Aus den Augen, aus dem Sinn
Die Ausstellung im Museum Ostwall im Dortmunder U macht die globalen Wege der Abfallwirtschaft sichtbar
Text: Am Ende, Hannah, Köln
Aus den Augen, aus dem Sinn
Die Ausstellung im Museum Ostwall im Dortmunder U macht die globalen Wege der Abfallwirtschaft sichtbar
Text: Am Ende, Hannah, Köln
Die Wegwerflust unserer Gesellschaft ist ein bekanntes Problem. Der Gang zur Tonne ist dabei nur vermeintlich die Endstation. Die Reise, die dem Unrat nach dem Loswerden bevorsteht, wird gerne ausgeblendet. Müll ist global. Seine weltweiten Routen bringen ein Abhängigkeitsverhältnis sowie ökologische Folgen mit sich. Die Sonderausstellung im Museum Ostwall im Dortmunder U, kuratiert von Christina Danick und Michael Griff, ruft die Zusammenhänge ins Bewusstsein.
Unter den 50 Arbeiten ist ein Siebdruck der „Situation Schackstraße“ von HA Schult als erste umweltbezogene Kunstaktion in Deutschland von 1969 zu finden. Als politisches Zeichen gegen die zunehmende Konsumgesellschaft und die Umweltverschmutzung flutete er die sonst sehr saubere Straße in München mit zwei Tonnen Hausmüll. Die radikale Störung zwang Passanten zum durch den Müll zu waten und Schult wurde verhaftet. Die Arbeit trifft durch die Kuration in der Ausstellung auf multimedial aufbereitete Hintergrundinformationen zu den Routen des Mülls, die bis heute existierende koloniale Strukturen aufweisen und Erklärvideos vom Umweltaktivisten Peter Emorinken-Donatus, dem Historiker Roman Köster und der Umweltpädagogin Eva Rost. Die von oben und die von unten lässt sich die raumgreifende Installation von Kader Attia übersetzen: „Los de Arriba y Los de Abajo“. Die Metallkonstruktion suggeriert einen schmalen Gang, begrenzt durch geschlossene Ladenfronten. Die Gitter über dem Kopf sind dabei von Müll bedeckt und versperren den Blick. Der Künstler bezieht sich mit der 2015 entstandenen Arbeit auf eine Situation im Westjordanland, wo die israelischen Siedler ihren Müll auf die palästinensischen Einwohnerinnen und Einwohner fallen lassen. Die realen Proportionen wirken in ihrer Enge beklemmend.
Die aus Elektroschrott bestehende Installation TC-2000 von Akwasi Bediako Afrane referenziert eine futuristische Stadt aus dem Science-Fiction-Manga Battle Angel Alita. Auf vier umgebenden Sesseln kann man mittels VR-Brille direkt in die Stadt eintauchen und das Machtverhältnis von Ober- und Unterstadt ähnlich wie bei Kader Attia erleben. Sie ist eine der beiden Auftragsarbeiten für die Ausstellung. Die andere, „Obsolete Swing“ von Ana Alenso, thematisiert gesellschaftliche Ungleichheiten anhand der Zirkulation von Edelmetallen und seltenen Erden. Sowohl die Minen zum Abbau als auch die Deponien, auf denen alte Geräte auseinandergenommen werden, liegen oft in Ländern des Globalen Süden. Die Künstlerin recherchierte für ihr Werk, was mit den Orten geschieht, wenn sie ausgeschöpft und ökologisch stark belastet sind. Die Antwort fand sich in der Umwidmung von Deponien zu Golfplätzen. Den absurden Kontrast von Luxus und lebensbedrohlicher Arbeit verarbeitet sie in einer bewegten Installation. Sie ist Teil der 2022 von Ana Alenso begonnenen Serie „Mad Rush Extended“, die auch in Zukunft noch weitergeführt werden soll.
Die täglich entstehenden 3,5 Millionen Tonnen lösen sich nicht auf, sondern haben unweigerlichen Einfluss auf die Umwelt. Das Klimabündnis Dortmund gestaltet abschließend einen Bereich der Schau, schafft Anregungen zum notwendigen Aktivismus für eine gerechte globale Abfallwirtschaft. Wer aufmerksam durch die Räume des Dortmunder U geht, wird nicht nur den Müll aus neuen Blinkwinkeln betrachten, sondern sich auch fragen, welche großen Auswirkungen die nächste, scheinbar kleine Anschaffung dann doch hat.







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