Bauhausfrauen

Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig


Bauhausfrauen

Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Auch die 1925 gegründete Neue Sammlung in München, Pinakothek der Moderne, steuert einen Beitrag zum 100jährigen Jubiläum der Bauhausgründung bei. Dort werden bis Anfang 2020 in einer Rauminstallation des Berliner Künstlerkurators Tilo Schulz 40 Bauhausobjekte aus dem eigenen Fundus gezeigt. Darunter ist eine frühe Version der Wagenfeld-Tischleuchte, sie stammt aus dem Nachlass von Florence Henri. Die polyglotte, 1893 in New York Geborene studierte in Europa Musik sowie Kunst und verbrachte 1927 ein für ihren weiteren künstlerischen Lebensweg prägendes Gastsemester am Bauhaus Des­sau. Dort fand sie zur Fotografie, angeregt durch László Moholy-Nagy und seine Frau, die Fotografin Lucia Moholy, aber wohl auch die lichtbildnerischen Experimente und Collagen der Metallgestalterin Marianne Brandt. Henris häufig mit Spiegeleffekten operierende Porträts und ins­zenierte Objektfotografien sind zwischen dem sachlichen „Neuen Sehen“ der Weimarer Republik und einem pointierten Surrealismus ihrer Wahlheimat Paris anzusiedeln.
In dem Buch „Bauhausfrauen“ ist sie eine der 21 Protagonistinnen, denen die Au­torin Ulrike Müller ein eigenes Porträt widmet. Weitere sind, nach künstlerischen Disziplinen gegliedert, bekannte Bauhäuslerinnen, etwa Gunta Stölzl, Benita Otte oder Anni Albers aus der Weberei und Multitalente wie die österreichische Innenraumgestalterin Friedl Dicker. Auch die resolute Lilly Reich, die unter dem Direktorat Mies van der Rohes ab 1931 die gesamte Ausbauabteilung leitete, ist in ihrer nicht unumstrittenen Ausrichtung ausschließlich auf die Industrieproduk­tion gewürdigt. In der Textilwerkstatt wurden Web- und Druckmuster entworfen, Experimente als „Spielerei“ abgetan, eine systematische Material-forschung wie unter ihrer Vorgängerin Anni Albers unterblieb. Diese hatte in der Ära Hannes Meyer innovative schallabsorbierende und lichtreflektierende Spannstoffe für die Aula der ADGB-Schule entwickelt. Besonderes Augenmerk legt Müller auf die (autodidaktisch angeeignete) Fotografie, sie wurde erst 1929 offiziell im Lehrplan verankert. Neben der Weberei war sie das Betätigungsfeld der Frauen, das neuartige Medium war zudem nicht durch eine lange, männlich dominierte Kunstgeschichte belastet. Florence Henri, Ré Soupault oder Lucia Moholy sind prominente Vertreterinnen, aber auch Ise Gropius, die als Chronistin des Bauhauses mitunter zur Kamera griff.
Das Verdienst des Buches, das in erster Auflage zum 90jährigen Bauhaus-Jubiläum erschien, ist es, auf die lang verdrängte Geschichte der vielen Frauen am Bauhaus aufmerksam zu machen. Sie waren zu Beginn sogar in der Mehrzahl. Ihren Studienbeginn in Weimar sieht Müller als histo­rischen Paukenschlag, zeitgleich mit dem allgemeinen Wahlrecht und dem Einzug von 37 weib­li­chen Abgeordneten ins deutsche Parlament. Dass die Zahl der Studentinnen am Bauhaus sukzessive sank, hat mit Gropius’ harschem Durchgreifen und ihrem Zurückdrängen in eine „Frauenklasse“, die Weberei, zu tun. Vielleicht aber auch, wie Magdalena Droste im Absatz ihres Buches zur Neuausrichtung des Bauhauses ab 1927 vermutet, mit der verstärkten Konzentration auf die Architektur und die körperlich fordernde, großformatige Modellarbeit für die Industrie. Zum Ende, 1932/33, studierten nur noch 25 Frauen mit 90 Männern am Bauhaus. Unter den Bauhauslehrkräften – laut Müller 45 in Weimar, 35 in Dessau – waren jeweils sechs Frauen. Gunta Stölzl und Marianne Brandt gaben ihre Leitungsposten in Dessau auf, zermürbt nach persönlichen Anfeindungen und Intrigen. In Berlin stand dann Lilly Reich als einzige Frau zwölf Kollegen gegenüber. Emanzipationsgeschichtlich fällt die Bilanz des Bauhauses ernüchternd aus, die Marginalisierung ihrer Beiträge in der einseitigen Rezeptionsgeschichte haben viele Bauhäuslerinnen als persönlichen Affront beklagt. Dieser blinde Fleck der Kunsthistorie verschenkt bis heute ein gewichtiges Moment der Moderne.
Leider ist das thematisch so ambitionierte Buch trotz zehnjähriger Revisionsspanne recht nachlässig produziert. Nicht nur einzelne Namen und Daten sind falsch wiedergegeben, eine Lektoratsnotiz („Fehler“) wurde wohl nicht korrigiert, Abbildungen sind doppelt, Zitate ohne Quellenangabe verwendet. Und das Personenregister greift nicht auf alle Textstellen zu.
Fakten
Autor / Herausgeber Von Ulrike Müller
Verlag Elisabeth Sandmann Verlag, München 2019
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aus Bauwelt 10.2019
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