Wohnungsbau in Osterholz-Tenever


Nach Abrissen und Bestandsmodernisierung kehrt mit Häusern von Atelier Kempe Thill und Spengler Wiescholek maßvolles Wachstum in die Großsiedlung Osterholz-Tenever zurück


Text: Friedrich, Jan, Berlin


    Auf keinen Fall noch ein­mal hohe Häuser: Osterholz-Tenever neu neben alt.
    Luftbild: Gewoba

    Auf keinen Fall noch ein­mal hohe Häuser: Osterholz-Tenever neu neben alt.

    Luftbild: Gewoba

    Großzügige Wohnungserweiterung: Die Loggien ...
    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    Großzügige Wohnungserweiterung: Die Loggien ...

    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    ... wurden rund um das „Atriumhaus“ herumgeführt.
    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    ... wurden rund um das „Atriumhaus“ herumgeführt.

    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    Die oberen Geschosse mit den Wohnungen werden über einen Hybrid aus ...
    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    Die oberen Geschosse mit den Wohnungen werden über einen Hybrid aus ...

    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    ...Rue intérieure, Laubengang und Atrium erschlossen.
    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    ...Rue intérieure, Laubengang und Atrium erschlossen.

    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    Der Bewegungsraum der Kita im Erdgeschoss ...
    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    Der Bewegungsraum der Kita im Erdgeschoss ...

    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    ... wird über einen üppig bemessenen Lichtschacht natürlich belichtet.
    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    ... wird über einen üppig bemessenen Lichtschacht natürlich belichtet.

    Foto: Ulrich Schwarz, Berlin

    In den von den Häusern abgerückten „Türmen“ ...
    Foto: Christian Haase

    In den von den Häusern abgerückten „Türmen“ ...

    Foto: Christian Haase

    ... befinden sich die Kellerersatzräume ...
    Foto: Christian Haase

    ... befinden sich die Kellerersatzräume ...

    Foto: Christian Haase

    ... der angren­zenden Wohnungen.
    Foto: Christian Haase

    ... der angren­zenden Wohnungen.

    Foto: Christian Haase

    Dazwischen spannen dieTerrassen.
    Foto: Christian Haase

    Dazwischen spannen dieTerrassen.

    Foto: Christian Haase

Als man vor 50 Jahren mit der Bremer Großsiedlung Osterholz-Tenever die Zukunft der Stadt bauen wollte, da legte man zugleich den Grundstein für eine Menge zukünftiger Probleme. Anfang der 1970er Jahre wurde Osterholz-Tenever auf der sprichwörtlichen grünen Wiese am öst­lichen Rand Bremens als sogenanntes Demons­trativbauvorhaben geplant, mit dem die „Vision vom Wohnungs- und Städtebau der Zukunft Wirklichkeit werden sollte“: 4600 Wohnungen, in bis zu 22-geschossigen Hochhausstrukturen. Urbanität durch Dichte lautete die damalige Zauberformel. Tatsächlich gebaut hat man dann doch „nur“ rund 2600 Wohnungen.
Stadtumbau West
In den achtziger Jahren begann der Niedergang. Eine verfehlte Wohnungsbelegungspolitik, spekulative Verkäufe der Bestände und ausbleibende Instandhaltung ließen Osterholz-Tenever zum Problembezirk werden. 50 Prozent Leerstand war in den schlimmsten Zeiten zu verzeichnen. Und schließlich wurde Osterholz-Tenever, wenn man so will, wieder zum Vorreiter der Zukunft des Städtebaus: als Pilotprojekt für den „Stadtumbau West“. Mit dem Programm „Stadtumbau Ost“ war seit 2002 der Abriss leerstehender Plattenbauten in den neuen Bundesländern gefördert worden. 2004 kam ein ähnliches Programm für die alten Länder hinzu. 75 Millionen Euro wurden in die Sanierung von Osterholz-Tenever investiert. Teil dieses Stadtumbaus: der Abriss von insgesamt 900 Wohnungen.
Abriss von Wohnungen – was heute, in Zeiten von Bevölkerungswachstum und Wohnungsknappheit in den Städten, absurd anmutet, erschien vor zwanzig Jahren folgerichtig. Zur Erinnerung: Das waren die Jahre der „Schrumpfenden Städte“, und niemand dachte, dass sich dieser Trend je umkehren würde. Für Osterholz-
Tenever waren die Abrisse höchstwahrscheinlich – heutige Wohnungsknappheit hin oder her – tatsächlich die richtige Lösung. Es galt, die enorme Dichte zu reduzieren, und sich um das, was blieb, richtig zu kümmern. Zum Hauptakteur der Modernisierung in Tenever wurde die Wohnungsbaugesellschaft Gewoba. Heute gehört das Viertel freilich immer noch zu den ärmeren Quartieren Bremens, aber es hat sich sozial vollständig stabilisiert.

Bitte im kleinen Maßstab!

Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, was auf einem Teil der Abrissfläche in den vergangenen vier Jahren entstanden ist: eine dreigeschossige, weitgehend kleinteilige Bebauung. Sichtlich wollte man hier eine völlig andere städtebauliche Struktur schaffen als in der Nachbarschaft. Auf Grundlage eines Städtebauentwurfs von Spengler Wiescholek aus Hamburg hat die Gewoba eine kleine Siedlung gebaut, die zum einen aus sechs sogenannten kleinen Mehrfamilienhäusern mit insgesamt 42 Wohnungen besteht, für deren Architektur ebenfalls Spengler Wiescholek verantwortlich zeichnen, zum anderen aus dem sogenannten Atriumhaus von Atelier Kempe Thill aus Rotterdam mit 28 Wohnungen sowie einer Kita, einer heilpädagogischen Tagesbetreuung für Schüler und einem Stadtteilbüro für Familien.
Die Gewoba hat hier vor allem Wohnungsgrößen realisiert, die in den Bestandsbauten Osterholz-Tenevers fehlen: sehr große Wohnungen für kinderreiche Familien und kleine Wohnungen. Im Atriumhaus von Kempe Thill sind diese Wohnungen im ersten und zweiten Obergeschoss rund um eine über das Dach belichtete innere Erschließung angeordnet, die großen Wohnungen in den Ecken. Der im Zentrum des 62,5 Meter langen und 24 Meter tiefen Baukörpers platzierte Bewegungsraum der Kita im Erdgeschoss wird ebenfalls, ziemlich spektakulär, über das Dach belichtet. Die rund um die Wohnungsgeschosse geführten Loggien des Atriumhauses sind mit vorvergrautem Lärchenholz verkleidet – ebenso wie die Fassaden der benachbarten sechs kleinen Mehrfamilienhäuser.
Spengler Wiescholek haben drei verschiedene Haustypen entwickelt, die jeweils einmal wiederholt wurden. Ungewöhnliche Hybride aus Geschosswohnungsbau unterschiedlicher Erschließungstypen, Reihenhaus und Einzelhaus sind das, in denen die kleinen und großen Wohnungen geschickt gemischt wurden. Die Freiräume zwischen den Häusern sind auf wirklich besondere Weise gegliedert: Die Abstellräume der Wohnungen wurden als kleine „Türme“ ein Stück von den Häusern abgerückt, über den auf diese Weise entstandenen Zwischenräumen spannen die Terrassen.
Wenn Osterholz-Tenever heute erneut für die Zukunft des Bauens steht – diese Zukunft ließe man sich gefallen: maßgeschneiderter sozialer Wohnungsbau eines öffentlichen Bauherrn, der das wohldosierte Experiment nicht scheut.



Fakten
Architekten Atelier Kempe Thill, Rotterdam; Spengler Wiescholek Architektur/Stadtplanung, Hamburg
Adresse Otto-Brenner-Allee 50, 28325 Bremen


aus Bauwelt 11.2022
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