Bauwelt

Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden


Das Grundstück an der Wiesbadener Wilhelmstraße 1, dem Prachtboulevard und Tor zur Stadt, wurde jahrelang als Stellfläche genutzt. Nach langem Planungswirrwarr konnte im Sommer 2024 die städtebauliche Lücke mit dem Bau des Museums Reinhard Ernst von Fumihiko Maki geschlossen werden, ausgeführt von schneider+schumacher.


Text: Spix, Sebastian, Berlin


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    Auf dem Areal stand ab 1842 das „Victoria Hotel“, das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde.
    Foto: StadtA WI, PK Nr. 146

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    Auf dem Areal stand ab 1842 das „Victoria Hotel“, das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde.

    Foto: StadtA WI, PK Nr. 146

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    Danach befand sich jahrelang ein Parkdeck darauf, ...
    Foto: StadtA WI, F000 Nr. 14364: Joachim B. Weber

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    Danach befand sich jahrelang ein Parkdeck darauf, ...

    Foto: StadtA WI, F000 Nr. 14364: Joachim B. Weber

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    ... bis im Juni 2024 das Museum Reinhard Ernst eröffnet wurde.
    Foto: Claus Graubner

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    ... bis im Juni 2024 das Museum Reinhard Ernst eröffnet wurde.

    Foto: Claus Graubner

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    Höhe und Kubatur des Gebäudes orientieren sich an der umliegenden Bebauung.
    Foto: Claus Graubner

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    Höhe und Kubatur des Gebäudes orientieren sich an der umliegenden Bebauung.

    Foto: Claus Graubner

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    Lamellen aus Strangpressprofilen vor den großen Fenstern verhindern direktes Sonnenlicht.
    Foto: Helbig Marburger

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    Lamellen aus Strangpressprofilen vor den großen Fenstern verhindern direktes Sonnenlicht.

    Foto: Helbig Marburger

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    Diese sind teils zwei- oder dreigeschossig hoch und bieten Platz für großformatige Werke.
    Foto: Florian Kaiser-Winter

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    Diese sind teils zwei- oder dreigeschossig hoch und bieten Platz für großformatige Werke.

    Foto: Florian Kaiser-Winter

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    Platanenbäumen säumen den Haupteingang.
    Foto: Helbig Marburger

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    Platanenbäumen säumen den Haupteingang.

    Foto: Helbig Marburger

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    Das Erdgeschoss ist fast vollständig verglast; seitlich befindet sich ein Café.
    Foto: Florian Kaiser-Winter

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    Das Erdgeschoss ist fast vollständig verglast; seitlich befindet sich ein Café.

    Foto: Florian Kaiser-Winter

Jahrzehntelang fristete das Grundstück an der Wilhelmstraße 1 in Wiesbaden, dem Eingang in die hessische Kurstadt, ein tristes Dasein. Unweit des Bahnhofs gelegen und umgeben von Landesmuseum, RheinMain Congress Centrum und historischen Stadtvillen aus der Kaiserzeit, wurde das Grundstück zuletzt als Parkplatz genutzt. Dabei stand an dieser prominenten Stelle von 1842 bis zur Kriegszerstörung 1945 das international beliebte „Victoria Hotel“, in dem mondäne und illustre Gäste wie der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski abstiegen. Bereits 2009 unternahmen Wiesbadens Stadtoberste anhand eines Wettbewerbs (Gewinner: Töpfer Bertuleit) den ersten Versuch die städtebauliche Lücke mit dem Bau eines Stadtmuseums zu schließen. Dieser sowie ein weiterer Entwurf von Helmut Jahn (2019) scheiterten am hiesigen Gestaltungsbeirat und an der Finanzierung. In der Folge wurden sowohl das Museumsprojekt als auch ein vom Großteil der Bürger abgelehntes Hotelprojekt verworfen. Aufgrund der klammen Stadtkasse sowie undurchsichtiger Verträge für das Stadtmuseum mit Bauträgern, von denen die Stadt das Areal zurückkaufen musste, ging beinahe die Hälfte des 12.000 Quadratmeter großen Grundstücks verloren.
All jene Irrungen und Wirrungen um das Filetstück am Eingang der Prachtallee verfolgte der Unternehmer Reinhard Ernst. Für seine ab Mitte der 1980er Jahre entstandene Sammlung abstrakter Nachkriegskunst hatte Ernst bereits 2010 ein Museum, entworfen von seinem Freund Fu-mihiko Maki, in Limburg an der Lahn geplant. Da das Projekt nicht realisiert werden konnte, unterbreitete Ernst in einem weiteren Ausschreibungsverfahren mit Bürgerbeteiligung der hessischen Landeshauptstadt einen neuen Entwurf Makis für ein Museum an der Wilhelmstraße 1. Mit wenigen Gegenstimmen und etwa 80-prozentiger Zustimmung der Bürger wurde das Projekt 2016 angenommen und ein Jahr später, im März 2017, von derStadtverordnetenversammlung genehmigt. Ernst hatte der Stadt angeboten, ein Museum für seine Sammlung auf eigene Kosten zu bauen und zu betreiben. Im Gegenzug stellte die Stadt das 6000 Quadratmeter große Grundstück, im Rahmen eines Erbbaurechtsvertrags über 99 Jahre, für einen symbolischen Euro zur Verfügung.

Geformt durch Projektion

Reinhard Ernst und der mittlerweile verstorbene Pritzker-Preis-Preisträger Fumihiko Maki (1928–2024) waren durch berufliche Kontakte in Japan über 30 Jahre befreundet; zusammen haben beide 2011/12 ein Begegnungszentrum in der kleinen japanischen Küstenstadt Natori als Wiederaufbauhilfe nach dem Tsunami errichtet. Ernst beeindruckte Makis schlichte und klare Formen-sprache, hinter der sich komplexe Konstruktionen verbergen, die sich – wie das Aga Khan Museum in Toronto (2014) – nicht einem bestimm-ten Stil oder einer bestimmten Ästhetik unterordnen. Für das freistehende Museum in Wiesbaden stellten sich Bauherr und Architekt ein Gebäude vor, das zu allen Seiten offen ist, sich einfügt und trotzdem eigenständig bleibt. Entstanden ist eine helle, aus vier Kuben bestehende Stahlbetonskulptur, die um ein großzügiges Atrium organisiert wurde. Insgesamt 20 Meter ragt der Bau an der Kreuzung Wilhelmstraße, Ecke Rheinstraße, über drei Geschosse in die Höhe und orientiert sich mit seiner Attika, als auch mit seiner Kubatur und Maßstäblichkeit, an der historisch gewachsenen Umgebung – dem benachbarten Landesmuseum sowie der vier gegenüberliegenden kleinteiligen Stadtvillen.
Ausschnitte, Auskragungen und Öffnungen leiteten die Architekten aus einer Gliederung in Quadranten ab, die sich aus der Projektion der historischen Umgebung auf den 65 mal 45 Meter großen Quader ergab. Durch seine vorgehäng-ten „Bethel-White“-Granitsteine an der Fassade wirkt das Gebäude von außen betrachtet wie ein Rubik’s Cube-Zauberwürfel oder wie Ernst es bezeichnet: ein Zuckerwürfel. Die Bearbeitung der drei Zentimeter dünnen Granitplatten, die aus den USA per Schiff nach Deutschland gebracht wurden, verdeutlichen stellvertretend die Detailierung und Präzision der gesamten Planung: Die um neunzig Grad greifenden Eckplatten wurden in einem Stück aus den massiven Granitblöcken geschnitten, sodass sie fugenlos angebracht werden konnten. Die nachträgliche Stockung der Oberfläche lässt die Steine heller scheinen und glitzernd schimmern.

Abstrakt und offen

Betreten wird das von schneider+schumacher Architekten als Generalplaner gemeinsam mit Maki and Associates ausgeführte Museum unter einer weiten Auskragung über dem verglasten Erdgeschoss an der Wilhelmstraße. Neben Museumsshop und Café fällt der Blick sofort auf das riesige Atrium, das sich über drei Geschosse erstreckt. Zentral im Gebäude positioniert, bringt es Licht in das Museum und dient als Orientierungspunkt während des gesamten Rundgangs durch das in vier Volumen sortierte Raumprogramm. Insgesamt umfasst das Museum knapp 9000 Quadratmeter Gesamtfläche, von denen etwa 2200 Quadratmeter Ausstellungsfläche sich auf insgesamt zehn Räume verteilt. Über eine breite Treppe seitlich des Atriums beginnt der Parcours durch die drei Geschosse mit zehn bis zu vierzehn Meter hohen Ausstellungsräumen. Im Gegensatz zu den schlichten Fassaden sind die Innenräume geprägt von Varianz – dunkler Holzboden, differenziertes Licht, farbige Kunstwerke und ganz entscheidend: wechselnde Blickbezüge zwischen Innen und Außen, zwischen Kunstobjekt und Architektur. Über große und kleine Ausschnitte erscheinen die Gründerzeitbauten neben einer Bronze-Skulptur von Tony Cragg oder einem Bild von Helen Frankenthaler als Teil der Ausstellung.
Knapp 1000 Kunstwerke hat der Unternehmer, der durch den Verkauf seiner beiden Firmen das 80 Millionen Euro teure Museum sowie dessen Unterhaltung finanzieren konnte, über die Jahre gesammelt. Nicht gezeigte Werke der Sammlung werden in einem riesigen Depot im Untergeschoss gelagert. Auf die Frage, warum er denn ausgerechnet abstrakte Nachkriegskunst sammelt, antwortet Ernst mit einem Zitat von Frank Stella: „What you see is what you see!“, und führt aus, „du siehst, was du sehen willst. Und genau das ist es: Man hat die Freiheit zu sehen, was man sehen will; diese Freiheit gibt es nur in abstrakter Kunst.“ Dieser niederschwellige und offene Zugang zur Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil des Museums. Besonderer Wert wurde auf die – unabhängig vom Ausstellungsbesuch funktionierende – öffentliche Zugänglichkeit gelegt. Dazu gehört das zentral gelegene Farblabor, ein Bildungsraum für Kinder, der von Schulen und Bildungsinstitutionen täglich kostenlos genutzt werden kann.
Die Vision und das Konzept des Museums Reinhard Ernst, allen Altersgruppen offen gegenüber zu sein und sie zu inspirieren, sich mit Kunstauseinanderzusetzen, gehen an der „Rue 1“ auf. Mit dem Bau wurde nicht nur eine jahrzehntelang brachliegende Lücke der Landeshauptstadt geschlossen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sondern auch seine nur auf den ersten Blick anachronistisch wirkende Gestalt überzeugt. Makis Komposition von Kuben mit wechselnden Bezügen und unterschiedlichen Ausschnitten, seine die abstrakte Kunst widerspiegelnde Gebäudeskulptur, steht nicht losgelöst im Stadtraum, sondern fügt sich respektvoll ein. Das Stadtmuseum ist weiterhin im historischen Marktkeller am Marktplatz untergebracht und sucht noch nach einem größeren Standort für seine Sammlung – Ernst hat seinen gefunden, worüber die Wiesbadener sich glücklich schätzen können. Oder, um es mit der unlängst viel zu früh verstorbenen hessischen Legende Gerd Knebel zu sagen: „Was mer hat, das hat mer. Und hat mer’s net, dann fehlt’s ei’m.“



Fakten
Architekten Maki and Associates, Tokio; schneider+schumacher, Frankfurt am Main
Adresse Wilhelmstraße 1, 65185 Wiesbaden


aus Bauwelt 8.2026
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