Minsk Museum in Potsdam


Das 70er-Jahre-Terrassenrestaurant Minsk auf dem Potsdamer Brauhausberg verfiel nach der Wende zur Ruine. Nun glänzt das Gebäude wieder und feiert als Museum die Kunst und Architektur der Ostmoderne.


Text: Kasiske, Michael, Berlin


    Bis 2014 residierte der Brandenburger Landtag in der einstigen Reichskriegsschule am Brauhausberg. Nun soll der 1902 errichtete Bau hinter dem Minsk zur Luxus-Wohnanlage werden.
    Foto: Stefan Müller

    Bis 2014 residierte der Brandenburger Landtag in der einstigen Reichskriegsschule am Brauhausberg. Nun soll der 1902 errichtete Bau hinter dem Minsk zur Luxus-Wohnanlage werden.

    Foto: Stefan Müller

    Die Lage auf dem Hügel ermöglichte früher einen „Veduten-Blick“ auf Potsdam. Heute steht das Spaßbad „blu“ im Weg.
    Foto: Stefan Müller

    Die Lage auf dem Hügel ermöglichte früher einen „Veduten-Blick“ auf Potsdam. Heute steht das Spaßbad „blu“ im Weg.

    Foto: Stefan Müller

    Der Café-Tresen ist anhand eines Schwarz-Weiß-Fotos jenem aus dem alten Minsk nachempfunden.
    Foto: Stefan Müller

    Der Café-Tresen ist anhand eines Schwarz-Weiß-Fotos jenem aus dem alten Minsk nachempfunden.

    Foto: Stefan Müller

    Foto: Stefan Müller

    Foto: Stefan Müller

    Die gesschwungene Treppe führt an einer Keramikwand, die von einem Hedwig Bollhagen-Relief im alten Stadtbad inspiriert war, zur Ausstelung.
    Foto: Stefan Müller

    Die gesschwungene Treppe führt an einer Keramikwand, die von einem Hedwig Bollhagen-Relief im alten Stadtbad inspiriert war, zur Ausstelung.

    Foto: Stefan Müller

    Blick in die Ausstellungs­säle im Obergeschoss.
    Foto: Stefan Müller

    Blick in die Ausstellungs­säle im Obergeschoss.

    Foto: Stefan Müller

    Der Schwerpunkt des Hauses liegt auf Kunst aus der DDR.
    Foto: Stefan Müller

    Der Schwerpunkt des Hauses liegt auf Kunst aus der DDR.

    Foto: Stefan Müller

    Der Bestand wartete mit einigen improvisierten Lösungen auf, ...
    Foto: Stefan Müller

    Der Bestand wartete mit einigen improvisierten Lösungen auf, ...

    Foto: Stefan Müller

    ... etwa einem unbestimmten Wechsel ...
    Foto: Stefan Müller

    ... etwa einem unbestimmten Wechsel ...

    Foto: Stefan Müller

    ... von Quadrat- und Rundstützen.
    Foto: Stefan Müller

    ... von Quadrat- und Rundstützen.

    Foto: Stefan Müller

Vor dreizehn Jahren schien das Terrassenrestaurant „Minsk“ keine Zukunft mehr zu haben, zu stark hatte Vandalismus den Flachbau beschädigt (Bauwelt 44.2009). Das benachbarte Stadtbad hingegen war in Betrieb und bot durch die große Glasfront der Schwimmhalle einen herrlichen Blick auf den Flussraum der Havel und die Nikolaikirche. Nun ist das Restaurant als Kunsthaus DAS MINSK wiedergeboren, aber der Blick auf die Stadt dahin – das alte Bad wurde durch einen „Spaßklotz“ ersetzt.
Doch zuerst zum Zugewinn: ein Ort für Kunst in einem „ostmodernen“ Gebäude. Verantwortlich ist Hasso Plattner, dessen biografische Verbundenheit zur märkischen Landschaft sich in Mäzenatentum ausdrückt. So förderte der SAP-Gründer die Fassadenrekonstruktion des als Landtag wiedererrichteten Potsdamer Stadtschlosses (Bauwelt 11.2014). Ebenfalls am Alten Markt ließ er einen vergangenen Bürgerpalast als „Museum Barberini“ neu errichten, dessen Grundstock seine Sammlung bildet (Bauwelt 18.2017). Seit dem Ende der DDR interessiert sich Plattner auch für Kunst aus dem vergangenen Staat und neuerdings auch für seine Bauten.
Wie schon beim Stadtschloss fußt sein Engagement auf der Initiative von Bürgern. Viele Potsdamer, die für den Erhalt des in den 1970er Jahren erbauten „Minsk“ plädierten, erinnerte das folkloristisch eingerichtete Restaurant an die „Freundschaft“ mit der belarussischen Hauptstadt – wo im Gegenzug ein Café namens „Potsdam“ eingerichtet worden war – sowie an Feste wie Jugendweihen und Hochzeiten. Das zu würdigen, führte 2019 zu Plattners Entschluss, die Ruine zu erwerben. Gewissermaßen als Beifang, das Grundstück ist groß, entstehen noch sechs Wohnhäuser, deren Höhe das Kunsthaus nicht überragen sollen; zwei weitere Häuser sind am oberen Hang vorgesehen.
Mit der Planung wurden die Architekten Heinle Wischer beauftragt, die Plattners Stiftung bereits von Forschungsbauten bekannt war. Trotz der Beratung durch den heute 92-jährigen Karl-Heinz Birkholz, der seinerzeit das Terrassenrestaurant entworfen hatte, war mehr als ein „Erinnerungsbild“ nicht zu erreichen. Der Bausubstanz hatte nicht nur der lange Leerstand zugesetzt, bereits beim Errichten war verschiedenes, von anderen Baustellen abgezogenes Material verbaut worden, um die vorgegebenen Termine einzuhalten. Mit Humor weist Willy Attenstädt, der als Museumsfachmann die Stiftung schon beim Barberini beriet, auf den durch nichts begründeten Wechsel zwischen viereckigen und runden Stützen in beiden Geschossen des Gebäudes hin, die teilweise bis zu fünf Zentimeter aus dem Lot kippen.
Nach einer Bestandsanalyse zeigte sich laut Attenstädt, dass nur die Tragstruktur erhalten werden kann, der Beton musste vollständig saniert werden. Die für die Gastronomie zerglie­derten Geschosse konnten für den neuen Zweck zu großzügigen Räumen zusammengezogen werden; ein Treppenraum entfiel, ein auch für große Kunstwerke geeigneter Aufzug wurde ergänzt.
Im Eingangsgeschoss musste der Fußboden des Ausstellungsraums um 80 Zentimeter abgesenkt werden, damit eine Höhe von 3,70 Meter entstehen konnte. Licht und Technik wurden unter einer Rasterdecke mit Membranen installiert. Im ehemaligen Restaurantgeschoss, das allseitig auskragt, befindet sich der obere Ausstellungsraum, ergänzt durch ein Kabinett für Sonderausstellungen.
Als ein besonderes Souvenir der Potsdamer galt die geschwungene Treppe im Eingang des Restaurants; sie wurde, mit einem befremdlich groben Geländer, neu errichtet. Zur ihrer repräsentativen Ausstrahlung passt auch die neue Keramikwand im Erdgeschoss, deren Gestaltung von einer von Hedwig Bollhagen gestalteten Wandverkleidung im nicht mehr existierenden Stadtbad inspiriert ist, und die vollverspiegelte Wand oben, die den Raum optisch verdoppelt.
Für den Eingangsbereich und das Café wurde das genuesische Büro Linearama ausgewählt. Mit tiefen Metallgittern verblendeten sie die Tresen. Während die Theke für Kasse und Bookshop modernistisch ausgesparte Ecken erhielt, diente für jene im Café ein Schwarzweiß-Foto vom Restaurant Minsk als Vorbild. Die Farbmuster der Keramik, die auch den Hintergrund der Treppe bildet, erarbeiteten die Innenarchitekten gemeinsam mit den Nachfolgern von Bollhagen. Das farblich passende Geschirr stammt ebenfalls aus den HB-Werkstätten.
Als müsse er sich rechtfertigen, zählt Attenstädt nicht mehr vorhandene Details auf, wie etwa die Relief- und Buntglasfenster, die mit asbesthaltigem Material verbaut worden waren, oder die von nicht mehr greifbaren belarussischen Handwerkern hergestellte Innenausstattung. Dabei bedingt die Entscheidung, einen Ausstellungsbau zu errichten, eine eigene Funk­tionalität, in der auch von Privatleuten gerettete Stücke aus dem Terrassenrestaurant, die DAS MINSK gelegentlich erhält, nicht mehr als nur Relikte sein können. Die eleganten Brüstungen der Terrassen zeugen von Pragmatismus: die vorgefertigten Leichtbetonelemente gleichen dem Original, allerdings bedurfte es eines zusätzlichen Stahlseils und eines Handlaufs, um die Vorschriften zur Absturzsicherung einzuhalten.
Der Freiraum hat eine eigene Geschichte. Ehedem fasste das alte Stadtbad mit dem Restaurant eine überaus aufwändig gestaltete Terrassenanlage, in der die Architekturhistorikerin Oxana Gouronivitch eine Anspielung auf Sanssouci zu erkennen glaubte. Die Stadt Potsdam wollte allerdings unbedingt ein Spaßbad, von Grundstücksverkäufen gegenfinanziert. Nach dem Scheitern eines Entwurfs von Oscar Niemeyer mit seinen bekannten weißen Schalen kam der Kasten „Blu“ von gmp (Bauwelt 18.2017). Der höher liegende Vorgängerbau wurde mitsamt der mittlerweile verkommenen Gartenanlage abgeräumt, „als müssten die auch mal freudvollen Seiten des Sozialismus stets von der harten Seite des Kapitalismus mit billigem Putz überdeckt werden,“ wie Sophie Jung in der taz schreibt.
Dass Plattner auf den Plan trat, muss wohl glücklich genannt werden, denn ein wie auch immer „ostmodernes“ Kunsthaus ist hier besser als ein Dutzend privater Stadtvillen. Auch ließ er als Reminiszenz zwei Wasserspiele anlegen. Allerdings überwiegen versiegelte Flächen, um Freiluftveranstaltungen zu ermöglichen. Auch die Terrassen des Kunsthauses sind größtenteils leer. Früher waren sie mit Pflanzbeeten und –trögen bestückt, nun sollen wohl Skulpturen aufgestellt werden.
Besonders auf der Terrasse vor dem Haupteingang sticht der Verlust ins Auge. Dem, der von diesem erhöhten Punkt auf die Stadt schaut, schiebt sich die graue Hinterwand des Schwimmbads ins Blickfeld. Damit ist der berühmte ma­lerische Blick vom „Vedutenberg“ verloren, auch wenn Attenstädt beteuert, dass eine künstlerische Gestaltung folgen werde. Noch ärger ist, wie die sonst stets herausragende Kuppel der Nikolaikirche von hier gesehen auf dem Dach des „Blu“ aufzusitzen scheint – eine Blamage für Potsdam, das etwa Photovoltaik auf dem Kunsthaus mit dem Verweis auf Welterbezone II unterband.
Verloren haben auch alle, die durch das Wiederherstellen von unwiederbringlich Getilgtem bestimmte Epochen neu aufrollen wollen. Es irren sowohl jene, die DAS MINSK nun als Fanal für die Ostmoderne in Potsdam deuten, als auch die anderen, die dieses DDR-Erbe just für abgegessen halten.



Fakten
Architekten Heinle Wischer, Berlin
Adresse Max-Planck-Straße 17, 14473 Potsdam


aus Bauwelt 2.2023
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar







loading
x

3.2023

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.