Alles läuft langsamer ab

Wie reagieren Architekten auf die wirtschaftlichen Folgen von Corona? Sebastian Filla hat uns seine Situation geschildert. Gemeinsam mit Olaf Dittmers leitet er das kleine Büro Club Marginal Architekten in Berlin-Friedrichshain. Teil I einer Serie

Text: Redaktion

Sebastian Filla im Home-Office
Foto: Ina Filla

Sebastian Filla im Home-Office

Foto: Ina Filla


Alles läuft langsamer ab

Wie reagieren Architekten auf die wirtschaftlichen Folgen von Corona? Sebastian Filla hat uns seine Situation geschildert. Gemeinsam mit Olaf Dittmers leitet er das kleine Büro Club Marginal Architekten in Berlin-Friedrichshain. Teil I einer Serie

Text: Redaktion

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Euer Büro und Eure Arbeit?
Wir sind ein kleines Büro, haben vier Arbeitsplätze. Eine unserer studentischen Mitarbeiterinnen wollte letzte Woche ihr Auslandssemester antreten, auf das sie sich sehr gefreut hatte. Jetzt ist sie, wie wir alle, zuhause und hängt natürlich doppelt in der Luft. Wir versuchen sie zuhause mit Arbeit zu versorgen. Allgemein scheint plötzlich weniger Stress vorhanden zu sein. Alles läuft bedeutend langsamer ab, es kommen viel weniger E-Mails und Anrufe rein.
Welche Auswirkungen seht Ihr auf Eure Projekte?
Unsere derzeit größte Baustelle stand am Montag letzter Woche plötzlich still, weil die polnischen Mitarbeiter der Rohbaufirma es offensichtlich nicht mehr rechtzeitig über die Grenze geschafft haben. Dies hat sich zur Wochenmitte hin jedoch wieder normalisiert. Der Start einer weiteren Baustelle wurde an diesem Montag kurzfristig auf unbestimmt verschoben. Wir konnten nicht einfach eine umfangreiche Baustelleneinrichtung mit Kran und Gerüst aufbauen lassen ohne zu wissen, ob dann auch ohne größere Einschränkungen dort gearbeitet werden kann. Für unsere Bauherren war das finanzielle Risiko dabei zu groß, zumal auch noch nicht alle Genehmigungen dafür endgültig vorlagen, was normalerweise kein Problem dargestellt hätte. Wir konnten nun nicht mehr abschätzen, ob es hierbei innerhalb der Berliner Verwaltung zu Verzögerungen kommen würde.
Mit welchen Maßnahmen reagiert Ihr auf die Situation?
Wir sind alle im Homeoffice. Mir ist das vertraut, weil ich in den ersten Jahren meiner Selbständigkeit ausschließlich so gearbeitet habe. Allerdings hatte ich damals noch keine Kinder. Wir sind nun als Familie mit zwei Kindern ständig zuhause. Das verläuft zwar durchaus auch chaotisch, klappt aber sonst erstaunlich gut, alle kommen gut miteinander aus, obwohl es recht eng ist. Unsere Große macht zwischendurch auch Sachen für die Schule, die sie online zugespielt bekommt. Bei meiner Frau, die angestellt ist, ist Kurzarbeit angesagt. Über ihren Tag verteilen sich einige Videokonferenzen mit Kollegen oder Kunden. Jeder arbeitet immer eine Weile an unterschiedlichen Orten innerhalb der Wohnung. Wenn es dabei ruhig sein muss, übernimmt der jeweils andere die Kinder, die sich aber auch sehr gut selber beschäftigen können. Ansonsten ist es auch ein bisschen wie im Urlaub. Man kann mehr schlafen, kocht das gemeinsame Mittagessen, verbringt einfach die gesamte Zeit miteinander.
Wo seht Ihr die größten Schwierigkeiten in der aktuellen Situation? – oder seht Ihr auch Positives?
Unsere Auftragslage ist glücklicherweise recht stabil. Wir haben ausreichend Projekte, die in der Planungsphase sind, also gut von zuhause weiter bearbeitet werden können. Deswegen haben wir eigentlich keine Schwierigkeiten derzeit. Ich denke, die ganze Situation hat durchaus ihre positiven Seiten. Man hat jetzt mehr Zeit für die Familie, vielleicht auch um mal runter zu kommen, zu reflektieren. Man kann dadurch wieder etwas mehr zu sich selbst finden und auch bestimmte Dinge überdenken und daraus ableitend die notwendige Änderungen anschieben. Die Zeit zuvor war doch sehr anstrengend und insgesamt viel zu unruhig, wie man jetzt merkt. Wenn ich mir die Welt vor der Türe jetzt so anschaue, stelle ich fest, dass sich das gesamte öffentliche Leben hier in Kreuzberg stark verlangsamt hat. Es gibt keinen Stau mehr, die Gehwege sind viel sauberer und die wenigen Leute, die draußen sind, scheinen viel bedächtiger unterwegs zu sein. Dieser aggressive Grundtenor, dem man selber auch viel zu oft verfallen ist, scheint sich plötzlich aufgelöst zu haben.
Lässt sich aus diesen Erfahrungen für Eure Arbeit etwas lernen?
Man lernt ja ständig, jedenfalls sollte man es nicht aus den Augen verlieren, egal an welchem Punkt man sich wähnt. Vielleicht helfen einem diese Erfahrungen in späteren Stresssituationen, die es in unserem Beruf nun mal ständig gibt, zu ein wenig mehr Gelassenheit. Es wäre zumindest wünschenswert.
Welche Rolle haben „Nähe“ und „Distanz“ bislang in Euren Entwürfen gespielt – verändert Corona die Planung hinsichtlich „Nähe“ und „Distanz“?
Wir machen meistens Wohnungsbau. Dem Wohnen liegt etwas höchst Pragmatisches zu Grunde, wie ich finde. Aus dem was wir vorfinden, was der Kunde für ein Mensch ist und was er sich wünscht, entstehen unsere Entwürfe, die deshalb variieren dürfen und müssen, aber zu behaupten, das ein Virus unsere Arbeit beeinflussen könnte, soweit würde ich nicht gehen. Ich glaube, die Situation ist schon irgendwie eine Besondere, aber es ist auch noch längst keine echte Notlage, die sich einem tief ins Gedächtnis brennt oder ein Trauma auslöst. Jedenfalls empfinde ich es so. Das soll nicht heißen, dass nicht bereits Leute darunter leiden und es nicht doch noch zu größerer Not kommen könnte, auch hier bei uns. Warten wir es ab, es bleibt spannend.
Sebastian Filla


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