Bauwelt

Eisfjordzentrum in Ilulissat


Ein Neubau inmitten zerbrechlicher Natur, der die Zerbrechlichkeit der Natur zu vermitteln versucht: Das Eisfjordzentrum von Dorte Mandrup an der Westküste Grönlands unternimmt einen Balanceakt.


Text: Ifversen, Karsten R.S., Kopenhagen


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    Ilulissat liegt an der Diskobucht an der Westküste Grönlands und ist das Haupttouristenziel des Landes.
    Foto: Adam Mørk

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    Ilulissat liegt an der Diskobucht an der Westküste Grönlands und ist das Haupttouristenziel des Landes.

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    Die Konstruktion des Besucherzentrums be­steht aus insgesamt 52 unterschiedlich geformten Stahlrahmen.
    Foto: Adam Mørk

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    Die Konstruktion des Besucherzentrums be­steht aus insgesamt 52 unterschiedlich geformten Stahlrahmen.

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    Das Dach ist Teil einer Wanderroute: Es neigt sich zu beiden Seiten und ist auf diese Weise begehbar.
    Foto: Adam Mørk

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    Das Dach ist Teil einer Wanderroute: Es neigt sich zu beiden Seiten und ist auf diese Weise begehbar.

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    Eine Reihe von Stiefeln im Eingangsraum fordert die Besucher diskret dazu auf, ...
    Foto: Adam Mørk

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    Eine Reihe von Stiefeln im Eingangsraum fordert die Besucher diskret dazu auf, ...

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    ... ihre Schuhe auszuziehen ...
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    ... ihre Schuhe auszuziehen ...

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    ... und den Ausstellungsparcours auf Strümpfen zu absolvieren.
    Foto: Adam Mørk

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    ... und den Ausstellungsparcours auf Strümpfen zu absolvieren.

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    Das Eisfjordzentrum ist das erste von fünf geplanten Besucherzentren in Grönland.
    Foto: Adam Mørk

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    Das Eisfjordzentrum ist das erste von fünf geplanten Besucherzentren in Grönland.

    Foto: Adam Mørk

Nördlich des Polarkreises in Grönland liegt eine Landschaft, die aus gutem Grund zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Hier kalben die größten Binnengletscher der Welt unentwegt riesige Eisbrocken in die Diskobucht. An dieser Bucht liegt Ilulissat, Grönlands drittgrößte Stadt mit knapp 4700 Einwohnern. Kleine, farbenfrohe Häuser markieren das hügelige Gelände mit Blick auf die treibenden Eisberge und die Berge des Fjords.
Die Stadt und der Fjord sind ein atemberaubender Anblick, weshalb es überrascht, dass der neue architektonische Höhepunkt und Treffpunkt der Gegend, das Eisfjordzentrum, nicht im Dorf liegt und von dort einen ungestörten Blick auf den Fjord und die Umgebung ermöglicht. Stattdessen wurde das Besucherzentrum im hinteren Teil der Stadt auf einem Hochplateau errichtet, auf einem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz neben einem Friedhof. Die Platzierung macht insoweit Sinn, als sie den Ausgangspunkt für vier verschiedene Wanderrouten bildet, was die eigentliche Attraktion und der Nutzen des Hauses ist. Der Wanderweg führt sogar bis über das Dach des Neubaus, das im Sommer als Aussichtspunkt fungiert.
Im Vergleich zu den Dimensionen und der Entstehungszeit der grönländischen Natur wirkt alles Menschengemachte, als könne es einfach von einem Windstoß hinweggefegt werden. Es scheint daher naheliegend, dem Gebäude die Form eines Flügels oder eines Bumerangs zu geben, von etwas, das mit der Luft verbunden ist. Dorte Mandrup, deren Architekturbüro hinter der federnden, leichten Form des Eisfjordzentrums steht, beschreibt es als eine Schneeeule, die ihre Flügel ausbreitet. Die Tragkonstruk-tion des Hauses besteht aus sichtbaren Stahlrahmen. Der Entwurf reagiert damit auf die Schwierigkeit, dass alle Materialien nach Grönland verschifft und vor Ort von lokalen Hand-werkern zusammengebaut werden mussten.

Auf Strümpfen

Das Gebäude öffnet sich an den Giebelseiten unter dem Schutz des Daches. Der Zugang ins Haus ist in der schwarz gestrichenen Holzverkleidung des Eingangsraums verborgen, eines amorphen, unter das Dach geschobenen „Kerns“. Auf einer handbeschrifteten Tafel steht mit Kreide „Eingang“ geschrieben, ein Pfeil zeigt auf die diskrete Tür: ein unprätentiöser Kontrast inmitten eines stark inszenierten Gebäudes. Hinter der Tür befindet sich ein enger, niedriger Raum ohne Tageslicht, verkleidet mit Eichenholzbrettern. Die Decke reicht tief hinunter bis über eine Bank, wo eine Reihe Stiefel dazu auffordert, die Schuhe auszuziehen. Auf Strümpfen geht es weiter zur Kasse. Durch die Glasfassade fällt Tageslicht ein. Auch hier sind Oberflächen und Möbel mit Eichenholz verkleidet.
Die Stahlrahmen, die die exponierte Konstruktion des Hauses bilden, verleihen dem Raumerlebnis und der Aussicht einen organischen Rhythmus. An den offenen Giebelseiten haben die dünnen Rahmen die Form von Dreiecken, dort, wo sich das Haus verdreht, zeichnen sie verzerrte Quadrate nach. Jeder Rahmen unterscheidet sich leicht vom anderen, ebenso die dazwischen angeordneten Fenster. Es ist ein aufwendiges Design, das aber die Bewegung durch das Gebäude vorantreibt und immer neue Abschnitte der Landschaft betont. Durch die dy-namische Anordnung der Rahmen fühlt man sich wie im Bauch eines großen Tieres.
Ein weiterer eingestellter Kern, hier befinden sich das Café und ein Kino, trennt den Empfangsbereich vom Höhepunkt des Zentrums: eine Ausstellung, schlicht und präzise inszeniert von JAC Studios, mit denen Dorte Mandrup auch beim Wattenmeer-Zentrum (Bauwelt 8.2017) in Dänemark zusammengearbeitet hatte. Kleine Eisberge aus mundgeblasenem Glas dienen als Vitrinen für Objekte und Animationsfilme, hochwertig ausgeführt und auf minimalistischen grauen Stahlständern aufgestellt. Neben der einfallsreichen Verwendung allerlei digitaler Projektionen und Bildschirmen das beste Element der Ausstellung: sechs Lesepulte entlang der Glasfassaden, auf denen riesige Bücher über Schnee, Jagdkultur und Eisberge aufgereiht sind. Die haptische und ästhetische Perfektion der Ausstellung beeindruckt.

Kaltes Gedächtnis

Nicht nur die Klimageschichte wird erzählt, sondern auch die Geschichte des Eises. Wie sich Wasserdampf in Schnee verwandelt, zu Eis gepresst und zu Bergen gedrückt wird. Die grönländische Jagdkultur und die wissenschaftliche Erforschung des Eises heute. Die Schichten des Eises und seine ständigen Bewegungen; die Forschungsstation, die im eiskalten Gedächtnis der Erde gräbt, steht dort, wo es am dicksten ist, und bewegt sich pro Woche um einen ganzen Meter.
Der letzte Kern des Hauses bildet den Abschluss der dynamischen Ausstellungsdramaturgie aus offenen und geschlossenen Räumen. Architektonisch enttäuscht der kleine, niedrige Raum mit seinen weiß gestrichenen Wänden im Vergleich zur konsequenten Verwendung von Eichenholz im Rest des Hauses. Doch er enthält eine aufschlussreiche Installation, die an seismologischen Stationen gemessene Bewegungen des Eises akustisch übersetzt.
Der Eisfjord ist eine gefährdete Landschaft. Durch menschliche Aktivitäten hat sich die Größe der Eismassen innerhalb von zehn Jahren halbiert. Noch nie ging das Schmelzen so schnell voran wie jetzt. Diese Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen unserer Lebensweise und dem Klimawandel rechtfertigt den ansonsten widersprüchlichen Akt der Steigerung des Tourismus mit allen damit verbundenen Folgen eines erhöhten CO2-Ausstoßes in einem Land, das am meisten von den Veränderungen betroffen ist.

Am Ende der Welt

Dorte Mandrup hat sich auf Besucherzentren in Unesco-geschützten Naturgebieten spezialisiert. Zwei sind derzeit am Wattenmeer in den Niederlanden und in Deutschland (Bauwelt 8.2018) im Bau, ein Walzentrum wird in Nordnorwegen gebaut (Bauwelt 1.2020), und kürzlich gewann das Büro den Preis für das Inuit Heritage Centre in Kanada. Allesamt sind das Bauten, die sich sensibel in die Natur einfügen, aber nicht zwangsläufig die örtliche Baukultur zur Kennt-nis nehmen. Beim Eis­fjordzentrum kann man sich, wenn man möchte, vielleicht an die großen, vergrabenen Torfhütten des 18. Jahrhunderts in Grönland erinnert fühlen, für deren Bau Walknochen und Rippen verwendet wurden. Doch zuvorderst handelt sich bei dem Neubau um ein Stück Markenarchitektur, das eine neue Attraktion in der Landschaft schafft und eine kulturelle Schicht über die Natur legt. Die Architektur ist vom Ort geprägt, jedoch nicht von den Traditionen des Ortes.
Der Tourismus ist Grönlands nächstes Geschäftsabenteuer, besser für die Umwelt als Bergbau und Fischerei, aber es scheint paradox, schöne Architektur an einem jener Orte zu errichten, an dem der Klimawandel am sichtbarsten ist. Das Eisfjordzentrum ist auf seine Art ein Gegenstück zum Restaurant am Ende der Welt in Douglas Adams’ satirischem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, in dem Zeitreisende mit Blick auf den spektakulären Zusammenbruch des Universums essen können.
Aus dem Dänischen von Marie Bruun Yde



Fakten
Architekten Dorte Mandrup, Kopenhagen
Adresse Sermermiut Aqquttaa B2089 Box 329, Ilulissat 3952, Grönland


aus Bauwelt 19.2023
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