Bauwelt

Architekturen des Überlebens

Text: Peschke, Marc, Wiesbaden

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Architekturen des Überlebens

Text: Peschke, Marc, Wiesbaden

Im Jüdischen Museum Frankfurt war 2024 die Schau „Architekturen des Überlebens“ von Natalia Romik zu sehen, die sich gleichermaßen Geschichte, Kunst und Forensik widmete. Sie verstand sich auch als eine „Hommage“ an die Verstecke von polnischen Jüdinnen und Juden während der Schoa.
Auch der bei Hatje Cantz erschienene Katalog zur Ausstellung zeigt diese Architekturen des Überlebens. Verstecke in Baumhöhlen, Wandschränken, Kellern, Kanalisationsschächten oder leeren Gräbern: prekäre Orte allesamt, die doch für eine gewisse Zeit Schutz gewährten und ein Überleben möglich machten.
Ausstellung und Buch sind das Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts der polnischen Künstlerin, Architektin und Historikerin Natalia Romik. In der Schau zu sehen waren Kunstwerke, Skulpturen, dokumentarische Filme, forensische Aufnahmen, authentische Fundstücke aus den Verstecken, hinzu kamen Aufnahmen von Interviews mit Überlebenden und Hinterbliebenen.
So diente etwa der Stamm einer riesigen Eiche als Zufluchtsort für die beiden jüdischen Brüdern Dawid und Paul Denholz. Noch heute steht die „Josefseiche“ im Park des Schlosses von Wiśniowa im Karpatenvorland. 2019 wurde die Eiche von Natalia Romik untersucht, die durch die Bevölkerung vor Ort vom dem Versteck erfahren hatte. Im Stamm entdeckte sie noch Spuren aus der Zeit des Verstecks: Holzstufen im Inneren. Die beiden Brüder konnten 1942 aus dem Konzentrationslager Plaszow in Krakau fliehen und hatten verschiedene Verstecke in Wäldern und auch auf Bauernhöfen.
Teil der Ausstellung war etwa ein Kunstharz-Abguss eines Teils der Josefseiche – mehrere solcher Abgüsse von Verstecken hat Romik zu symbolhaft-paradoxen Skulpturen entwickelt, die allesamt unterschiedliche Oberflächen haben, eine helle, versilberte, kostbare sowie eine dunkle, raue Seite.
Weiterhin war ein großer Holzschrank zu sehen, in dessen Inneren sich Kinderzeichnungen befinden. Auch dieser Schrank diente als Schutzraum vor Verfolgung und Tod in den Konzentrations- und Vernichtungslagern und wird neben den anderen Verstecken (wie der Gipshöhle Verteba in der heutigen Ukraine) im Katalogbuch vorgestellt. Im Buch finden wir umfassende thematische Essays sowie Gespräche – und Fotografien jener engen, düsteren „Architekturen des Überlebens“, jener unsichtbaren Orte, denen wir nun gewahr werden können.
In einem einführenden Text erinnert die Frankfurter Museumsdirektorin Mirjam Wenzel an das Versteck der Familie von Anne Frank in einem Amsterdamer Hinterhaus, an das Leben des Mädchens auf wenigen Quadratmetern – ein Leben in permanenter Gefahr, an einen Alltag unter maximalen Einschränkungen.
Die hier dargestellten Zufluchtsstätten erzählen von Enge, Feuchtigkeit, von Beklemmung. Ein ganz ungewöhnliches, interdisziplinäres Projekt, eine „künstlerische Teilrekonstruktion“, die – zu einem Buch verdichtet – enorm viel Informationenbereit hält, aber auch als eine ganz gegenwärtige, aktuelle Hinwendung an Menschen auf der Flucht zu verstehen ist.
Fakten
Autor / Herausgeber Natalia Romik
Verlag Hatje Cantz. Berlin 2024

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