Im Jahnwald von Marl-Hüls

Die Stadt Marl plant, ein über ihre Grenzen hinaus strahlendes Ensemble einer Neubausiedlung zu opfern. Vom Zersiedelungswahn bedroht ist nicht nur ein Wald, der unter stadtklimatischen Aspekten wie als Naherholungsgebiet bedeutsam ist, bedroht sind auch ein verträumtes Jugendstilhaus, das einer neuen Nutzung harrt, und ein denkmalwürdiger Sportbau. Die Stadt Marl muss endlich aufwachen! Ein Weckruf vom Deutschen Werkbund.

Text: Thielemann, Ursula, Recklinghausen

Zum Ensemble, das geschützt werden muss, gehört auch eine Tribüne mit Pylonen-ge­stützter Überdachung, die Mitte der 1960er Jahre von Aribert Riege errichtet wurde.

Foto: Juliane Rückriem

Zum Ensemble, das geschützt werden muss, gehört auch eine Tribüne mit Pylonen-ge­stützter Überdachung, die Mitte der 1960er Jahre von Aribert Riege errichtet wurde.

Foto: Juliane Rückriem


Im Jahnwald von Marl-Hüls

Die Stadt Marl plant, ein über ihre Grenzen hinaus strahlendes Ensemble einer Neubausiedlung zu opfern. Vom Zersiedelungswahn bedroht ist nicht nur ein Wald, der unter stadtklimatischen Aspekten wie als Naherholungsgebiet bedeutsam ist, bedroht sind auch ein verträumtes Jugendstilhaus, das einer neuen Nutzung harrt, und ein denkmalwürdiger Sportbau. Die Stadt Marl muss endlich aufwachen! Ein Weckruf vom Deutschen Werkbund.

Text: Thielemann, Ursula, Recklinghausen

Vor über 100 Jahren entwickelte sich aus dem Dorf namens Marl eine Indus­triestadt im nördlichen Ruhrgebiet. Nichts ging ohne Stadtplanung. Vorausschauend gedacht, begann die Industrialisierung von Marl neben und mit dem Jahnwald, der bis heute wesentlich zur natürlichen Belüftung des Stadtteils Marl-Hüls beiträgt. Dieser Wald soll nun einer Wohnbebauung für „Besserverdienende“ ohne Not geopfert werden. Der Wald besteht zu 65 Prozent aus Buchen, die, wenn sie durch eine Teilrodung der Sonne schutzlos ausgeliefert wären, unweigerlich zugrunde gingen. Zudem gibt es andere Baumarten in diesem Mischwald, die mittlerweile rund 30 Meter in den Himmel ragen.
„Allein diese äußerst hohe ökologische Bedeutung alter Buchenwälder ist heute in Fachkreisen unbestritten“, so Peter Schmidt von der Bürger­initiative Jahnwald, die seit vier Jahren aktiv ist. Der Wald ist unter den Koordinaten 51° 39ʼ39” N 7° 08ʼ10” E Gelände über Google Earth zu finden. Das Ausmaß der Fläche ist gut zu erkennen. Der RVR (Regionalverband Ruhr) hat in einer Studie festgestellt, dass die Stadt Marl dem Klimawan­-del Vorschub leistet – sie ist ein Hotspot des Klimabarometers im Vergleich zu umliegenden Städten. Sollte der Wald verschwinden, würde ein nicht unerheblicher ökologischer Schaden entstehen. Schon aus Klimaschutzgründen verbietet sich die Zerstörung solch einer grünen Oase. Diese etwa vier Hektar Wald werden von den Bürgern auch zur Naherholung genutzt. Sie sollten daher als Schatz begriffen werden. Stadtwälder sind Temperaturregler und dienen als effektiver Filter für Schadstoffe. Noch trotzt der Wald – mittlerweile ohne Pflege – möglichen Schäden.
Die Stadt Marl hat aber noch weitere Rohdiamanten an diesem Ort, im Moment in Patina gehüllt, welche von den städtischen Entscheidungsträgern offenbar nicht erkannt werden. Im Wald schlummert ein Jugendstilhaus, das sehr passend als Waldkindergarten Nutzung finden könnte. Und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Jahnstadion für Fußball und Leichtathletik gebaut. Mitte der sechziger Jahre bekam das Stadion eine architektonisch interessante, überdachte Zuschauer-Tribüne, die bis heute Signalwirkung hat. Die Tribüne besteht aus einer Pylonen-gestützten, über 66 Meter langen und 10 Meter breiten Stahlrahmenkonstruktion zur Sitzplatzüberdachung, die von dem Architekten Aribert Riege speziell für diese Situation entwickelt wurde. Die Höhe der Pylonen beträgt beachtliche 32 Meter. Steht man vor dem Bauwerk, erkennt man sofort die Eleganz der Konstruktion – die Formgebung ist pure Zeitgeschichte und muss erhalten bleiben. Der Wald, das Jugendstilhaus und dieses Stadion sollten Kostbarkeiten sein für die Stadt.
Die Bürger und Bürgerinnen wissen das. Die verantwortlichen Stadtbeauftragten, die ja eigentlich ihre Vertreter sein sollten, aber sehen offen­bar lediglich den kurzfristigen finanziellen Aspekt. Warum die Stadt Marl so vehement ihr Ziel verfolgt, diesen Zusammenklang von Natur und Architektur zu zerstören, ist angesichts des Klimawandels und der Notwendigkeit, Ressourcen zu schonen, vollkommen unverständlich und kann nicht akzeptiert werden. Aus diesen Gründen hat sich der Deutsche Werkbund Nordrhein-Westfalen entschlossen, das „Unternehmen Jahnwald-Marl“ in Angriff zu nehmen. Rohdiamanten wie diese fallen in den letzten Jahren auffällig gehäuft dem längst unzeitgemäßen Bauwahn zum Op­fer. Wird der Jahnwald ein weiteres Beispiel einer unbedachten Zerstörung?
Gerade unter den aktuellen Lebensbedingungen mit Corona wird sich die Stadt für die Zukunft wappnen und an vielen Stellen umdenken müssen. Unsere Gesellschaft steckt strukturell im Umbruch und muss endlich auch entsprechend handeln. So wie bisher wird sich die Stadt nicht mehr weiter entwickeln können. Nicht umsonst kam es vor kurzem zum Aufruf von der Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen, „Das neue europäische Bauhaus“ mit Ideen zu entwickeln, wie Stadt zukünftig funktionieren kann. Roland Günter, Mitglied des DWB, hat ein Gutachten erstellt und damit die Weichen gestellt, diesen Teil der „Perle der Ruhr-Region“ in die Denkmalliste aufzunehmen. Noch ist Zeit, eine zukunftsträchtigere Entwicklung in die Wege zu leiten.

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