Manufaktur von Celine in Radda in Chianti


Die neue Produktionsstätte von Celine in Radda in Chianti haben MetroOffice für die Beschäftigten als Aussichtsbalkon in die Weinberge gestaltet. Für das Äußere spielte eine alte Kapelle eine wichtige Rolle.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Die neue Produktionsstätte von Celine im toskanischen Radda erhebt sich über dem Ortseingang – mit weitem Blick in die Weinberge.
    Foto: Marco Cappelletti

    Die neue Produktionsstätte von Celine im toskanischen Radda erhebt sich über dem Ortseingang – mit weitem Blick in die Weinberge.

    Foto: Marco Cappelletti

    Die hügelige Landschaft um Radda in Chianti ist im In­neren der Produktionshalle präsent.
    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Die hügelige Landschaft um Radda in Chianti ist im In­neren der Produktionshalle präsent.

    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Der langgestreckte, L-förmige Baukörper der Produktionsstätte ordnet sich ein ins Profil der Landschaft.
    Foto: Marco Cappelletti

    Der langgestreckte, L-förmige Baukörper der Produktionsstätte ordnet sich ein ins Profil der Landschaft.

    Foto: Marco Cappelletti

    Das Grundstück liegt östlich des Orts und war zuvor eine Industriebrache. Die noch vorhandenen Gebäude wurden abgerissen.
    Foto: Architekten

    Das Grundstück liegt östlich des Orts und war zuvor eine Industriebrache. Die noch vorhandenen Gebäude wurden abgerissen.

    Foto: Architekten

    Die kleine Kapelle an der Straßengabel wollten MetroOffice mit dem Neubau zur Geltung bringen.
    Foto: Marco Cappelletti

    Die kleine Kapelle an der Straßengabel wollten MetroOffice mit dem Neubau zur Geltung bringen.

    Foto: Marco Cappelletti

    Im Lager kam eine Fassade aus Polycarbonat zum Einsatz.
    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Im Lager kam eine Fassade aus Polycarbonat zum Einsatz.

    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Foto: Marco Cappelletti

    Foto: Marco Cappelletti

    Werkhalle
    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Werkhalle

    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Das Erdgeschoss wurde als Parkgarage ausgebildet, von hier gelangen die Mitarbeiter direkt in die Produk-tionshalle darüber.
    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Das Erdgeschoss wurde als Parkgarage ausgebildet, von hier gelangen die Mitarbeiter direkt in die Produk-tionshalle darüber.

    Foto: Margherita Caldi Inchingolo

    Der Besuchereingang liegt auf der Rückseite.
    Foto: Marco Cappelletti

    Der Besuchereingang liegt auf der Rückseite.

    Foto: Marco Cappelletti

    Die Gestaltungsambition, die sich in den Produkten der Alta moda zeigt, ...
    Foto: Marco Cappelletti

    Die Gestaltungsambition, die sich in den Produkten der Alta moda zeigt, ...

    Foto: Marco Cappelletti

    ... spiegelt sich, wo möglich und angemessen, ...
    Foto: Marco Cappelletti

    ... spiegelt sich, wo möglich und angemessen, ...

    Foto: Marco Cappelletti

    ... auch in den Details des Interieurs.
    Foto: Marco Cappelletti

    ... auch in den Details des Interieurs.

    Foto: Marco Cappelletti

    Die wenigen Büros im Neubau und die Kantine im Obergeschoss orientieren sich nach Norden, zum Hang.
    Foto: Marco Cappelletti

    Die wenigen Büros im Neubau und die Kantine im Obergeschoss orientieren sich nach Norden, zum Hang.

    Foto: Marco Cappelletti

Die sanfte, für ihren Wein berühmte Hügellandschaft zwischen Florenz und Siena ist bislang noch wenig zersiedelt und eher vom Tourismus als von der Industrie geprägt. Radda in Chianti, ein offensichtlich bei Deutschen beliebtes Örtchen von gerade einmal 1500 Einwohnern, wirkt darin wie die Kulisse für eine Pinocchio-Verfilmung. Warum hat das französische Modehaus Celine diesen Flecken für den Bau seiner neuen Fertigungsstätte gewählt? Diese Frage hat mich mindestens ebenso neugierig gemacht auf einen Besuch vor Ort wie die auf den Fotos der Presseaussendung erkennbar aus dem Indus­triebaudurchschnitt herausragende Qualität der Architektur.
Für diese zeichnen Barbara Ponticelli und Fabio Barluzzi verantwortlich. Das Paar führt seit 2009 in Florenz das Büro MetroOffice; neben einigen privaten Wohnsitzen haben sie bislang vor allem Innenausbauten sowie eine Reihe von gewerblichen Projekten realisiert, eines von der Größe und Kraft des Celine-Werks „La Manufacture“ in Radda war bislang allerdings noch nicht darunter. Ich treffe die beiden an der Straßenbahnhaltestelle Sansovino südlich des Arno – ihr Büro ist nicht weit entfernt –, und auf der Fahrt ins etwa fünfzig Kilometer entfernte Radda schildern sie mir die Beweggründe für Celine, eben dort zu bauen, nachdem das Unternehmen jahrelang ein passendes Grundstück in der Region gesucht hatte. Ein wichtiger Grund war die bereits vorhandene Niederlassung im Ort Strada in Chianti, etwa auf halbem Weg von Florenz nach Radda. Jenes, architektonisch nicht weiter bemerkenswerte Werk haben MetroOffice vor sechs Jahren im Inneren neu gestaltet, was ihnen die Einladung zu dem kleinen Wettbewerb einbrachte, den Celine 2017 für das neue Werk in Radda durchführte: Mit „La Manufacture“ wollte das Modehaus ein Zeichen setzen, das den in den Produkten manifesten Qualitätsanspruch abbildet.
Während in Strada nicht nur produziert wird (hauptsächlich Ledertaschen), sondern auch eine Designabteilung und ein Teil der Verwaltung untergebracht sind, war die Aufgabe in Radda sehr viel eindeutiger: Der Büroanteil ist hier vernachlässigbar. Ein anderer Aspekt war, dass die vermeintlich entlegenere Situierung im Grunde doch ziemlich zentral ist für ein Modeunternehmen, nämlich im Dreieck von Florenz, Siena und Arezzo, wo zahlreiche Lederverarbeiter produzieren lassen – im Florentiner Stadtteil Scandicci befinden sich Niederlassungen von Gucci und Dior, im nahen Bagno a Ripoli ist ein Sitz von Fendi beheimatet, in Levanella bei Arezzo einer von Prada – und wohin auch das Material keinen weiten Weg hat: Ein großer Teil des Leders für Ce­line wird aus der Provinz Pisa geliefert. Und schließlich: „La Manufacture“ ist zwar ein kompletter Neubau, auf dem Areal im Osten von Radda aber befand sich bereits ein verlassenes Werksgelände, so dass die entsprechenden Genehmigungen nicht allzu problematisch einzuholen waren. Zudem sind 250 qualifizierte Produktionsarbeitsplätze auch in größeren Orten ein so großer Segen, dass Widerstand gegen solch eine Neuansiedlung kaum zu erwarten war. 180 der geplanten Stellen wurden seit der Eröffnung der Niederlassung im August 2019 schon besetzt; die Arbeitskräfte wohnen in einem Umkreis von etwa zwanzig Kilometer (und können, falls nö-tig, zwischen Strada und Radda wechseln). Diskutiert wurde trotzdem in Radda, vor allem über die Frage, wie sich das Werk in die liebliche Umgebung einfügen könnte.
Der Bauplatz ist prominent. Wer aus Richtung Florenz kommt, fährt unter einer kleinen, steinernen Bogenbrücke durch und steht auch schon vor dem Werk, dass sich über der Straße auf einem Hügel erhebt: Celine ist nicht weniger als die neue Visitenkarte von Radda, die jeder bemerkt, der hier vorbeikommt, und insofern war die gestalterische Ambition des Unternehmens nicht nur nach innen, für die Belegschaft, von Bedeutung, sondern auch nach außen, für die Gemeinde. Die Beziehung zum Ort aber war nicht nur eine abstrakte Aufgabe, sondern stellte sich ganz konkret, zum einen durch die Hanglage des Grundstücks, zum anderen in Gestalt der kleinen „Capella del Mercatale“ aus dem frühen 19. Jahrhundert an der Weggabel, an der sich einst Händler trafen, um ihre Waren feilzubieten. Für dieses kleine historische Bauwerk bildet das neue Werk den Hintergrund: Die Kapelle war von Anfang an Teil des Projekts, erinnert sich Fabio Barluzzi. Die Celine-Manufaktur stellten sich die Architekten als einen ruhigen Hintergrund vor, der das Kirchlein wahrnehmbarer macht. Und da die Kapelle hell verputzt ist, lag es nahe, der Fab­rik einen eher dunklen Ton zu geben bei Tag, einen eher hellen bei Dunkelheit – das Fassadenmaterial ergab sich daraus fast von selbst.
Doch ist es kein gewöhnliches Glaskleid, in die sich der Industriebau hüllt, vielmehr wird die eigentliche Glasfassade, die die 3000 Quadratmeter große Produktionshalle maximal mit Tageslicht versorgt und den Beschäftigten einen weiten Ausblick in die Weinberge ermöglicht, von einer zweiten Schicht verdeckt und verschattet. Diese, mit unterschiedlichem Abstand und mit leichtem Schwung auskragend, besteht aus Glasbausteinen, in Spanien handwerklich produziert: ein facettenreicher Überwurf, der unweigerlich Ikonen des Industriebaus ins Gedächtnis ruft, vom Dessauer Bauhaus-Gebäude bis zu den Olivetti-Fabriken in Ivrea (Bauwelt 22.2018), dieser Traditionslinie der modernen Architektur aber durchaus Eigenständigkeit abringt, sie zugleich mit anderen Assoziationen verknüpft – könnte „La Manufacture“ nicht auch eine sehr große, private Villa sein? – und schließlich darüber sinnieren lassen kann, warum der Industriebau in den letzten dreißig Jahren so fast vollständig seine Rolle als konzeptioneller wie konstruktiver Motor der Architektur verloren hat: Liegt dies tatsächlich allein an der Digitalisierung, an der inzwischen weitgehenden Trennung der Produktion vom notwendigen „Handanlegen“ des Menschen?
Hier, bei Celine, wird jedenfalls noch mächtig Hand angelegt, trotz Digitalisierung und Teil­robotisierung der Produktion, es herrscht eine hybride Art der Herstellung. Doch auch ohne Architektur-Images im Kopf sind die Glasbausteine ein wichtiges Element dieses Gebäudes, schaffen sie doch eine Maßstäblichkeit, welche die große, klar geschnittene Winkelform mit der Umgebung in Beziehung setzt und auch einen für die „Alta moda“, die hier hergestellt wird, passenden Anhauch von Handwerklichkeit und Experimentierfreude einführt: Es brauchte etliche Muster, bis der richtige Grauton der Glassteine gefunden war.
Die Anmutung des Handwerklichen setzt sich fort, wenn man das Gebäude umrundet und betritt. So präzise und technisch die Architektur auf den ersten Blick wirken mag, sie wurde vor Ort und nicht aus Fertigteilen zusammenmontiert, und die Materialien treten dem Betrachter ohne große Bearbeitung oder Veredelung gegenüber in der ihnen jeweils eigenen Qualität, egal, ob im Lager, wo eine Polycarbonatfassade an Stelle der großen Fenster tritt. Das trifft auch zu auf den Beton der zum Hang und zur dort „versteckten“ Anlieferung orientierten Nordfassaden. Hinter ihnen liegen die wenigen Büros und Besprechungsräume, die die Produktionsstätte benötigt, sowie die Cafeteria mit ihren Dachterrassen; über gläserne Wän-de stehen diese Bereiche mit der eigentlichen Werkshalle in Sichtkontakt.



Fakten
Architekten MetroOffice, Florenz
Adresse Via Villa di Sotto, 17-13, 53017 Radda in Chianti SI, Italien


aus Bauwelt 21.2020
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