob die Geschichte am Ende gut ausgeht, weiß man noch nicht. Aber der Bestand ist erst einmal nicht abgerissen. Und das zeigt, dass Vernetzung, Fachlichkeit und öffentlicher Druck durchaus Wirkung entfalten können.
Sie sprechen sehr engagiert über demokratische Aushandlungsprozesse. Machen Sie sich Sorgen, wie stabil diese Strukturen künftig sind?
In meiner offiziellen Rolle betone ich vor allem die positiven Beispiele und die Stärken unserer demokratischen Strukturen. Das halte ich auch für wichtig. Viele Menschen sehen Verwaltung nur dann, wenn etwas nicht funktioniert. Dabei gibt es sehr viele Bereiche, in denen mit großem Einsatz gute und verlässliche Arbeit geleistet wird – und genau diese Strukturen müssen wir schützen.
Privat mache ich mir selbstverständlich auch Gedanken. Man spürt ja, dass politische Verschiebungen Auswirkungen haben können – auf Gesprächskultur, auf Prioritäten, auf Gremien, auf Spielräume. Umso wichtiger ist es, dass die Fachwelt Haltung zeigt, sich vernetzt und dort, wo es möglich ist, klare Positionen bezieht.
Gleichzeitig gilt: Die Verwaltung arbeitet mit gewählten Stadträtinnen und Stadträten zusammen, und mit ihnen muss professionell gearbeitet werden. Gerade deshalb ist es wichtig, demokratische Verfahren nicht nur abstrakt zu verteidigen, sondern im Alltag zu praktizieren und zu erklären.
Kommen wir zum Themenjahr Ostmoderne. Was ist in Grünau geplant?
Rund um das Jubiläum „50 Jahre Grünau“ gibt es eine Reihe von Veranstaltungen. Viele Ämter und Netzwerkpartner beteiligen sich mit eigenen Formaten. Dazu kommen eine Städtebautagung, Filmprojekte und Netzwerkveranstaltungen. Besonders freue ich mich darauf, dass wir Anja Schumacher von Lacaton & Vassal zu Gast haben werden. Ihre Projekte zeigen eindrücklich, wie man mit Großwohnsiedlungen und Bestandsbauten so umgehen kann, dass sozialer Anspruch, gestalterische Qualität und Fragen der Gentrifizierung zusammen gedacht werden.
Außerdem starten wir in Grünau ein Forschungs- und Vermittlungsprojekt zu baugebundener Kunst der DDR. Dabei werden Anwohnerinnen und Anwohner ebenso einbezogen wie Kinder und Jugendliche vor Ort. Das passt sehr gut zum Themenjahr, weil es eben nicht nur um Rückschau geht, sondern auch um neue Zugänge und neue Formen der Vermittlung.
Was kann man von Grünau heute lernen?
Mich beeindruckt dort nach wie vor die Qualität der Freiräume. Die Trennung von Verkehrsflächen und großen Grünräumen, die Lage von Kitas und Schulen, die Erreichbarkeit für Kinder, die Kunst im öffentlichen Raum – vieles davon ist bemerkenswert. Natürlich muss man die Probleme solcher Großsiedlungen nicht romantisieren. Aber es wäre falsch, nur ihre Defizite zu sehen.
Gerade jetzt, wo wir wieder verstärkt über Verdichtung, bezahlbares Wohnen und lebenswer-te Nachbarschaften sprechen, lohnt es sich, diese Qualitäten neu zu betrachten. Grünau ist deshalb nicht nur ein Gegenstand der Erinnerung, sondern auch ein Möglichkeitsraum für gegenwärtige Debatten.
Nora Gitter geboren 1979 in Leipzig, arbeitete nach ihrem Architekturstudium an der HTWK Leipzig u.a. in einem Forschungsprojekt zur Siedlungsentwicklung sowie ab 2006 als freischaffende Architektin. Von 2013 bis 2022 war sie bei der Stadt Leipzig als Großprojektleiterin für Schulbau tätig; seit 2022 ist sie dort Koordinatorin für Baukultur.







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