Verlernen als kritische Praxis

Wir haben fünf akademische Initiativen, die sich gegen Diskriminierung engagieren, um Statements gebeten. Hier: der Chair of Unlearning an der TU München

Text: Spatz, Elena Mercedes, München

    Foto: Kéan Koschany

    Foto: Kéan Koschany

    Neun Forderungen an die Architektur von Chair of Unlearning
    Abb.: Chair of Unlearning

    Neun Forderungen an die Architektur von Chair of Unlearning

    Abb.: Chair of Unlearning

Verlernen als kritische Praxis

Wir haben fünf akademische Initiativen, die sich gegen Diskriminierung engagieren, um Statements gebeten. Hier: der Chair of Unlearning an der TU München

Text: Spatz, Elena Mercedes, München

Was hast Du in Deiner Architektur- oder Designausbildung über Rassismus gelernt? Wir lernen im Studium, Raum als etwas Abstraktes und Konkretes, Wandelbares und Resilientes, Begrenztes und Wachsendes zu verstehen. Wir lernen allerdings nicht, wie dieser Raum im europäischen Kontext von rassistischen Unterdrückungsmustern als unsichtbares Grundgerüst in der gebauten Umwelt geprägt ist: Wie Cruz Garcia und Nathalie Frankowski in „A Manual of Anti-Racist Architecture Education“ beschreiben, war Architektur maßgeblich an der Errichtung und Zementierung des Siedlerkolonialismus und der Etablierung von extraktiven, entwürdigenden und machtausübenden Infrastrukturen beteiligt. Wie sollen wir Räume inklusiv gestalten, wenn diese Verantwortung des Architekturschaffenden verschwiegen wird? Wie können Vorlesungen zu Werkstoffen die neoko­loniale Ressourcenausbeutung im Globalen Süden ausblenden? Sollten Urbanistikvorlesungen nicht die räumliche Segregation durch race und classim Stadtraum thematisieren und Theorievorlesungen diese Konstrukte nicht auch auf die Universität beziehen, um anschaulich zu machen, wie elitäre Strukturen Menschen ausschließen?
Es mag manchen enttäuschen, dass Architektur nicht bei der formalen Gestaltung, Materialität und Konstruktion endet, sondern sich in einem politischen Raum befindet, aus welchem Lehre und Praxis sich immer wieder ungesehen zu entziehen versuchen. Als Architekturschaffende befinden wir uns ohne Auseinandersetzung mit institutionellem Rassismus grundsätzlich in einem vorgeblich unpolitischen Zustand, der Gefahren birgt. Wie können wir verhindern, Rassismus, Klassismus und Sexismus in der Praxis zu reproduzieren?
Wenn wir in Vorlesungen ausschließlich über den Erfahrungshorizont weißer,1 männlicher Architekten lernen, eurozentrische Projekte als Musterbeispiele für das gute Bauen glorifizieren oder koloniale Referenzen nicht kontextualisieren, fehlt es am Eingeständnis, dass Architektur die­se Machtstrukturen in der gebauten Realität manifestiert. Wenn Architektur dazu beiträgt, eine Norm ins Physische zu übersetzen, etabliert es Sichtbarkeit für alle, die nicht dieser Norm entsprechen. „So funktioniert Privileg: Privilegien sind unsichtbar für diejenigen, die sie innehalten“.2 Die Universität hat die Verantwortung, diesen „blinden Fleck“ sichtbar zu machen. Lehre heißt nicht nur lernen, sondern auch verlernen. Der Prozess des Unlearnings bedeutet das Anerkennen intersektionaler 3 Diskriminierungsformen und das aktive Verlernen von internalisiertem Rassismus sowie Hetero- und Cis-Normativität.4
Es gehört zur Verantwortung der Universität, Zulassungsverfahren, Lehrinhalte und Räume der Wissensproduktion auf ihre Zugänglichkeit und Diskriminierungsfreiheit zu überprüfen. Wir fordern eine kontinuierliche Förderung von Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen und die Schaffung paritätischer Räume, sich genau über diese Erfahrungen auszutauschen. Die Universität ist der Ort, an welchem wir gewaltfreie Kommunikation lernen und etablieren können. Wir wünschen uns einesolidarische Fehlerkultur, welche Studierende und Mitarbeitende ermutigt, das Eingestehen von Fehlverhalten einzufordern. Hierfür ist ein Verhaltenskodex hilfreich, welcher eine Nulltoleranz gegenüber Diskriminierungen festlegt und die Universität zur Selbstkontrolle verpflichtet. Als Studierende haben wir das Privileg und die Macht laut zu werden.
Chair of Unlearning | SOFT:
Der Chair of Unlearning ist der erste studentisch geleitete Lehrstuhl an der TU München und Teil des intersektional-feministischen Kollektivs SOFT – School of Transformation, welches von Architekturstudierenden gegründet wurde. Hervorgegangen aus der Interventionsklasse von Prof. Boucsein und Matthias Faul, leitet Chair of Unlearning mittlerweile das Seminar „Empowering students positions. Wie könnte eine Lehre für alle aussehen?“. Ihr Ziel ist es, die Überschneidung zwischen Architektur und Diskriminierungsformen sichtbar zu machen und die studentische Perspektive an der Universität zu stärken.
1 „Weiß bezeichnet ebenso wie ‚Schwarzsein‘ keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt.“ Amnesty International, 2017: Glossar für diskriminierungssensible Sprache
2 Griselda Flesler, Anja Neidhardt, Maya Ober: Not a Toolkit. A Conversation on the Discomfort of Feminist Design Pedagogy, in: Claudia Mareis, Nina Paim: Design Struggles. Intersecting histories, pedagogies, and perspectives. Amsterdam 2021, S. 214
3 Der Begriff „Intersektionalität“ wurde von der Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt. Er verdeutlicht durch das Sinnbild einer Straßenkreuzung, dass Menschen von mehreren Diskriminierungen gleichzeitig betroffen sein können, welche sich in ihrer Wirkung überlagern.
4 „Cisgeschlechtlich ist eine Bezeichnung für Menschen, deren soziale Geschlechtsidentität mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei ihrer Geburt anhand der Genitalien zugeschrieben wurde.“ Bundeszentrale für politische Bildung.

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