Der Blick durchs Blumenfenster
Finissage am Frauentag: An der Kunsthochschule Kassel läuft noch bis zum 8. März eine Ausstellung zur vergessenen Bauhaus-Architektin Katt Both. Konzipiert und umgesetzt haben sie Studierende des Fachgebiets Entwerfen und Gebäudelehre der Uni Kassel.
Text: Kraft, Caroline, Berlin
Der Blick durchs Blumenfenster
Finissage am Frauentag: An der Kunsthochschule Kassel läuft noch bis zum 8. März eine Ausstellung zur vergessenen Bauhaus-Architektin Katt Both. Konzipiert und umgesetzt haben sie Studierende des Fachgebiets Entwerfen und Gebäudelehre der Uni Kassel.
Text: Kraft, Caroline, Berlin
In der kreisförmig abgehängten schwarzen Stoffbahn der Ausstellungshalle scheint die Zeit stillzustehen. Mittig hängt ein Lautsprecher, aus dem Tonaufnahmen vom Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme erklingen – die Zäsur im Schaffen der hessischen Architektin Katt Both. Was eine Frau zu sein hatte, lud das Regime ideologisch auf, und, wie in einer Diktatur üblich, blieb auch die Architektur von der Instrumentalisierung nicht verschont. Als „Sprengung von allem, was man vorher gelebt hat“, ordnet es Kunst- und Architekturhistorikerin Ute Maasberg ein. Gemeinsam mit Architektin und Ausstellungsplanerin Marie-Therese Harnoncourt-Fuchs und 26 Studierenden der Uni Kassel hat sie die Ausstellung realisiert.
Selbst kurzzeitig an der Kasseler Kunsthochschule gewesen, ging Katt Both 1925 nach Dessau. Die prägenden Männer des Bauhauses kannte sie. In der von Marcel Breuer geleiteten Tischlerwerkstatt wurde die Zwanzigjährige ein Jahr später Gesellin und vertiefte Möbeldesign und Architektur. Zuvor hatte sie Porträtmalerei, Töpferei und Skulptur studiert. Both kommentierte später ihre Bauhauszeit: „Gelernt haben wir nix, wir haben nur unseren Charakter gefestigt.“ Damit riss sie mal eben das Fundament des Gestaltungsverständnisses ein, das bis heute unser Empfinden vom „guten Design“ prägt.
Aber wer kennt Katt Both? Ute Maasberg begegnete ihr 2004 bei der Kuration einer Ausstellung zu Architektinnen der Avantgarde. Boths Umgang mit Grundrissen, ihr soziales, experimentelles Architekturverständnis während der Weimarer Republik und ihr lösungsorientierter Umgang mit – wieder aktuellen – Problemen wie Wohnungs- und Platzmangel ließen sie weiterforschen.
Im Oktober 2025 begannen die Studierenden mit Maasberg und Harnoncourt-Fuchs die Konzeption der Ausstellung. Bemerkenswert ist die Fülle des Materials. Der Nachlass Boths wurde von ihrer Nichte zur Verfügung gestellt. Neben Zeichnungen und Fotografien – Both inszenierte sich auch als „Neue Frau“ – sind Filme sowie zwei auf dem Boden abgeklebte Grundrisse ihrer Musterwohnungen aus den späten 1920er Jahren zu sehen. Auch moderne Positionen sind dabei: Vertonungen, Selbstportraits, textile Arbeiten. Die Musterwohnungen sind räumlich erfahrbar; die Studierenden haben sie 3D rekonstruiert. Wer eine VR-Brille aufsetzt, blickt durchs Blumenfenster – eine Art Wintergarten und wiederkehrendes Motiv in Boths Wohnentwürfen. Es ist, sagt Harnoncourt-Fuchs, „eine Ausstellung für alle Sinne.“
Both übertrug ihre Arbeit mit Wohngrundrissen auch auf den Städtebau. Als erste weibliche Mitarbeiterin bei Otto Haesler arbeitete sie ab 1929 an mehreren Wohnsiedlungen in Kassel und Celle, einer Jugendherberge und dem Kasseler Marie-von-Boschan-Aschrott-Altersheim. In den frühen 1930ern verlor Haesler als Vertreter des Neuen Bauens seine Aufträge und emigrierte in die Türkei. Für Both folgten Umzüge, Phasen der Arbeitslosigkeit und der Versuch der Selbstständigkeit. Als alleinstehende Architektin ohne institutionelle Absicherung war sie auf wechselnde Anstellungen angewiesen. In Berlin begann sie ab 1934 fast zehn Jahre beim Architekten Otto Vogt zu arbeiten. 1938 ließ sie sich in die Reichskulturkammer eintragen, um weiter als Architektin arbeiten zu können. Später entwarf Both bei der Deutschen Arbeitsfront und dem Deutschen Frauenwerk. Sie verantwortete unter anderem den Umbau eines Bauernhofs im besetzten Polen zu einer Frauenschule. 1942 trat sie der NSDAP bei und begann bei Ernst Neufert.
Im selben Jahr entwarf Katt Both ein nie realisiertes Wohnheim für ledige berufstätige Männer und Frauen mit Gemeinschaftsräumen. Ein Modell steht in der Ausstellung in Kassel. Der Entwurf kontrastiert ihre gleichzeitige Tätigkeit innerhalb der Institutionen des NS-Staates. Der Krieg beendete die Kontinuität des sozial orientierten Neuen Bauens, aus dem Both hervorgegangen war. 1947 gab sie ihre architektonische Tätigkeit auf. 1985 starb sie in Kassel.
Die Ausstellung vermeidet Urteile. Sie zeigt Aufbruch und Anpassung, soziale Vision und politische Integration. Diese Ambivalenz auszuhalten, ist unbequem – gerade heute. Gleichstellung ist nicht erreicht, politische Extreme sind längst wieder stark. „Handeln“, sagt Harnoncourt-Fuchs, „take care.“ Also aufmerksam bleiben: den Blick durchs Blumenfenster nicht nur als historische Geste zu verstehen, sondern als gegenwärtige Aufgabe.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.







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