Global Player zwischen den Kiezen

Der Leiter der Baugenehmigungsbehörde Friedrichshain-Kreuzberg über die Geschichte eines der höchsten Bürotürme Berlins, dessen Entwurf niemand befürwortete, und der nun trotzdem so gebaut wird.

Text: Schildknecht, Jan, Berlin

Zwischen der East Side Mall mit 25.000 Quadratmeter Verkaufsfläche (links) und dem S-Bahnhof WarschauerStraße soll der EDGE-Turm 140 Meter in die Höhe wachsen.
Rendering: EDGE Techno­logies

Zwischen der East Side Mall mit 25.000 Quadratmeter Verkaufsfläche (links) und dem S-Bahnhof WarschauerStraße soll der EDGE-Turm 140 Meter in die Höhe wachsen.

Rendering: EDGE Techno­logies


Global Player zwischen den Kiezen

Der Leiter der Baugenehmigungsbehörde Friedrichshain-Kreuzberg über die Geschichte eines der höchsten Bürotürme Berlins, dessen Entwurf niemand befürwortete, und der nun trotzdem so gebaut wird.

Text: Schildknecht, Jan, Berlin

Es geht voran in Berlin. In Zeiten niedriger Zinsen, wachsender Einwohnerzahl und steigender Wirtschaftsleistung haben Investoren in den letzten Jahren freie Grundstücke für sich entdeckt, die vorher jahrelang niemand bebauen wollte. So auch auf dem Areal des ehemaligen Ostgüterbahnhofs – zentral gelegen, zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Das war nicht immer so. Vor gut 15 Jahren waren die Vorzeichen genau umgekehrt. Damals hatte der US-Milliardär Philip Anschutz – in weiser Voraussicht – das gesamte Areal gekauft, um es zu einem illustren Quartier mit viel Entertainment, Kommerz und Büros zu entwickeln. Das Herzstück, die ehemalige O2- und heutige Mercedes-Benz-Arena, wurde als Halle für Großveranstaltungen auch vom Land Berlin herbeigesehnt. Um sie zu bekommen und das Quartier entwickeln zu können, kam Berlin dem Investor damals sehr weit entgegen. Ein städtebaulicher Wettbewerb mündete 2004 in einen Bebauungsplan, der auf dem Areal jede Menge Bruttogeschossfläche vorsieht, darunter sechs Hochhaus-Standorte. Inzwischen sind große Teile dieses B-Plans realisiert. Von den sechs Hochhäusern sind fünf im Bau. Das „EDGE East Side“-Hochhaus an der weithin sichtbaren Nordost-Ecke des Areals soll das höchste von ihnen werden und wird mit knapp 140 Metern das derzeit dritthöchste Hochhaus in Berlin sein. Nur der Estrel-Turm in Neukölln (176 Meter) und das Hochhaus von Frank Gehry am Alexanderplatz (150 Meter) sind höher geplant.
Das Grundstück wechselte mehrmals den Eigentümer. Schließlich begann OVG EDGE Technologies – die das Bauvorhaben inzwischen schon wieder an eine Joint Venture weiterverkauft haben – mit der Realisierung. Es gibt einen städtebaulichen Vertrag, der den Eigentümer zur Durchführung eines Architektenwettbewerbs verpflichtet – jedoch ohne Festlegung der Verfahrensart. Senat und Bezirk wurden zu einer Art Workshop-Verfahren hinzugeladen, in dem nur drei Architekturbüros eingeladen waren. Diesen wurde nicht mehr als eine Woche Bearbeitungszeit für den Entwurf dieses stadtbildprägenden Hochhauses eingeräumt. Die Jury war mehrheitlich mit Bauherrenvertretern besetzt. Im Rückblick betrachtet wäre es besser gewesen, wenn wir uns als Kommune auf ein solches Verfahren gar nicht erst eingelassen und einen Wettbewerb nach der Richtlinie für Planungswettbewerbe gefordert hätten, welcher der städtebaulichen Bedeutung angemessen gewesen wäre. Immerhin gab es in der Jurysitzung eine gewisse Erleichterung darüber, dass zumindest einer der Beiträge überzeugte. Der Wettbewerbsentwurf von BIG zeichnete sich durch eine kieztypische Lebendigkeit aus und fragmentierte die Baumasse geschickt im Wechsel mit verglasten Lufträumen, sodass eine optische Maßstäblichkeit entstand, die mit der umgebenden Bebauung eine Verbindung suchte.
Der Bauherr hielt es jedoch nicht für nötig, den Wettbewerbsentwurf auch zu realisieren. Ein Teil der überbaubaren Fläche fiel weg, weil die gemeinsame Sockelzone mit der benachbarten East Side Mall daran scheiterte, dass die Zeitpläne der Projekte auseinanderliefen. Daraufhin strich der Bauherr kurzerhand die Lufträume und wartete mit einem strukturell und gestalterisch völlig neuen Entwurf von BIG auf (diesmal ohne Legitimation durch einen Wettbewerb), den er als Bauantrag einreichte. Dieser neue Entwurf aber verströmt so viel Charme wie ein gepixelter Lockenwickler. Der Sockel wirkt entblößt, die darüber hängenden Fassaden überdimensioniert und trotz ihrer potenziellen Aufgeregtheit letztendlich ba­nal. Das Treppenmotiv kennt man aus dem Portfolio des Büros und würde auch in der Silhouette von Toronto oder Shenzhen nicht weiter auffallen. Aber passt es auch zu Berlin?
Statt auf den Ursprungsentwurf zu pochen, dessen Grundfläche nun kleiner war, vertrauten Senat und Bezirk nun darauf, die Architekturqua­lität durch Beratung im Berliner Gestaltungsbeirat, dem Baukollegium, sicherstellen zu können. In der vierten Sitzung Ende September kam es jedoch zum Eklat: Das Baukollegium bemängelte wiederholt fehlende Detailqualität, bescheinigte dem Projektteam eine gewisse Beratungsresistenz und distanzierte sich ausdrücklich von dem Entwurf. Der erneute Vorstoß des Bezirks, das Wettbewerbsverfahren nun mit dem geänderten Grundstück neu aufzurollen, ließ sich rechtlich nicht durchhalten, da mittlerweile zu viele Vorleistungen und Mitwirkungen erbracht waren.
Leider zeigte sich bei diesem Projekt in exemplarischer Weise, dass die Einforderung von Baukultur im Baugenehmigungsverfahren rechtlich kaummöglich ist. Weder das negative Votum des Gestaltungsbeirats, noch die Missachtung des Wettbewerbsergebnisses bzw. Einhaltung des städtebaulichen Vertrags, noch Architekturqualität im Allgemeinen sind Bestandteil einer Bauantragsprüfung. Dort gilt – solange keine Verunstaltung vorliegt – das Postulat der Baufreiheit, abgeleitet aus Art. 14 des Grundgesetzes. Die baukulturelle Qualität bleibt ungeprüft und letzten Endes der Immobilienökonomie überlassen. Beim EDGE-Hochhaus waren die öffentlich-rechtlichen Anforderungen und die Vorgaben des B-Plans eingehalten. Somit war die Baugenehmigung – zähneknirschend – zu erteilen.
Bezirksstadtrat Florian Schmidt bewirkte noch in mehreren Gesprächenmit den Bauherren, dass in den Sockelgeschossen Flächen für kieznahe Organisationen zu gedämpften Mietpreisen bereitgehalten werden sollen. Die Obergeschosse bezieht als Hauptmieter Amazon mit 3500 IT-Mitarbeitern. In die Wirtschaftsstruktur passt es – die Fachkräfte sitzen bereits vor Ort, sei es nebenan bei Zalando, oder bei den zahlreichen Start-up-Firmen. Für die Wirtschaftsförderung mag der Hochhausentwurf eine gute Nachricht sein. Für das Stadtbild ist er eine Zumutung.
Immerhin gab dieses Projekt den Anstoß für konkrete Überlegungen bei Bezirk und Senat, ob in Berlin eine neue Rechtsgrundlage zur Förderung und Sicherstellung von Architekturqualität geschaffen werden kann. Dies müsste eine Voraussetzung für die Erteilung einer Baugenehmigung sein! Die Niederlande, die Schweiz oder Dänemark sind hier weiter. Eine solche Regelung wird schon lange vermisst und wäre ein Meilenstein, um nicht die Kosten, sondern das Maß an Baukultur signifikant zu erhöhen.
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Jan Schildknecht ist seit Oktober 2016 Leiter der Bauaufsicht im Stadtentwicklungsamt Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin. Von 2012 bis 2016 war er als Referent im Bundesbauministerium und im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung tätig.
Fakten
Architekten BIG Bjarke Ingels Group, Kopenhagen/London/Barcelona/New York
aus Bauwelt 24.2019
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