Bauwelt

Hutong 101 Photos

Text: Hamm, Oliver G., Berlin

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Hutong 101 Photos

Text: Hamm, Oliver G., Berlin

Als der 1954 in Shanghai geborene Fotograf Xu Yong durch die engen Gassen Pekings streifte – vom Sommer 1989 bis zum Frühling 1990 – war noch die gesamte Altstadt rund um die Verbotene Stadt durch die traditionellen, sich schier endlos aneinanderreihenden Wohnhöfe (Siheyuan) geprägt. Sein ursprünglich 1990 veröffentlichtes Buch mit 101 Duplex-Abbildungen erschien gerade noch rechtzeitig, bevor große Teile der historischen Wohnviertel in Chinas Hauptstadt einem radikalen Stadtumbauprozess zum Opfer fielen: Während selbst vor 35 Jahren noch auf rund einem Drittel der urbanen Fläche ausschließlich – teils mehrere Jahrhunderte alte – niedrige Wohnhöfe die Baustruktur prägten, wurden seit den 1990er-Jahren immer mehr Wohnhochhäuser und andere den Maßstab sprengende Bauten errichtet, die das Stadtbild sehr verändert haben. Insofern ist mit der verdienstvollen Neuauflage von „Hutong 101 Photos“ des Kerber Verlags das Buch zu etwas mutiert, was mit der Erstauflage noch gar nicht intendiert gewesen sein dürfte: zu einem Dokument einer längst vergangenen Epoche.
Die Bezeichnung Hutong sowohl für die traditionelle Bauweise – mit von vier niedrigen Ge-bäuden eingefassten Innenhöfen – in Peking als auch für die meist nur wenige Meter breiten, aber oft mehrere Hundert Meter langen Gassen, die das Altstadtgefüge Pekings von Nord nach Süd und von Ost nach West durchziehen, ist vom mongolischen Wort gudum (für eine Wasserstelle) abgeleitet. Xu Yong war offensichtlich vor allem am öffentlichen Raum – also an den Gassen – und an Baudetails wie den individuell gestalteten Eingängen der Wohnhöfe interessiert, aber gar nicht an den Bewohnern. Die Fotostrecke im sprunghafen Wechsel der Jahreszeiten und mit spärlichen Bildunterschriften, die lediglich die Bezeichnung des jeweiligen Hutong nennen, wurde von He Hao, Professor der Central Academy of Fine Arts in Peking, gestaltet. Mal öffnet sich der Blick auf einen größeren Abschnitt einer Gasse, mal fokussiert er ein Tonziegeldach, ein Tor (teils auch nur dessen Schwelle) oder ein Detail einer kunstvollen Mauerverzierung; ein Großteil der Siheyuan ist allerdings weitgehend schmucklos und wird durch oft unverputztes Ziegelmauerwerk geprägt. Nur selten entfaltet sich mal das volle Panorama eines allseitig umbauten Innenhofs, und erst die 43. Abbildung – ein Blick von oben auf den Xiangchuan Hutong – offenbart die Enge der Gassen und Höfe in dem „Dächermeer“ der von der Verbotenen Stadt weiter entfernten, daher nicht privilegierten und überwiegend von Handwerkern und einfachen Arbeitern bewohnten Stadtviertel. Vereinzelt sind Spuren des menschlichen Alltags zu sehen: Fahrräder, zum Trocknen aufgehängte Wäsche, ein paar Gerätschaften und vereinzelt auch mal Schriftzeichen (große Werbebanner, wie sie heute bei den oft auf den Tourismus ausgerichteten erhaltenen Resten der Pekinger Hutongs allgegenwärtig sind, waren vor 35 Jahren noch kein Thema). Spät, bei der 86. Abbildung („Gongbei Hutong“), rückt im Hintergrund ein noch im Bau befindliches Wohnhochhaus bedrohlich nahe an die betagte Bausubstanz. Und auf der letzten Aufnahme ist sogar eine Gruppe von Menschen zu sehen, deren skeptischer Blick – wohl auch angesichts eines nahen Hochhauses im Hintergrund – eine ungewisse Zukunft verheißt. Das traditionelle Leben in Hutongs, dem Xu Yong mit seinen Fotos seine Referenz erwies, hat keine Zukunft mehr.
Fakten
Autor / Herausgeber Xu Yong
Verlag Kerber Verlag, Bielefeld, 2024
aus Bauwelt 7.2026
Artikel als pdf

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